Leseproben

 

"Lausche dem Rhythmus der Worte,
schicke deine Gedanken auf Reisen,
dann wirst du den Zauber anderer Welten
entdecken."

 

Leseproben:

Allen Besuchern meiner Webseite wünsche ich viel Freude beim Entdecken, Lesen und Stöbern.

Herzlichst Dorothea Möller

Ein Hund mit Namen Voodoo

Seit einigen Wochen verirrte sich eine streunende, abgemagerte Katze auf den Bauernhof. Die Kinder waren hellauf begeistert, als sie sich nach Wochen anlocken und füttern ließ. Irgendwann konnten sie das noch junge Tierchen sogar streicheln.

„Sie sucht sicher ein neues Zuhause“, versuchten sich die Kinder aufs betteln. Letzten Endes gaben die Eltern nach. Sie erlaubten, dass die Katze bleiben durfte. Unterschlupf fand sie im Stall. Sie erhielt den Namen Miez und wurde von der sechsjährige Anna getauft, indem sie eine Wasserflasche über ihr ausgoss... Miez war alles andere als begeistert. Seitdem suchte seitdem sie das Weite, wenn sie Anna sah.

Es wurde kühler, die Blätter der Laubbäume färbten sich bunt. Nach den ersten Herbststürmen lagen reichlich abgestorbene Äste Eicheln, Kastanien und Bucheckern, im Sumpfwald, die nur darauf warteten eingesammelt zu werden. Mit vollen Körben durchstreiften die drei Kinder bis zur Dunkelheit das Waldgebiet.

„Wir müssen nach Hause“, drängte Felix seine Schwestern.

„Ich muss noch bunte Blätter von verschiedenen Baumarten für die Schule einsammeln“, brummte Laura.

„Dazu hattest du doch genügend Zeit“, beschwerte sich ihr Bruder ungehalten. Er wusste genau, den Ärger bekam er, falls sie bei Anbruch der Dunkelheit nicht auf dem Hof sein würden. Ihre Eltern sahen es nicht gerne, wenn sie in der Dunkelheit im Sumpfwald waren.

„Ich brauche diese Blätter aber“, beharrte Laura, als ihre kleine Schwester plötzlich erschrocken nach ihrer Hand griff.

„Psst, da war was...“, sagte sie verschreckt.

„Quatsch, da ist nichts“, sagte Laura und schüttelte ihre Hand ab.

„Doch, Hirngespinste,“ unkte Felix und lachte sie aus.

„Doch, jetzt habe ich auch etwas gehört. Es klang wie ein winseln.“ Laura horchte in Wald hinein.

„Ihr spinnt doch alle beide!“ Felix war genervt.

Er ging einige Schritte vor, als auch er ein langgezogenes Jaulen hörte.

„Das ist ein Hund“, rief er.

„Vielleicht sitzt er im Moderloch und kommt nicht allein heraus“, kommandierte er. Schon rannte er los.

Atemlos kam er am Moderloch an, doch dort war das Tier nicht. Der mittelgroße, schwarze Hund lag ein Stück weiter unter einer dünnen, umgestürzten Birke. Offensichtlich konnte er sich selbst nicht befreien.

„Los, wir müssen ihm helfen“,kommandierte Felix, „wer weiß wie lange er dort schon festsitzt.“

„Was ist, wenn der beißt?“, jammerte Anna, die Jüngste.

„Der ist froh, wenn wir ihm helfen“. Laura streckte ihre Hand aus, ließ ihn daran schnuppern.

„Ist ja gut, wir helfen dir.“

Beruhigend sprach sie auf das unruhige Tier ein. Dabei versuchte sie gemeinsam mit Felix den kleinen umgestürzten Baum anzuheben, während Anna neugierig, aber ängstlich Abstand nehmend zusah.

„Du kannst auch mal helfen“, fuhr Laura sie an. „Locke ihn mit irgendetwas hervor..“

„Komm, Hundchen, komm“, rief die sechsjährige beherzt, als ihr nichts besseres einfiel.

