Leseproben

 

"Lausche dem Rhythmus der Worte,
schicke deine Gedanken auf Reisen,
dann wirst du den Zauber anderer Welten
entdecken."

 

Leseproben:

Allen Besuchern meiner Webseite wünsche ich viel Freude beim Entdecken, Lesen und Stöbern.

Herzlichst Dorothea Möller

 

Die List des Zwergenkönigs


Vor langer Zeit, als die Naturvölker der Elfen, Elben, Feen und Zwerge noch in der Gemeinschaft mit den Menschen lebten, entwickelte sich eine Fehde zwischen dem hohen Herrn der Isle of Skye und dem Zwergenkönig Laurin.

Bis zu jener Zeit gaben die Menschen den Zwergen einen kleinen Teil ihrer Ernteerträge ab. Der hohe Herr von Castle Ewen, dessen Haus mitten im Steinkreis des Feenlandes des Fairy Glen lag, geriet in Streit mit dem gierigen Zwergenkönig.

Fairy Glen ist ein mystischer Ort auf der Isle of Skye – ein Land zwischen den Welten.

Ab sofort verlangte Laurin ein Drittel aller Erträge und Einkünfte des Landes. Das zweite Drittel forderte er für die Feen, welche nichts von seiner dreisten Forderung wussten, noch danach verlangten...

Allenfalls im Sommer erbaten die Feen einige süße Früchte als Winternahrung, aus dem sie Nektar brauten. Dazu gehörten Beeren und Mirabellen. Als sie von Laurins dreister Forderung erfuhren, wandten sie sich von seinem Volk ab, verbannten Laurin aus ihrem Reich und blieben den Menschen verbunden.

Erbost darüber, dass seine Pläne nicht fruchteten, schwor Laurin Rache. Doch plötzlich verschwand er ganz von der Isle of Skye. Laurin, wie sein Volk gerieten während zwei Jahrhunderten völlig in Vergessenheit.

Viele Menschengenerationen später wusste kaum jemand von der Sage um die Rache des Zwergenkönigs Laurin.

Auch im Feenreich wuchs eine neue Generation heran, welche unbeschwert lebte und nichts von dunklen Machenschaften des alten Zwergenkönigs ahnten.

Die Welt bewegte sich weiter. Was von Menschenhand geschaffen wurde, verging. Die Natur eroberte zurück, was einst ihr gehörte. Zwei Jahrhunderte später erinnerte nur noch ein Steinkreis im Tal der Feen an Castle Ewen. Über die Freundschaft zwischen dem Herren der Insel und den Feen legte sich der Schleier des Vergessens und so lebte jeder fortan in seiner Welt.

Der neue Clanführer Malcom McConnery war ein gerechter Anführer, der sich um Frieden zwischen den Clans und dem Feenreich bemühte. Endlich sah Laurin seine Chance gekommen. Er bemühte sich um die Gunst der neuen Feenkönigin. Sie kannte die alte Fehde nur aus Erzählungen. Laurin setzte alles daran, die Geschichte aus seiner Sicht dazustellen:

Die Menschen haben ohne jedweden Grund erwogen, ihre Abgaben an uns einzustellen“, erzählte er Elona. „Sie sind selbstsüchtig und böse“, schimpfte Laurin.

Schon deine Großmutter wollte etwas gegen den Clanführer unternehmen, tat es dann aber nicht.“

Mir hat sie nie etwas darüber erzählt“, wandte Elona ein. Beeren sammeln wir in den Wäldern. Selten wagen sich einige von uns in den Nächten in die Gärten der Menschen, um in den Besitz einiger Mirabellen zu kommen. Sag mir, warum sollten wir Streit mit ihnen beginnen? Missgunst, Neid und Hass kosten Kraft. Kraft, die wir nicht haben, da unser Volk seit Jahrhunderten schrumpft.“

Warum in Gottes Namen wollt Ihr nicht einfordern, was Euch zusteht?“, Lorin wirkte zornig.

Doch wenn Ihr diesen Weg ablehnt, wüsste ich etwas anderes, damit die Menschen ein für allemal ihre Lektion lernen,“ versuchte er erneut sein Glück.

Wie genau sieht Euer Plan aus, Zwergenkönig?“

Schickt die schönste Eurer Feen zur Burgfeste. Sie soll sich dort als Magd verdingen. Alles weitere überlasst mir!“, sagte er plötzlich sehr freundlich.

Ich will dem Clanführer Malcom nur eine Lektion erteilen. Auf diese Weise möchte ich seine Bereitschaft, erneut mit uns zu verhandeln, beschleunigen.“

Ich stimme nur unter einer Bedingung zu: Niemandem darf ein Leid geschehen!“

Ich verspreche es Euch...“, schmeichelte er.

Also gut. Möglicherweise ist er dann zu einem Gespräch bereit.“

 

Ein Etappenziel hatte Laurin erreicht. Jetzt mussten die Feen ihren Teil erfüllen. Kendra war die schönste Fee, die Laurin je sah. Sie war von zierlicher Gestalt und ihr blondes Haar leuchtete wie gesponnenes Gold. Die Augen waren tiefblau, wie die unergründlichen Tiefen in den Schottischen Seen. Ihre Anmut beeindruckte selbst Laurin. So bedurfte es keines Zaubers, um Malcom in ihren Bann zu ziehen.

Es kam wie Laurin es erhoffte. Malcom verliebte sich in Kendra. Aber auch Kendra entwickelte Gefühle für den stolzen Anführer des Clans.

Beide fanden zueinander und lebten einige Jahre glücklich miteinander, bis Kendra das Heimweh überkam. Trotz ihrer Liebe zu Malcom sehnte sie sich zurück.

An einem schönen Sommertag durchwanderten Malcom und Kendra das Feental. Plötzlich lief Kendra hinunter ins Tal des Fairy Glen. Malcom folgte ihr. Vermutlich ahnte er, was sie bewegte oder ihr Heimweh bewirkte. Da er sie sehr liebte, versuchte er sie festzuhalten, doch er bekam nur ein Stück ihres Umhang zu fassen, ehe sie für immer ins Feenreich verschwand.

Jetzt war Malcom ebenso unglücklich wie Kendra zuvor. Das Stück ihres Feenumhang diente viele Jahrzehnte als Fahne seines Hauses und wurde zum Glücksbringer seines Clans.

Bald darauf starb Malcom an gebrochenem Herzen und Kendra irrt noch immer unglücklich, traurig und allein durch den Fariy Glen. An trüben Sommertagen hören Wanderer manchmal ihr Wehklagen, wenn sie das Fairy Glen durchwandern.