Mit scheinbar letzter Kraft kroch er etwas vorwärts.

Entschlossen hob Laura ihn hoch, was er widerstandslos zuließ. „Schau nach, ob am Halsband eine Hundemarke ist oder ob es einen Hinweis auf seinen Namen gibt“, riet Felix.

„Im Halbdunkeln sehe ich nichts“, wehrte Laura ab.

„Dann nehmen wir ihn mit nach Hause“, sagte Felix entschlossen.

 

Daheim angekommen, schauten sie sich die Marke am Halsband an.

„Da steht etwas. Ich kann es kaum lesen, so zerkratzt ist die Marke...“, rief Felix erstaunt.

„Lasst mich mal einen Blick drauf werfen“, verlangte ihre Mutter, sie hielt bereits eine Lupe in der Hand.

Mit angehaltenem Atem standen die Drei um sie herum, in der Hoffnung, dass sie den Namen entziffern könnte.

„Da steht eindeutig Voodoo.“ Überrascht schüttelte die Mutter den Kopf. „Da hat sich jemand einen Schmerz erlaubt.“

„Aber wir dürfen ihn erst einmal behalten,ja?“

Prüfend sah die Mutter sie an. In Gedanken schien sie abzuwägen, was das Richtige sei.

„So lange bis seine Verletzungen am Rücken abgeheilt sind. Außerdem humpelt er noch ein wenig. In der Zwischenzeit horcht ihr in der Nachbarschaft oder im Ort herum, ob jemand einen Hund vermisst.

Sie bereiteten ihm ein kleines Lager in der Küche. Er schien gut erzogen, denn er pinkelte nicht einmal in die Küche. Sobald er raus wollte, meldete er sich. Nach einigen Tagen ging es ihm wieder besser und er sprang munter herum. Doch niemand schien ein Tier zu vermissen.

„Wir werden ein Foto von ihm machen, dazu schreiben wir einen kurzen Text und hängen Fotokopien an den Bäumen entlang der Schnellstraße auf. Vielleicht kam er von der anderen Seite der Ortschaft“, mutmaßte ihr Vater.

 

Kaum war der Hund im Haus geschahen merkwürdige Dinge. Am Morgen lagen mit einem Mal tote Ratten vor der Haustüre. Vorräte aus der Kammer verschwanden, obwohl das Tier genügend zu fressen bekam.

Am Reformationstag, den viele Jugendliche im Ort als Halloweentag feierten, wurde Voodoo unruhig. Der Tag begann mit einigen Aufregungen – Miez war verschwunden und unauffindbar. Voodoo jaulte den halben Tag oder kläffte aus unbekannten Gründen die Schafe an.

„Irgendetwas stimmt mit dem Hund nicht“. Der Vater wirkte besorgt. „Er wird doch nicht krank sein oder gar die Tollwut haben“, überlegte er.

Hatte er vielleicht etwas mit den Ratten oder dem Verschwinden der Katze zu tun? Es gab immer noch keinen Hinweis auf seinen Besitzer.

 

Auch Felix machte sich Sorgen. An einem Abend in der dunklen Küche leuchteten seine Augen so merkwürdig. Schließlich kam er aus dem Sumpfwald. Die Leute im Ort erzählten sich, dass es dort Geister gäbe. Bislang hatte er nicht daran geglaubt, aber jetzt...?

Kam Voodoo vielleicht aus der Zwischenwelt und wurde um Mitternacht zur Bestie? Was war, wenn er jemanden aus der beißt und Derjenige wohl möglich eine Verwandlung durchmachte? Felix liebte Horrorgeschichten und hatte schon viele gelesen, dass seine Phantasie mit ihm durchging.

Würde Voodoo am Ende der Nacht ein anderer, der durch den Schleicher der Zeiten gehen musste? Viele Fragen geisterten in seinem Kopf herum. Vielleicht reißt er unsere Schafe, weil er zum Werwolf mutierte?

Mittlerweile lief Felix ebenso aufgeregt hin und her wie Voodoo.

Die Nacht wurde stürmisch. Schaurig heulte der Wind lautstark ums Haus. In dieser Nacht schliefen alle Bewohner im Hause sehr unruhig... Ob es an den Schauergeschichten lag, die jeder zu erzählen wusste?

 

Am Morgen des Allerheiligentag war der Spuk vorüber. Voodoo hatte weder rote Augen, noch war er zum Monster geworden.

Und Miez? Als Anna am Morgen die Kaninchen fütterte, hörte sie Geräusche, die sie nicht zuordnen konnte. Vorsichtig schlich sie weiter, dann hätte sie beinahe laut los gejubelt. Dort lagen fünf kleine Kitten. Miez hatte in der Nacht Kinder zur Welt gebracht. Vermutlich war sie deswegen verschwunden.

Voodoo schien genauso wenig ein Herrchen zu haben, wie Miez einen Besitzer. So blieb auch er auf dem Hof. Da er sehr gelehrig war, wurde er im Folgejahr zum Hütehund für die Schafe ausgebildet...

 

 

Blue Moon


Das Ereignis des blauen Mondes bedeutet, dass innerhalb eines Monats zwei Mal der Vollmond am Himmel erscheint. Die Statistik dazu besagt, dass in Vollmondnächten mehr Kinder geboren werden. Katzen würden vermehrt auf die Jagd gehen, ebenso würden mehr Verbrechen geschehen... Alles nur Zufall oder Phantasterei?Schon im Mittelalter wusste man, dass Kinder,die unter dem geheimnisvollen blauen Mondgeboren wurden, hellse-herische Fähigkeitenbesitzen und man versuchte Vorzei-chen zu deuten, oder etwas über die Zukunft vorherzusagen. War es wirklich nur Aberglaube? Oder vielleicht auch der Wunsch, die Besonderheit dieser Nacht hervorzuheben -wie bei den Sonntagskindern die Gabe Geister sehen zu können?Was geschehen kann, wenn ein Sonntagskind unter dem blauen Mondgeboren wird...? Die Geschichte Fluch oder Segen - Gabe oder Glück erzählt davon...
In Kürze könnt Ihr es nachlesen... die Geschichte erscheint im Pohlmann Verlag.

 

Fluch oder Segen - Gabe oder Glück?

Schon als junges Mädchen fiel es Marietta nicht leicht, sich auf die Schule zu konzentrieren. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab, so dass sie allenfalls befriedigende Noten erhielt. Die Welt abseits von Schule und Verpflichtungen, gegenüber den jüngeren Geschwistern und lästigen Pflichen auf dem kleinen Bauernhof waren verlockernder. Marietta brannte darauf Abenteuer zu erleben. So wusste sie, wo sich die besten Stellen für Waldhimbeeren und andere Früchte befanden. Oft machte sie sich abseits der Wege auf die Suche. Eie Vorahug sagte ihr, wo sie suchen musste, wobei sie meist Recht behielt.

Während der Kriegszeit erkrankten viele Kinder an Diphterie, auch sie und ihre Geschwister. Sie hatte eine plötzliche Eingebung, dass sie genesen würden, wenn sie getrocknete Blaubeerblätter einweichen und verzehren würden. Ihre Vorahnungen trafen zu. Als dem Pfarrer die Geschichte zu Ohren kam, stattete er der Familie einen Besuch ab. Er befragte das junge Mädchen, wollte Einzelheiten erfahren. Argwöhnisch höre er sich ihre Geschichte an. Alles, was er sich nicht auf vernünftgie Weise erklären konnte, war absonderlich für ihn. Der Geisliche verlangte von Marietta vier Wochen lang, nach jeder Sonntagsmesse einige Stunden in der Kirche zu beten. Marietta fühlte sich bestraft, obwohl ihre Eingebung so vielen Menschen in der Nachbarschaft geholfen hatte. Am dritten Sonntag traf sie auf eine Bäuerin der Nachbargemeinde. Sie kniete sich neben sie in der Bank nieder. "Sag mir Kind", begann sie leise das Gespräch, "hast du manches Mal das Gefühl, du weißt, dass gleich etwas Besonderes geschehen wird und kurz darauf passiert es wirklich?"