 

 

Waldtherapie - Die Sehnsucht nach dem einfachen Leben

 

Für gestresste Manager und Mitarbeiter empfehlen viele große Firmen neuerdings eine Waldtherapie. Von Freitag bis Sonntag Nachmittag werden überarbeitete Kollegen auf Firmenkosten in den wunderschönen Wald geschickt, um sich ihrer Ursprünglichkeit bewusst zu werden.

Untergebracht werden sie meist auf spezialisierten Bauernhöfen mit merkwürdig anmutenden Gütezertifikaten. Diese bieten zur regulären Übernachtung, gegen Aufpreis versteht sich, eine Übernachtung im Heubett an. Heißt übersetzt – sie schlafen im Stall zwischen Spinnen und anderem Getier. Zurück zur Natur könnte die Zertifizierung das Qualitätssiegel hier lauten.

Die Hochglanzmagazinbranche sieht ein großartiges Geschäft in diesem Trend. Sie verdient tüchtig mit, indem sie seitenweise Anzeigen von Feriendomizilen auf dem Land schaltet. Farbenfrohe Fotos mit romantischen Texten lassen den verklärten Städter das lustvolle Ambiente des Landlebens neu entdecken.

Für Wochenendseminare reisen in der Regel zwei fachlich kompetente, hochmotivierte, wie qualifizierte Entspannungstherapeuten an. Manches Mal kommt sogar jemand für eine Aromatherapie dazu - als gäbe es auf dem Land nicht genügend Gerüche. Plumskloidylle eingeschlossen.

 

Barfuß durch den Wald laufen, die müden Füße im klaren Wasser eines Bachs abkühlen, sich selbst erspüren, zurück zur Ursprünglichkeit unserer Wurzeln finden, sind einige Programmpunkte. Ein weiterer das Umarmen von Bäumen.

Im Dort meiner Großmutter sah ich niemanden einen Baum umarmen, nicht einmal den Förster. Der Markierte sie allenfalls mit einer Spraydose für den Holzeinschlag. Vielleicht umarmen ja einige Jugendliche im Bierrausch den einen oder anderen Baum wenn sie von der Dorfdisco im Nachbardorf oder demSchützenfest durch den Wald heimkommen.

Was das Barfußlaufen angeht, unsere Oma hätte uns gewiss den Hintern versohlt, wären wir barfuß durch den Wald gelaufen. Wer von einer roten Waldameise, die sich zufällig in die Sandalen verirrt hat, traktiert worden ist, weiß was Schmerz bedeutet...

Kollektives Angeln ist ein weiteres Wellnesshighlight im Flyer.

Wer sich ein wenig mit dem Angeln auskennt, weiß, dass Fische auf Geräusche reagieren. Man angelt in der Stille.

Was nutzt es, wenn direkt am Ufer eines Sees erst lange Einweisungen für die Handhabung des Angelgeräts erfolgen, und alle Teilnehmer durcheinander fragen, oder mit ihren Eimern klappern? Die Fische haben dann längst das Weite gesucht, und kein noch so schmackhafter Köder wird sie veranlassen zu beißen.

Was die Seminare nicht zeigen ist das wahre Leben.

Aufstehen morgens um fünf Uhr. Kühe melken, die Milch zur Abholung bereitstellen und füttern. Ställe misten, Heu vom Heuboden holen oder in die nebenan liegenden Stallungen hinüber karren.

Danach sind die Hühner dran: Eier aus den Nestern nehmen, abwaschen und verpacken. Zwischendurch das Frühstück für die Familie vorbereiten weil der Schulbus pünktlich kommt, um die Kinder in das zehn Kilometer entfernte Kreisstädtchen zu bringen.

Einkäufe um die Ecke kann man hier nicht machen. Man muss motorisiert sein. Der nächste kleine Supermarkt liegt drei Kilometer entfernt und ist alles andere als günstig. Hier bekommt man einige Grundnahrungsmittel, Kosmetika und Getränke. Die Auswahl ist eingeschränkt. Das wahre Landleben ist hart. Ein Leben im Rhythmus der Jahreszeiten. Letztendlich dürfen Beeren und Obst an Sträuchern und Bäumen nicht vergammeln. Alles muss zum Markt, die Ware bedeutet Einnahmen.

Ganz ehrlich, an einem Wochenende kann man das einfache Leben unmöglich „erfahren“. Erst Recht nicht mit zertifizierten Antistress-Therapeuten, welche mit ihren neuen, sauberen Gummistiefeln und Landoutfit a la Lodenjacke daher kommen, und glauben, sie hätten das Leben auf dem Land neu erfunden.

Das natürliche Leben kann man nur Schritt für Schritt erfühlen, erleben und erfahren wenn man sich mit all seinen Sinnen darauf einlässt.

Es ist viel mehr als eine „Wochenend-Lebenseinstellung“.

Diese Geschichte entstand im Rahmen der Ausschreibungsmodalitäten des Viglius Mountain-Ressorts.


Abschied in ein neues Leben´


Traurig sah ich mich um. Alles wirkte kahl, trist und verlassen. Wo einmal Bilder hingen, zeichnet sich allenfalls die Kontur vom Staub an der Wand ab. Etwas in meinem Leben, was mich für die Dauer meines Studiums begleitete, gab es nicht mehr. Wichtige Dinge, die mir lieb und teuer sind, stehen längst an anderer Stelle. Verstaut in Holzkisten und Kartons - Geschirr, Bücher und auseinander gebaute Möbel. Erinnerungen werden wach:

Der erste Besuch der Eltern an einem Sonntagnachmittag

Die beste Freundin, die erstmals zu Besuch in die fremde Stadt kam und hier übernachtete.

Gemeinsame Studienabende mit Kommilitonen, die mit Pizza backen und einem Glas Rotwein um Mitternacht endeten.

Durchwachte Nächte am Schreibtisch, aus Angst vor bevorstehenden Prüfungen.

 

Das Ende des Studentenlebens in der Wohngemeinschaft, die sich nun auflöste. Menschen, mit denen man zusammenwachsen musste und wollte, und die sich nun in alle Winde verstreuten. Ein letztes Mal sehe ich mich in der leergeräumten Wohnung ohne Gardinen und Möbel um.