Marietta schaute erstaunt auf und nickte aufgeregt. "Dann verfügst du über den 7. Sinn mein Kind. Daran ist nichts Vergängliches. Den meisten Menschen ist diese Gabe abhanden gekommen, in sich hinein zu horchen und zu beobachten. Mit großen Augen sah Marietta die Bauersfrau an. "Woher wisst Ihr das?", fragte sie schüchtern. "Weil auch ich diese Gabe habe. Nimm sie an - sie ist ein Geschenk. Man sagt, dass sie den Menschen zuteil wird, die unter dem zweiten Vollmond eines Monats geboren wurden. Frag deine Mutter, ob es in deinem Geburtsmonat zwei Monde gab, damit du sicher bist." Die Alte nickte ihr freundlich zu und verließ die Kirche.

Marietta war ein Sonntagskind, geboren unter dem zweiten Vollmond eines Monats. Im Laufe der Zeit lernte sie, dass es nicht immer gut war, all sein Wissen zu offenbaren. Je älter sie wurde, umso mehr Eingebungen hatte sie. Als sie und ihre Geschwister zu Beginn der fünfziger Jahre regel mäßig zu Tanzveranstaltungen in das Nachbardorf gingen, beschlich sie oft eine unbegründete Angst, wenn sie spät abends durch den Wald heimwärts wanderten. In einer Sommernacht nach Mitternacht geschah etwas Unglaubliches: Kurz hinter dem Zufluss eines kleinen Flusslaufs wurde ihr trotz sommerlicher Temperaturen kalt. Sie begann zu schlot-tern, so dass ihr älterer Bruder ihr fürsorglich seine Jacke überließ.Wir werden verfolgt, wiederholte sie wiehypnotisiert, da-bei sah sie sich einige Male gehetzt um, bis sie schließlich zu laufen begann. Entgeistert schüttelten ihre Geschwister den Kopf, sie fürch teten um den Verstand ihrer Schwester. Auf einer großen Waldlichtung mit Blick auf den See blieb Marietta erstarrt stehen. Unfähig ein Wort zu sagen, hob sie die Hand und zeigte auf den Auenpfad vor dem See.Da ist nichts, lass uns weitergehen, sagte ihre jüngere Schwester Hiltrud und zog sie einige Schritte vorwärts. Mit einem Mal spürte Hiltrud unmittelbar neben sich einen Luftzug, als würde ein Mensch an ihr vorbei gehen. Über rascht schaute sie sich um, entdeckte aber niemanden. Etwas mulmig war ihr schon, als sich plötzlich auch der Ge sichtsausdruck ihres Bruders veränderte. Er fasste seine Schwestern am Unterarm und zerrte beide mit einer groben Bewegung mit sich. Zuletzt trieb er sie zu großer Eile an, bis sie den restlichen Heimweg zurück rann ten. Am Folgetag wollte die jüngere Hiltrud wissen, was es mit dem unheimlichen Verhalten ihrer Geschwister auf sich hatte. Doch keiner von beiden wollte etwas darüber erzählen. Hiltrud spürte, es war ihnen unbehaglich darüber zu reden. So fragte sie die Mutter, ob einer der Geschwister etwas erzählt habe. Einen Augenblick schaute ihreMutter sie über-rascht an. Seid ihr durch den Wald zurückgegangen?,fragte sie stattdessen. „Ja, warum?“Es geht die Sage, dass um Mitternacht unten am Nebel zuflusszum See in Vollmondnächten ein Geist zu sehen sei. Es war ein junger Adeliger, der gewaltsam zu Tode kam und keine Ruhe findet. Er zeigt sich nur Sonntagskindern.“Konrad verhielt sich genauso merkwürdig wie Marietta.Deine Geschwister wurden beide an einem Sonntag gebo ren. Diesen Menschen sagt man nach, dass sie Geister se hen können. Ich weiß nicht, ob das wirklich so stimmt“, ant wortete die Mutter.Im Laufe vieler Jahre berichteten auch andere Menschen, den Geist des jungen Mannes gesehen zu haben. Man er zählte sogar von zwei rivalisierenden Geisterreitern an der Wasserscheide vor dem See, von denen einer seinen Kopf unter dem Arm trug. Der andere versuchte angeblich mit seinem Schwert die Menschen von der Brücke fernzuhalten. Marietta und ihre Geschwister vermieden seit jenem Vorfall zeitlebens den Wald nach Mitternacht zu durchwandern. Erst kurz vor ihrem Tod erzählte Marietta ihrer Familie, dass einer der Geister zu ihr gesprochen habe. Von ihm erfuhr sie, dass Kinder des zweiten Mondes die Gabe der Geisteran sprache besitzen...!