Ein Lebensabschnitt endet. Trotz des Abschieds herrscht Aufbruchstimmung, welche die melancholische Stimmung überstrahlt. Dieses letzte Mal hat trotz allem etwas beglückendes, was wir in unser neues Leben mitnehmen. So können wir kommende Herausforderungen leichter bestehen. Ich drehe mich um, schließe die Wohnung ab, stecke den Schlüssel in den dafür vorgesehenen Briefumschlag und werfe ihn in den Hausbriefkasten. Danach ziehe ich die Haustüre zu, steige in mein kleines, altes Auto, wobei ich den Blick hinauf zur Fensterfront der Wohnung vermeide und mache mich als letzte von vier Jungen Frauen auf den Weg. Doch eines weiß ich, unsere Freundschaft hat weiterhin bestand.

 

Diese Geschichte erschien im Elbverlag (November 2018) im Herzbuch - Ein letztes Mal

 

 

Ein Hund mit Namen Voodoo

Seit einigen Wochen verirrte sich eine streunende, abgemagerte Katze auf den Bauernhof. Die Kinder waren hellauf begeistert, als sie sich nach Wochen anlocken und füttern ließ. Irgendwann konnten sie das noch junge Tierchen sogar streicheln.

„Sie sucht sicher ein neues Zuhause“, versuchten sich die Kinder aufs betteln. Letzten Endes gaben die Eltern nach. Sie erlaubten, dass die Katze bleiben durfte. Unterschlupf fand sie im Stall. Sie erhielt den Namen Miez und wurde von der sechsjährige Anna getauft, indem sie eine Wasserflasche über ihr ausgoss... Miez war alles andere als begeistert. Seitdem suchte seitdem sie das Weite, wenn sie Anna sah.

Es wurde kühler, die Blätter der Laubbäume färbten sich bunt. Nach den ersten Herbststürmen lagen reichlich abgestorbene Äste Eicheln, Kastanien und Bucheckern, im Sumpfwald, die nur darauf warteten eingesammelt zu werden. Mit vollen Körben durchstreiften die drei Kinder bis zur Dunkelheit das Waldgebiet.

„Wir müssen nach Hause“, drängte Felix seine Schwestern.

„Ich muss noch bunte Blätter von verschiedenen Baumarten für die Schule einsammeln“, brummte Laura.

„Dazu hattest du doch genügend Zeit“, beschwerte sich ihr Bruder ungehalten. Er wusste genau, den Ärger bekam er, falls sie bei Anbruch der Dunkelheit nicht auf dem Hof sein würden. Ihre Eltern sahen es nicht gerne, wenn sie in der Dunkelheit im Sumpfwald waren.

„Ich brauche diese Blätter aber“, beharrte Laura, als ihre kleine Schwester plötzlich erschrocken nach ihrer Hand griff.

„Psst, da war was...“, sagte sie verschreckt.

„Quatsch, da ist nichts“, sagte Laura und schüttelte ihre Hand ab.

„Doch, Hirngespinste,“ unkte Felix und lachte sie aus.

„Doch, jetzt habe ich auch etwas gehört. Es klang wie ein winseln.“ Laura horchte in Wald hinein.

„Ihr spinnt doch alle beide!“ Felix war genervt.

Er ging einige Schritte vor, als auch er ein langgezogenes Jaulen hörte.

„Das ist ein Hund“, rief er.

„Vielleicht sitzt er im Moderloch und kommt nicht allein heraus“, kommandierte er. Schon rannte er los.

Atemlos kam er am Moderloch an, doch dort war das Tier nicht. Der mittelgroße, schwarze Hund lag ein Stück weiter unter einer dünnen, umgestürzten Birke. Offensichtlich konnte er sich selbst nicht befreien.

„Los, wir müssen ihm helfen“,kommandierte Felix, „wer weiß wie lange er dort schon festsitzt.“

„Was ist, wenn der beißt?“, jammerte Anna, die Jüngste.

„Der ist froh, wenn wir ihm helfen“. Laura streckte ihre Hand aus, ließ ihn daran schnuppern.

„Ist ja gut, wir helfen dir.“

Beruhigend sprach sie auf das unruhige Tier ein. Dabei versuchte sie gemeinsam mit Felix den kleinen umgestürzten Baum anzuheben, während Anna neugierig, aber ängstlich Abstand nehmend zusah.

„Du kannst auch mal helfen“, fuhr Laura sie an. „Locke ihn mit irgendetwas hervor..“

„Komm, Hundchen, komm“, rief die sechsjährige beherzt, als ihr nichts besseres einfiel.

Mit scheinbar letzter Kraft kroch er etwas vorwärts.

Entschlossen hob Laura ihn hoch, was er widerstandslos zuließ. „Schau nach, ob am Halsband eine Hundemarke ist oder ob es einen Hinweis auf seinen Namen gibt“, riet Felix.

„Im Halbdunkeln sehe ich nichts“, wehrte Laura ab.

„Dann nehmen wir ihn mit nach Hause“, sagte Felix entschlossen.

 

Daheim angekommen, schauten sie sich die Marke am Halsband an.

„Da steht etwas. Ich kann es kaum lesen, so zerkratzt ist die Marke...“, rief Felix erstaunt.

„Lasst mich mal einen Blick drauf werfen“, verlangte ihre Mutter, sie hielt bereits eine Lupe in der Hand.

Mit angehaltenem Atem standen die Drei um sie herum, in der Hoffnung, dass sie den Namen entziffern könnte.

„Da steht eindeutig Voodoo.“ Überrascht schüttelte die Mutter den Kopf. „Da hat sich jemand einen Schmerz erlaubt.“

„Aber wir dürfen ihn erst einmal behalten,ja?“

Prüfend sah die Mutter sie an. In Gedanken schien sie abzuwägen, was das Richtige sei.

„So lange bis seine Verletzungen am Rücken abgeheilt sind. Außerdem humpelt er noch ein wenig. In der Zwischenzeit horcht ihr in der Nachbarschaft oder im Ort herum, ob jemand einen Hund vermisst.

Sie bereiteten ihm ein kleines Lager in der Küche. Er schien gut erzogen, denn er pinkelte nicht einmal in die Küche. Sobald er raus wollte, meldete er sich. Nach einigen Tagen ging es ihm wieder besser und er sprang munter herum. Doch niemand schien ein Tier zu vermissen.

„Wir werden ein Foto von ihm machen, dazu schreiben wir einen kurzen Text und hängen Fotokopien an den Bäumen entlang der Schnellstraße auf. Vielleicht kam er von der anderen Seite der Ortschaft“, mutmaßte ihr Vater.

 

Kaum war der Hund im Haus geschahen merkwürdige Dinge. Am Morgen lagen mit einem Mal tote Ratten vor der Haustüre. Vorräte aus der Kammer verschwanden, obwohl das Tier genügend zu fressen bekam.