Übrigens berichten auch heute noch ortsansässige Dorf bewohner oder die Fischer von merkwürdigen Nebel- und Geistererscheinungen rund um den Waldsee.

 

Früchte des Spätsommers

 

Die ersten Spätsommernächte bringen uns endlich einen ruhigeren Schlaf. Wir genießen die Morgende beim Frühstück draußen im alten Park des Gutshauses ausgiebig. Das Obst nebenan auf der Streuobstwiese reift an milden Sonnentagen zur vollständigen Süße. Auf dem Gutshof wird eingeweckt, entsaftet und Marmelade gekocht, alles wie zu Großmutters Zeiten. Weißkohlköpfe geraspelt, mit Salz im Steinguttopf eingestampft damit bis zu Allerheiligen köstliches Sauerkraut daraus wird.
Ein atemberaubendes Farbenspiel aus rot-gelben, wie orange beige Schattierungen entwickelt sich innerhalb weniger Tage. An Sonnentagen zeigt sich ein einzigartiger, kobaltblauer Himmel über den knorrigen Laubbäumen, der eine farbenfrohe Kulisse für jeden Fotografen ist. Licht und Schatten fließen ineinander, bilden nahezu magische Lichtverhältnisse im Einklang mit der einfallenden Sonne, die uns zum Träumen verführt. Lugen dort zwischen den Hecken nicht Kobolde hervor? Tanzen über den hohen Blumenbeeten nahe dem Waldstück vielleicht sogar ein paar Elfen ihren Blütenreigen? Manch ein verspätetes Vogelkind schlüpft in diesen Spätsommertagen oder Igelkinder werden geboren.
Sobald die kühleren Tage anbrechen wandelt sich die Natur erneut. Es finden sich Tautropfen am Morgen auf Gräsern und Blättern oder zarte Nebelgespinste schweben durch die Luft. Die Hirsche röhren und brüllen um potentielle Konkurrenten zu vertreiben. Rufe von Wildgänsen die sich in den Auen versammeln um bei günstigen Winden aufzusteigen häufen sich. Schon bald brechen sie nach Süden auf. Auch Singvögel verlassen uns, um den weiten Weg in wärmere Gefilde anzutreten. Erste Blätter fallen, die Tage werden merklich kühler, die Zeit der Traubenernte ist da. Warme Schals und Socken gehören nun zur Standard-Garderobe, da der Wind kühl und heftiger weht. Gewässer klären sich, Teichbewohner wie die Frösche haben sich längst einen Unterschlupf gesucht. Der grandiose farbenfrohe Abschied des Sommers ist fast vorbei. Einerseits erfüllt es uns mit Wehmut, doch freuen wir uns durchaus auf ruhigere Zeiten, in der auch die Natur eine Atempause einlegt.
Ein Spaziergang um diese Jahreszeit kann durchaus Überraschungen mit sich bringen, es müssen nicht immer Beeren, Zapfen oder Blütenstände sein, die als Dekoration dienen. Bis Anfang November sollten sich spätgeborene Igelkinder ein Gewicht von etwa siebenhundert Gramm „angefüttert“ haben, um ihren Winterschlaf halten zu können. Doch leider irrt manch ein Winzling zu dieser Zeit noch rast-, und ruhelos draußen umher, stets auf der Suche nach etwas nahrhaftem. Sie sind, sofern nicht völlig schwach und ausgezehrt, dankbar für kleine Mengen Hunde- oder Katzenfutter nebst Wasser, damit sie an Gewicht zulegen. Letztendlich sie Wildtiere, die nur im Notfall mitgenommen werden dürfen. Taumelnde oder völlig schwache Tiere gehören jedoch in fachkundige Hände, wie die der Igelstationen.
Die Natur atmet langsamer, wirkt entschleunigt und bereitet sich auf den bevorstehenden Winter vor.
Wir können von der Natur lernen zu entschleunigen um die stille Zeit nach der Ernte zu genießen.

 

 

"Wie man seinen Menschen erzieht..."

Endlich Herbst! Die heißen Sommertage sind vorüber, es regnet hin und wieder, die ersten bunten Blätter fallen. Natürlich nimmt das Nahrungsangebot ab. Es gibt weniger Mücken wie Käfer, auch die Läuse sterben langsam. Dennoch, ich liebe die kräftigen Herbstwinde, mit deren Hilfe die ich über den bewölkten Himmel segeln kann. Sie geben mir Auftrieb, so dass ich manch eine Libelle am Teich entdecke, ehe sie meine Mahlzeit wird... Das Obst ist größtenteils abgeerntet, ebenso die Trauben und nur wenige süße Früchte hängen noch in den höchsten Wipfeln der Bäume. Das Obst verdirbt langsam dort oben, aber es ist noch fressbar und herrlich süß.
Bald schon hängen die Menschen Meisenknödel in die Äste oder stellen die Futterhäuschen auf. Sie füllen sie mit allerlei Leckereien und Saaten, damit wir nicht hungern müssen. Aber, wir Drosseln sind wählerisch. Alles mögen auch wir nicht.
Sonnenblumenkerne fressen wir zwar, doch das ist eher etwas für all die verschiedenen Meisenarten. Blau-, Kohl-, Hauben- und Tannenmeisen balgen sich um den besten Platz am Meisenknödel, zirpen und zwitschern um die Wette. Ab und zu fällt ein Schwarm Schwanzmeisen ein. So schnell wie sie auftauchen, so schnell verschwinden sie auch wieder. Der Spuk ist rasch beendet.
Unsere Drossel-Familie ist schon lange in einem naturbelassenen Garten ansässig. Wir finden hier Deckung, Nistmöglichkeiten wie Nistmaterial, Wasser zum Trinken und Baden, aber auch ein großes Nahrungsangebot.
Mittlerweile haben wir unsere Menschen sogar dressiert! Sie wissen ganz genau, wenn wir zu ihnen auf die Fensterbank fliegen haben wir Hunger. Manchmal müssen wir uns aber auch bemerkbar machen, dann klopfen wir sachte mit dem Schnabel an die Glasscheibe.
Mal erhalten wir trockenes Brot, Brötchenkrümmel, Kuchen- oder Müslireste.
Im Müsli gibt es nicht nur Saaten wie Sesam oder Haferflocken, auch getrocknetes Obst von Äpfeln, Pflaumen und Mirabellen sowie Rosinen.
wMein persönlicher Favorit sind die süßen, saftigen Rosinen. Wenn ich Lust darauf verspüre, fliege ich auf die Fensterbank und bleibe dort so lange sitzen, bis mein Mensch mich entdeckt. Dann streiche ich mit dem Schnabel mehrfach über die Fensterbank und schaue ihn mit treuen Augen an. Meist versteht er schon, dass ich Appetit auf Rosinen verspüre und wirft mir die kleinen, klebrigen Leckerchen heraus.
Ich fresse sie rasch auf, ehe die Spatzen oder Finken "Wind davon bekommen" und mir selbige streitig machen wollen. Wenn ich fertig bin, fliege ich zunächst zur Tränke um etwas zu trinken, dann kehre ich zurück zur Fensterbank um mich zu bedanken. Schließlich bin ich eine gut erzogene Drossel. Als Dankeschön hinterlasse ich besten Dünger auf der gegenüberliegenden Seite der Fensterbank, denn auf der anderen Seite werde ich ja gefüttert....