Am Reformationstag, den viele Jugendliche im Ort als Halloweentag feierten, wurde Voodoo unruhig. Der Tag begann mit einigen Aufregungen – Miez war verschwunden und unauffindbar. Voodoo jaulte den halben Tag oder kläffte aus unbekannten Gründen die Schafe an.

„Irgendetwas stimmt mit dem Hund nicht“. Der Vater wirkte besorgt. „Er wird doch nicht krank sein oder gar die Tollwut haben“, überlegte er.

Hatte er vielleicht etwas mit den Ratten oder dem Verschwinden der Katze zu tun? Es gab immer noch keinen Hinweis auf seinen Besitzer.

 

Auch Felix machte sich Sorgen. An einem Abend in der dunklen Küche leuchteten seine Augen so merkwürdig. Schließlich kam er aus dem Sumpfwald. Die Leute im Ort erzählten sich, dass es dort Geister gäbe. Bislang hatte er nicht daran geglaubt, aber jetzt...?

Kam Voodoo vielleicht aus der Zwischenwelt und wurde um Mitternacht zur Bestie? Was war, wenn er jemanden aus der beißt und Derjenige wohl möglich eine Verwandlung durchmachte? Felix liebte Horrorgeschichten und hatte schon viele gelesen, dass seine Phantasie mit ihm durchging.

Würde Voodoo am Ende der Nacht ein anderer, der durch den Schleicher der Zeiten gehen musste? Viele Fragen geisterten in seinem Kopf herum. Vielleicht reißt er unsere Schafe, weil er zum Werwolf mutierte?

Mittlerweile lief Felix ebenso aufgeregt hin und her wie Voodoo.

Die Nacht wurde stürmisch. Schaurig heulte der Wind lautstark ums Haus. In dieser Nacht schliefen alle Bewohner im Hause sehr unruhig... Ob es an den Schauergeschichten lag, die jeder zu erzählen wusste?

 

Am Morgen des Allerheiligentag war der Spuk vorüber. Voodoo hatte weder rote Augen, noch war er zum Monster geworden.

Und Miez? Als Anna am Morgen die Kaninchen fütterte, hörte sie Geräusche, die sie nicht zuordnen konnte. Vorsichtig schlich sie weiter, dann hätte sie beinahe laut los gejubelt. Dort lagen fünf kleine Kitten. Miez hatte in der Nacht Kinder zur Welt gebracht. Vermutlich war sie deswegen verschwunden.

Voodoo schien genauso wenig ein Herrchen zu haben, wie Miez einen Besitzer. So blieb auch er auf dem Hof. Da er sehr gelehrig war, wurde er im Folgejahr zum Hütehund für die Schafe ausgebildet...

 

 

Warnung aus dem Jenseits

Seit einigen Nächten plagten Sophie Alpträume. Sie schob es auf den Stress ihrer Hochzeitsvorbereitungen, die sie annähernd im Alleingang organisieren musste. In einer knappen Woche würde sie Robert, einen charmanten gutaussehenden Geschäftsmann heiraten. Seit Vaters Schlaganfall war alles sehr schnell gegangen. Sie wusste als Galeristin zu wenig von den geschäftlichen Dingen, um das väterliche Gestüt allein verwalten zu können. Dass es verschuldet war, ahnte Sophie nicht. So oft es ihre Zeit erlaubte, war sie an der Seite des Vaters, der im Sanatorium lag. Robert, ein Freund der Familie, kümmerte sich zwischenzeitlich um Ratenverträge, deren Tilgung und darum, dass Pferde aus der Zucht auf Auktionen verkauft wurden.

Robert war der Ansicht, Sophie wüsste besser in Hochzeitsangelegenheiten was zu wäre. So suchte sie ihr Brautkleid an einem Nachmittag quasi im Vorrübergehen aus, schrieb die Gästeliste, die überwiegend aus Geschäftsfreunden bestand, sowie die Einladungen und bestellte das Menü. Zuletzt suchte sie sogar den Blumenschmuck für die Kirchendekoration allein aus. Sie wusste nicht einmal, welche Blumen ihm gefallen würden… Eine gute Woche vor der Hochzeit hatten sie immer noch keine Ringe. Erst zu diesem Zeitpunkt fiel Robert ein, dass sie ja auch Ringe benötigten… Wieder überließ er es ihr, eine Vorauswahl zu treffen, da er geschäftlich in Ausland war. Langsam fragte sich Sophie, ob sie einen Geist heiraten würde. Sie kannte Robert seit einigen Jahren, doch wirklich viel wusste sie nicht über ihn, stellte sie jetzt fest. Er war bereits zwei Mal verheiratet gewesen, kinderlos und… Seufzend stand sie auf, vertrieb die trüben Gedanken und duschte. Nach einer Weile kehrten ihre Gedanken automatisch zum Alptraum zurück.

Der Traum kehrte regelmäßig wieder, sie erwachte an derselben Stelle:

Sophie stand vor dem Altar als sie eine schöne Geisterjungfrau in kostbaren Gewändern aus Samt und Seide auf einer Fensterbank im Seitenfenster der Kapelle sitzen sah. Selbige beschimpfte Robert als Verbrecher und Mörder…. Sophie schauderte als sie ihren Spiegelschrank öffnete. Versehentlich hebelte sich dabei die Türe aus. Diese rutschte ihr aus den beiden Fingern, mit der sie sie öffnen wollte und tausende kleine Scherben flogen beim Aufprall über den Boden. „Verflixter Mist“, rief sie. Die Spruchweisheit mit den sieben Jahren Glück oder Unglück beim Zerbrechen eines Spiegels ging ihr durch den Sinn. Energisch schüttelte sie den Kopf. Nachdem sie aufgekehrt und gesaugt hatte, fuhr sie zum Gestüt. In der Küche traf sie Martha die Köchin und Seele des Hauses, seit ihre Mutter verstorben war. „Du siehst schlecht aus Kind“, begrüßte sie Sophie und goss ihr eine Tasse Kaffee ein, welche sie ihr mit einem prüfenden Blick reichte. „Wieder der Alptraum“, fragte Martha. Sophie nickte. „Vielleicht enthält er eine Botschaft aus deinem Unterbewusstsein“ philosophierte Martha. „Ja, dass ich zu viel allein regeln musste“, erklärte Sophie finster. „Gleich fahre ich zu Papa ins Krankenhaus, dann zur Anprobe des geänderten Brautkleides…“ „… ja und für den Rest des Tages nimmst du frei“, stoppte Martha energisch ihre Planungen. „Denk in Ruhe über diesen Traum nach. Vielleicht kommst du von selbst auf die Lösung oder auf das, was die Geisterjungfrau gerade dir sagen möchte…“ Sophie nickte geistesabwesend. „Hinter allem steckt nicht nur eine Botschaft, sondern auch eine Weisheit – du wirst hinter das Geheimnis kommen“, prophezeite ihr Martha.

Die Alpträume kamen nicht zurück, vermutlich weil Sophie jeden Abend todmüde ins Bett fiel. Robert und sie hatten zwischen zwei Terminen die Ringe ausgesucht. Am Tag vor der Hochzeit ging Sophie zur Kirche um zu beten. Ihr stockte der Atem nachdem sie die Seitenkapelle betrat. Verwüstung, wohin sie auch blickte! Umgestürzte Kirchenbänke, heruntergerissene Holzbilder vom Kreuzweg, Kerzenständer und Kerzen lagen zwischen zerfetzten Gesangbüchern mitten im Raum. Das Kreuz lag abgehangen auf den Boden, die Scheiben der Kirchenfenster mit seltsamen Zechen beschmiert. „Nurdas Fenster auf dem die Jungfrau in ihrem Traum gesessen hatte, war merkwürdigerweise verschont geblieben“ bemerkte Sophie aus den Augenwinkeln. Fassungslos sah sie sich um. Wer konnte solch einen Groll gegen sie, Robert oder gegen ihre Verbindung hegen...? Der Pfarrer betrat durch die Sakristei seine Kirche und sah in stummer Entrüstung und Entsetzen auf die Verwüstung. „Oh meine Gott, welch eine Süde, welche Blasphemie“, stammelte er fassungslos. Zum Glück war nichts massiv beschädigt oder gestohlen worden, so dass sie sich entschieden keine Polizei einzuschalten. „Ich verstehe es auch nicht“, murmelte Sophie. Sie griff zum Handy, versuchte Robert anzurufen, doch sie erreichte nur die Mailbox. „Typisch, wenn man ihn braucht, ist er nicht erreichbar“, dachte sie erbost. Danach informierte sie Martha, rief einige enge Freund an, schilderte die Situation und bat sie rasch zu kommen. Alle kamen und halfen die Kirche aufzuräumen, putzten die Fenster und räumten gründlich auf. Robert hatte sich nicht gemeldet.

Als sie Daheim zur Ruhe kam, dachte sie noch einmal nach. Zweifel an ihrer Verbindung kamen in ihr auf. Liebte er sie oder stand die Zweckgemeinschaft für ihn im Vordergrund? Durch den Verkauf der Pferde hatte auch er verdient, so war es vertraglich vereinbart. Sie mochte seine zupackende Art, seinen trockenen Humor, schätzte ihn als Geschäftsmann… aber sie liebte ihn nicht. Sie wusste, dass er bereits zwei Mal verheiratet war, beide Frauen waren verstorben. Die erste sei unter mysteriösen Umständen im Schlaf an einer Atemlähmung verstorben, die zweite bei einem Autounfall. Beide waren vermögend, Robert der Alleinerbe. Ein böser Verdacht wuchs in ihr… Beide Ehen bestanden nur wenige Monate… Morgen würde sie heiraten, was würde geschehen, wenn er wirklich ein Mörder war… Sie zwang sich den Gedanken nicht zu Ende zu denken! In dieser Nacht träumte sie nicht von der Kirche, sondern dass die Jungfrau an ihrem Bett stand und sie eindringlich warnte. „Sophie, wach auf. Du darfst ihn nicht heiraten, sonst wird dein Ende tragisch sein, wie einst das Meine!“ Sophie war in einer Art Halbwachzustand. Ihr Unterbewusstsein wollte weiterzuschlafen, da sie wollte wissen, was die Geisterjungfrau ihr noch zu sagen hatte. „Robert war im früheren Leben Heinrich der Achte und ich war einst seine Frau. Damals starb ich auf dem Schafott. Heute bringt er seine Frauen auf eine andere Art um… Sophie sah sie klar vor ihrem geistigen Auge und schlug mit klopfendem Herzen schweißgebadet die Augen auf. In ihrem Kopf hallte noch die Stimme der Erscheinung nach. Sie rief noch: „…ich bin Anna Boleyn, vertrau mir…“.

Zitternd schob Sophie die Gedanken von sich, die sich in ihrem Kopf überschlugen. Sie war entsetzt! Bebend vor Angst fuhr sie zu Martha und berichtete stockend vom Traum. „Was soll ich tun“, fragte Sophie völlig aufgelöst und weinend. Martha antwortete: „Die seltsamen Geschehnisse, die wochenlangen Alptraume, der zerbrochene Spiegel und die verwüstete Kirche können kein Zufall sein! Tritt vor den Altar – wenn sie dich schützen will, erscheint sie wirklich…!“ Entgeistert sah Sophie Martha an. „….bist du sicher…oder werde ich einfach nur wahnsinnig“, stammelte sie. „Sie wird erscheinen, da ich bin ganz sicher!“