 


Das Glück ist als Zwilling geboren. Man muss es teilen, um es zu multiplizieren

Lord Byron

 

Anfang der Neunziger Jahre entschied sich meine ältere Schwester Katharina ihren langjährigen Freund zu heiraten. Er war ein Bauerssohn der in der Nähe von München lebte.
Aufgrund meines Studiums in Lübeck fuhr ich mit der Bahn einige Stunden quer durch Deutschland. Erleichtert ergatterte ich mit meinem schweren Koffer einen Sitzplatz. Im Abteil saßen bereits ein älteres Ehepaar, sowie ein junger Mann, der mir freundlicherweise half, meinen Koffer ins Gepäcknetz zu hieven. Rasch kam ein nettes Gespräch in Gang. Bald schon stellte sich heraus, dass der junge Mann ein Studienkollege aus Lübeck war. Wir verfügten also über reichlich Gesprächsstoff und bemerkten erst, als das Ehepaar sich verabschiedete, dass wir bereits in Ulm waren.
Bis München waren wir allein im Abteil, erzählten von unseren Studiengängen, den Familien, den Vorlieben wie Aktivitäten. Zuletzt erzählte ich Jens von der bevorstehenden Hochzeit meiner Schwester auf dem Land. Er selbst wollte seinen Bruder besuchen, der zufällig im Nachbarort meines zukünftigen Schwagers lebte.
Mittlerweile kenne mich dort sehr gut aus. Wenn es dir zeitlich ins Konzept passt, würde ich mich freuen, wenn wir uns treffen könnten, um dir die Umgebung zu zeigen“, schlug er zögernd vor.
Ja, warum nicht“, antwortete ich errötend mit leicht klopfendem Herzen.
Als ich in München ausstieg, hatten Jens und ich Telefonnummern und Anschriften ausgetauscht, da wir auf jeden Fall in Kontakt bleiben wollten.
Mit großem Hallo, empfing mich meine Schwester auf dem Bahnhof.Die Eltern sind schon vor zwei Tagen angekommen, leider mit unserer Patentante. Du kannst es dir nicht vorstellen, bisher hatte sie an allem etwas auszusetzen,“ machte Katharina ihrem Ärger Luft.
Ich bin froh, dass Du endlich da bist. Ehrlich, es würde mich nicht wundern, wenn unser Tantchen in einer stillen Minute versucht, mir die Heirat auszureden. Sie deutete bei den Eltern etwas in der Art an. Du musst sie mir unbedingt vom Hals halten, oder von mir ablenken, bitte“, flehte sie in gespieltem Entsetzen, ehe sie eine Grimasse zog.
Wir lachten - Tante Elsbeth war der typische Stadtmensch. Natur, noch dazu ein Bauernhof mit Tieren, Äckern und Wiesen überstieg ihre Vorstellungskraft bei Weitem.
Hat sie ihre Garderobe für Polterabend, Hochzeit sowie die Zeit dazwischen schon ausgepackt“, fragte ich.
Ihre Modenschau hast du leider verpasst“, grinste Katharina.
Sagen wir mal alles einen Hauch zu festlich für den Polterabend in der Scheune. Da ist noch etwas, Klaus und ich mussten dir einen seiner Cousins als Tischherrn zur Seite stellen. Du bist momentan ja ungebunden“. Anhand ihrer Formulierung wusste ich, es gab einen Haken bei der Sache.