Der gutaussehende, selbstbewusste Robert stand am blumengeschmückten Altar und wartete auf seine Braut. Die Kirche war wunderschön geschmückt und alle Gäste erschienen. Die Musik setzte ein, als Sophie die Kirche mit klopfendem Herzen betrat. Sophie schritt den Gang entlang, wartete auf ein Wunder eine Art Absolution, die sie vor der Heirat schützen konnte. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie verstohlen das Fenster, wo im Traum die Geisterjungfrau gesessen hatte. Der Pfarrer war bereits bei der Predigt, doch nichts geschah. Als die Orgel erneut ein Lied anstimmte, verdunkelte sich das Fenster, welches Sophie die ganze Zeit beobachtet hatte. Eine Gestalt wurde sichtbar und schwebte zum Altar herab. Niemand schien etwas davon zu bemerken. Ein Ruck ging durch Roberts Körper, er wurde bleich wie die Wand. Anna stand aus dem Nichts vor ihm und hielt einen Dolch in der Hand. „Du hast lange genug gemordet und dich deiner Frauen entledigt. Das muss ein Ende haben! Sie stach mit dem Dolch in sein Herz, doch nichts geschah. Er sah Anna fassungslos an und grinste dann hämisch. In diesem Moment begriff Sophie, dass Robert die Geisterjungfrau auch sehen konnte und sie kein Hirngespinst ihrer überreizten Nerven war. Die Haupttüre der Kapelle wurde plötzlich aufgerissen, einige uniformierte Polizisten verteilten sich in die Kirche. Ein Raunen ging durch die Menschen, viele reckten die Hälse um besser sehen zu können. Ein Mann in zivil trat vor den Altar. „Sie entschuldigen bitte dass wir die Zeremonie stören, doch glauben Sie mir, es ist das Beste, was Ihnen passieren konnte“, wandte er sich an Sophie, während er ihr seine Polizeimarke zeigte. An Robert gewandt sagte er: „Sie sind verhaftet wegen des Mordes an ihren beiden Ehefrauen. Wir wissen, wie sie beide umgebracht und sich das Vermögen als Alleinerbe erschlichen haben…“ Ein lautes Stimmengewirr erhob sich, einige Gäste verließen geschockt die Kirche, andere diskutierten lautstark während Robert in Handschellen aus der Kirche geführt wurde. Bisher hatte er kein Wort gesagt, dann brach es plötzlich aus ihm heraus. „Ich komme wieder Anna Boleyn und du wirst tausend Tode sterben“. Sophie stand allein in der leeren Kirche, nur Martha wartete im Seitengang auf sie, als Anna Boleyn im Lichtschein der durchs Fenster einfallenden Sonnenstrahlen aus Fleisch und Blut sichtbar wurde. „Ich danke dir Anna, ich danke dir von ganzem Herzen, auch wenn ich deine Warnung am Anfang nicht wirklich verstanden habe…“, flüsterte Sophie. Anna schenkte ihr ein strahlendes Lächeln, nickte ihr zu und verschwand in einem Nebelhauch.

Diese Geschichte erschien in der Hochzeitsanthologie: Verliebt, verlobt... Die fantastisch schaurige Hochzeitsanthologie: Grusel, Romantik, Hochzeit, Heirat, Altar, Fantasy in der Toma Edition.


Was arbeitet eine Nonne, Mama...?

Als meine Großmutter ins Krankenhaus musste, waren unsere Kinder noch recht jung.

Dort fand ihre erste Begegnung mit einer Nonne im traditionellem Ordenshabit und Kopfschmuck statt. Eingeschüchtert von der schwarz-weißen Kluft, drückten sich beide Kinder enger an mich.

Die Nonne war etwa so alt wie ihre Oma und offensichtlich sehr kinderfreundlich.

„Hallo, ihr Zwei,“ sprach sie unsere Söhne an, „ihr braucht keine Angst zu haben. Ich heiße Gundhild und versorge hier die Kranken.“

Sie streckte ihre Hand aus, um beide zu begrüßen.

Nur zögerlich gaben unsere Kinder ihr die Hand.

„Ich denke, Ihre Ordenstracht wirkt sehr beeindruckend,“ versuchte ich die Befangenheit der Kinder zu erklären.

„Das kennen wir. In der Regel verlieren sie rasch ihre Angst, wenn sie uns auf der Station bei unserer Arbeit erleben“ erklärte sie mir lächelnd. „Oder wir sie mit Keksen ködern,“ setzte sie lachend hinzu.

Später im Krankenzimmer fragte unser vierjähriger Sohn leise: „Mama, was machen die Nonnen den ganzen Tag?“

„Weißt du, sie nehmen die Patienten hier auf, bereiten die Krankenakten vor und arbeiten auf den Stationen. Dort teilen sie Essen aus, oder helfen den Leuten beim Aufstehen aus dem Bett, beziehen die Betten neu“ , erzählte ich.

Aufmerksam lauschte er meinen Worten.

„Andere helfen in der Küche oder backen Kuchen für den Nachmittagskaffee in der Cafeteria. Vorhin, als wir ankamen haben wir auch eine der Nonnen mit einem Bücherwagen gesehen, vermutlich verleihen sie auch Bücher und verteilen Zeitungen,“ erklärte ich ihm.

„Mama, Tante Barbara sagt, sie sind nicht immer fröhlich.“

„Warum sollten sie immer fröhlich sein? Du, oder Tante Barbara seid auch nicht immer fröhlich..“.

Ich verstand den Sinn hinter seinen Worten nicht so ganz.

Was hatte meine Cousine den Kindern nur erzählt?“, überlegte ich.

Doch da plapperte mein Sohn schon munter weiter.

„Tante Barbara sagt, sie sind alle mit demselben Mann verheiratet – das geht doch gar nicht...“.

Im ersten Moment schluckte ich. Das war eine heikle Situation, bei der ich mit Fingerspitzengefühl vorgehen und viel erklären musste.

„Ich glaube, deine Tante meinte, dass alle Nonnen, die in den Orden eintreten, ein Gelübde ablegen und so eine Braut vom lieben Gott werden.“

„Mama, das geht doch gar nicht, der liebe Gott kann doch nicht so viele Frauen haben“, erklärte mir mein Sohn nun altklug.

„Mein Schatz, der liebe Gott ist der einzige Mann, der so viele Frauen hat.“

„Das ist aber unfair Mama. Du sagst immer man soll gerecht sein.“

Na wurderbar“, dachte ich. „Mit ihrer unbedachten Äußerung hatte meine Cousine ja so einige Überlegungen bei meinem Sohn in Gang gesetzt, was ich nun ausbaden musste.

Während ich noch nach den richtigen Worten suchte, hellte sich plötzlich das Gesicht von meinem Kind auf.

„Mama, weißt du was?“ Mit bangem Gesicht erwartete ich seine nächste kindliche Idee.

„Wenn ich groß bin werde ich Nonnerich, dann sind die Nonnen auch nicht mehr traurig....“

 

 

TRAUER

Lerne mit der Trauer zu leben!

Gib ihr Raum in Deinem Herzen, lache und liebe mit ihr,

denn sie wird Dich Dein Leben lang wie ein Schatten begleiten und nie ganz vergehen,

wenn Du einen geliebten Menschen verloren hast!

 

 


Blühendes Unkraut

 

Während meiner Kinderzeit verbrachte ich so oft es möglich war, die Sommerferien bei meiner Großmutter in Mecklenburg. In einem Jahr lagen die Ferienzeiten glücklicherweise so, dass wir am Geburtstag meiner Großmutter dabei waren, was sonst, aufgrund der Entfernung und vorab zu beantragenden Einreisevisa nicht möglich war.

Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag und meinen Kummer, dass ich mit meinen neun Jahren kein Geschenk für sie hatte.

Bastelarbeiten konnte ich nicht anfertigen, das wäre ihr gewiss vorher aufgefallen und ein Bild malen wollte ich auch nicht, dass erschien mir zu wenig! Eine Torte und Stauden für den Garten, wollte meine Tante mitbringen. Das Geschenk ihrer Kinder, einen neuen Teppich brachte mein Onkel mit, Pflegeprodukte, Parfüm und einen Bademantel schenke ihr meine Mutter. Ich überlegte angestrengt, womit ich sie erfreuen könnte, doch mir fiel nichts Passendes ein.

Missmutig und schlecht gelaunt ging ich zu meiner Mutter und schüttete ihr mein Herz aus. Sie verstand meinen Kummer und den Wunsch, Omi ein persönliches Geschenk zu machen – eben nicht nur den Tisch zu decken, wie ich es am Morgen getan hatte…!

„Geh hinter die Pferdekoppel ins Kornfeld“, sagte meine Mutter.

„Dort pflückst du die blauen Blumen, am besten einen ganzen Arm voll. Das sind ihre Lieblingsblumen. Falls nicht so viele im Feld stehen, nimm noch Kamillenblüten und einige Stängel roten Klatschmohn dazu – wie auf dem gemalten Bild in der Küche!“

Voller Freude zog ich los und pflückte einen großen Strauß blauer, roter und weißer Blumen, die ich mit einigen Kornähren verschönerte. Den Strauß brachte ich wenig später zu Omi in die Küche. Sie freute sich sehr, umarmte mich und stellte ihn in eine Glasvase mitten auf den Tisch.

Zum Mittagessen kamen meine Tante und ihre Familie. Sie brachte Omi einen Strauß Rosen aus eigener Züchtung mit. Ganz selbstverständlich griff sie nach der Vase mit dem Feldblumenstrauß und sagte: „Mutti, das blühende Unkraut werfe ich raus, wer weiß, ob da nicht Zecken drauf sitzen. Außerdem kommen die Rosen hier in der Glasvase richtig gut zur Geltung!“

Meine Großmutter sah sie entgeistert an und antwortete entrüstet: „Die Feldblumen bleiben auf dem Tisch, damit ich sie immer sehen kann. Deine Rosen stellen wir ins Wohnzimmer auf den Beistelltisch, damit keines der Kinder sie umwerfen kann!“

Dann sah sie mich an, kniff mir ein Auge zu und ich wusste, dass sie meinen Strauß ebenso schön fand wie die Rosen meiner Tante, weil die blauen Kornblumen ihre Lieblingsblumen waren.

Erschienen im Elbverlag 2012

 

 

Wann beginnt der Frühling?

Eines ist klar, wenn es laut Kalender Frühling wird, dann muss er nicht auch zwangsläufig beginnen!

Ist es vielleicht das Schneeglöckchen oder das erste Grün des Krokus? Sind die Störche, die aus Afrika zurückkehren unsere speziellen Frühlingsboten, oder doch eher die Singvögel? Egal, welche Blume, welches Tier, der Frühlingsbeginn zeigt sich für jeden anders!

Wir spüren dass die Jahreszeit im Wandel ist.

Die Tage werden bereits Ende Januar merklich länger – ein untrügliches erstes Zeichen, das die dunkle Winterzeit vorüber ist. Für kurze Zeit erreichen die ersten Sonnenstrahlen die Erde. Noch befindet sich die Natur in einer Art Wartezeit um für den richtigen Augenblick gewappnet zu sein. Doch der Kampf der Naturelemente ist zwischen Januar und März noch nicht beendet. Erst wenn die Sonne über dem Horizont höher steigt, besiegt sie die Frühlingsstürme und verdrängt die Kälte.

Das rasche Hervorbrechen aller Naturkräfte durch das Keimen von Pflanzen - wie Hyazinthen, Tulpen und Narzissen, zeigen uns den Lebenswillen der Natur. Die Zeitumstellung ist für viele Menschen dann der endgültige Frühlingsstart. - Warum? Ganz klar, weil die Frühjahrsmüdigkeit jetzt beginnt!

Die Mutter meines Vaters sprach in dieser Zeit immer vom „Reinemachen des Hauses“. Schon bald stapfte sie, bewaffnet mit Putzeimer, Schrubber und Wischmopp sowie einem Staubtuch in die Küche. Ihr Gesichtsausdruck war grimmig und so rückte sie dem Winterdreck auf den Pelz! Sie blies symbolisch zum Hallali auf Staub und Schmutz. Spätestens jetzt war es an der Zeit die Flucht zu ergreifen, weil sie dann übellaunig loslegte um auf Schränken und in den Ecken Spinnen zu jagen. Gardinen wurden abgenommen und ausgetauscht, in Schränken herumgekramt und die letzten Spekulatien vom Weihnachtsfest hervorgeholt... Unter uns gesagt, wir Kinder sagten immer, bei Oma gibt es die Vorösterlichen...!

Manch einer räumt, wie auf ein geheimes Signal die Wintergarderobe nach hinten in den Schrank und tauscht sie gegen die leichtere Frühjahrsbekleidung. Wieder andere sortieren Bücher, Papiere oder ähnliche Formulare von ihrem Schreibtisch in Ordner ein. Manch einer quält sich um diese Zeit durch die Steuererklärung – sowie ich beispielsweise….

Fakt ist, ein unruhiges Treiben setzt ein, immer noch abwartend, auf einen Hinweis, der uns richtig durchstarten lässt.

Für mich persönlich ist der Frühling nicht mehr fern, wenn das erste Grün des Schnittlauchs zu sprießen beginnt und ich so viel davon abschneiden kann, dass es für die erste Pfanne mit Rührei zum Sonntagsfrühstück mit der Familie ausreicht!

Geschrieben für die Lesewanderung 2013 in Gladbeck

 

 

Gedanken zum Glück

Was macht uns wirklich glücklich? Selbst Glücksforscher haben bislang keine eindeutige Antwort darauf gefunden. Aber sie haben eine "Anleitung zum Glücklichsein" erstellt wobei die Ideen dahinter von mir stammen:

Das Lächeln eines Kindes!

Rituale - wiederkehrende Abläufe oder Familientraditionen gehören z. B. dazu Alles Dinge die wir selbst gerne haben.

Das einfache Leben - Barfuß über eine Wiese laufen, ein spontanes Picknick irgendwo auf einer Bank oder unterwegs auf einer Wanderung

Düfte - Gerüche aus der Kindheit: Bohnerwachs auf alte Dielen, Zimtschnecken oder Waffeln, wie Oma sie gebacken hat,

Alte Fotos - wenn wir alte Fotos ansehen und über uns selbst lachen könne, die Kleidung, die Frisuren, am besten mit unseren Freunden von damals.

Eine schlichte Mahlzeit - Wein, Weintrauben, Käse und ein gutes Gespräch, ein perfekter Tagesausklang.

Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und soll als Inspiration dienen. Sicher fällt Euch selbst auch eine ganze Menge dazu ein...

 

 

"Versäumte Momente"

Mit ihren sechsundachtzig Jahren war sie geistig wie körperlich immer noch recht fit zu nennen. Klar, das Auf- und Abhängen von Gardinen sollte sie tunlichst vermeiden, hatte der Arzt ihr gesagt, doch an „Wohlfühltagen“, kam es durchaus vor, dass sie es trotzdem tat und sogar auf die Leiter stieg.

Das Ergebnis ihrer Mühen wurde von ihren Kindern jedoch weder bestaunt noch gelobt, sondern gescholten. Die erwachsenen Kinder verstanden sie nicht. Wollte sie doch noch so viel wie möglich allein bewerkstelligen – so wie früher - als ihr alles noch flotter von der Hand ging und sie nicht ständig um etwas bitten musste...

Schlimm waren jene langen, dunklen Herbst- und Wintertage, an denen sie nicht viel tun konnte. Das Tageslicht war trübe, der Tag zog sich, für sie war er qualvoll und lang. Nein, diese Jahreszeit empfand sie oftmals als langweilig. Das Lesen bei Lampenlicht ermüdete die Augen, an der Nähmaschine sah sie kaum noch etwas im winzigen Licht der kleinen Nähmaschinenbeleuchtung, geschweige denn einen Faden konnte sie einfädeln. Das Häkeln und Stricken ging ihr nicht mehr so gewandt von der Hand und manches Mal, fielen ihr einige Maschen vom Nadelspiel, besonders beim Wechsel zwischen vier Nadeln. So verlor sie nach und nach die Lust daran, für ihre Enkel Sökchen oder Fäustlinge zu stricken.

Einwecken oder Einkochen musste sie für sich allein auch nichts mehr, andernfalls es gab ja Tiefkühlgeräte wo die Sachen frisch hineingelegt wurden.

Das mühevolle Teig kneten um Brot zu backen erledigte die Küchenmaschine für sie. Außerdem gab es selbstgebackenes Brot allenfalls an besonderen Festtagen.

Ja, die Zeit hatte sich gewandelt, ebenso wie ihr Geist und ihr Körper: Sie hatte Arthrose in den Gelenken, die Beweglichkeit ließ nach und alles, was sie tat erforderte mehr Zeit. Wie oft hatte sie sich als junge, berufstätige Frau mehr Freizeit zwischen Familie und Beruf gewünscht? Jetzt hatte sie diese freie Zeit, doch alles dauerte länger. Sie konnte die vielen fehlenden Stunden nicht nachholen oder nacharbeiten, auch war es ihr nicht möglich die Zeit zurückzudrehen, ihre „Wohlfühltage“ zu verlängern, oder gar anzuhalten.

So sehnte sie sich nach den Tagen zurück, wo sie unbeschwerter gelebt hatte, zum Beispiel ohne Schmerzen. Mit dem Alter kamen die Beschwerden, die Einsamkeit und irgendwann auch die Vergesslichkeit, vor der sie sich so sehr fürchtete. Denn nun hatten ihre Kinder kaum Zeit für sie. Nur zu gern hätte sie ihnen gesagt, nehmt Euch mehr Zeit zum Leben, zum Genießen, zum Freuen. Einfach nur um Euch später erinnern zu können, an den Zauber eines besonderen Augenblicks. Einen Augenblick in Eurem Leben, von dem Ihr im Alter oder sogar den Rest Eures Lebens zehren könnt... Oder war es ihre Wahrnehmung, die ihre Tage so lang und öde erscheinen ließ?

Lebenszeit sollte in schönen Momenten, dem Lachen und mit dem Herzen gemessen werden, dachte sie und schlief ermattet ein. Mit  einem beseelten Lächeln auf den Lippen glitt sie hinüber in eine andere Welt. Ihre letzten Gedanken waren irgendwo, wo Zeit keine Rolle mehr spielte. Vielleicht war sie aber auch schon in der Ewigkeit, die ein ganz anderes Zeit-Potential hat...

(Diese Geschichte entstand im Rahmen einer Ausschreibung zum Thema Zeit)

 

 

"Gärtnerfreud, Gärtnerleid..."

Der Frühling ließ in diesem Jahr wieder lange auf sich warten. Mal Regen, mal Schnee, dann wieder Hagel. Stellenweise gab es auch sonnige Abschnitte, doch es sah eher nach Winter als Frühling aus. Selbst die bunten Eier am Apfelbaum konnten den Frühling nicht anlocken. Dabei lugten ganz verschüchtert bereits die ersten Krokusse aus der Erde und vorsichtig schoben sich die noch festen, grünen Blütenansätze von den Tulpen aus satt grünen Blättern ans Licht. Es schien als wartete die Natur nur auf ein geheimes Signal. Die ersten Vögel begannen hin und wieder ein Lied zu trällern und vereinzelt sah man Spatzen oder Meisen mit einem Zweig oder weichem Nistmaterial im Schnabel. Trauten sie sich wirklich schon jetzt ihr Nest zu bauen? Die Tauben auf dem Dach gurrten bereits am frühen Morgen und auch Herr und Frau Drossel begannen ihre neckische Jagd, die meist mit einem Happy-End endete, so lange kein Rivale auftauchte.

Doch an einem Morgen war es soweit, die Sonne ging auf und schien beinahe den ganzen Tag. Die Krokusse öffneten sich und ein zarter Duft lag in der Luft. Auch der Apfelbaum zeigte seine ersten festen Knospen. Die wärmende Sonne schien das Signal zu sein, auf das Tiere und Pflanzen so lange gewartet hatten. Die Wiese zeigte sich mit blühenden Gänseblümchen und auch das Moos am schattigen Seitenrand leuchtete in einem kräftig-sattem Grün. Die Osterglocken öffneten sich im Laufe des Tages und zeigten sich in leuchtendem Gelb. Aber auch anderes "Grünzeug" war auf dem Vormarsch: Der erste Löwenzahn und Ansätze von "Unkräutern" zeigten sich zwischen den Gehwegplatten.

Wobei es offiziell keine "Unkräuter" gibt. Sie sind eigentlich Gewächse, für die wir nur noch keine Verwendung gefunden haben...

 

Alle Rechte für die hier aufgeführten Werke und Texte liegen bei Dorothea Möller

 

 


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