Lass mich raten, er hat eine Glatze? Oder was stimmt nicht mit ihm?“ Die Frage flog mir förmlich aus dem Mund, ehe ich darüber nachdachte.
NEIN“, rief Katharina etwas zu schnell.
Was ist es dann?,“ bohrte ich weiter.
Er ist eben etwas anders. Aber auch nicht unansehnlich oder schwul “, versicherte sie eilig als sie mein ärgerliches Gesicht sah.
Was meinst du mit anders Katharina?“
Fast dreißig, introvertiert, ohne langandauernde Beziehung.“
Wohl möglich lebt er noch bei Mutti. Worüber soll ich dann den ganzen Abend mit ihm reden?“
Ich atmete tief durch, ehe mir weitere, uncharmante Dinge entschlüpften.
Bitte Corinna“, Katharina warf mir einen flehenden Blick zu.
Auf gar keinen Fall. Wer sagt denn, dass ich keinen Begleiter habe...?“
Mein vorlautes Mundwerk hatte sich wieder einmal verselbständigt.
Du hast einen neuen Freund?“
Nein, nur jemanden mit dem ich, sagen wir mal lose befreundet bin“, versuchte ich die Situation zu retten.
Lose befreundet, klingt fast wie ein bisschen schwanger“, lästerte Katharina.
Wir haben uns erst vor kurzer Zeit kennengelernt. Jens ist ein Kommilitone.“
Und weiter?“ Katharina ließ nicht locker.
Mehr gibt es nicht dazu zu sagen,“ fuhr ich sie ärgerlich an.
Die Hochzeit ist erst in drei Tagen, lade ihn ein, dann musst du dich auch nicht mit dem Muttersöhnchen herumärgern.“
Ich wollte ihn nicht gleich der gesamten Familie präsentieren,“ wehrte ich ab.
Ruf ihn an.“ Für Katharina war die Sache entschieden.
Da hast du dich in einen schönen Mist manövriert“, dachte ich verärgert.
Gleich am nächsten Tag verabredeten wir uns. Die Gesprächsthemen gingen uns nicht aus, wir redeten wie alte Freunde. Es wurde Zeit meine Idee „an den Mann“ zu bringen.
Überrascht sah Jens mich an.
Das ist eine nette Geste Corinna, dennoch möchte ich niemandem zur Last fallen. Schließlich ist es eine Familienfeier und ich bin ein Fremder.“
Ich entschied mich ehrlich zu sein, deshalb erzählte ihm von meiner Misere.
Du möchtest einem unbequemen Verwandten deines zukünftigen Schwagers entgehen,“ lachte er.
Ja, ich hoffe du verstehst mich. Wir reden so offen miteinander, als würden wir uns schon Jahre kennen. Es wird niemandem auffallen, dass es nicht so ist.“
Dann solltest du anfangen mir ein paar Dinge aus deinem bisherigen Leben sowie deiner Mitbewohnerin in Lübeck zu erzählen..“
Du rettest mich aus einer heiklen Situation, ich schulde dir mehr als ein Essen.“
Abgemacht, ich nehme dich beim Wort.“
Jens erschien zum Polterabend. Er wurde von allen freundlich aufgenommen. Wir lachten viel und bald verstanden wir uns ohne Worte, die Luft zwischen uns knisterte.
Am Tag der Trauung verabredeten wir uns am Kirchenportal zu treffen. Sicherheitshalber nannte ich ihm die Bankreihe, falls ich aus rätselhaften Gründen vorzeitig in der Kirche sein musste.
Die ersten Hochzeitsgäste versammelten sich vor der Kirche, die Glocken läuteten, doch keine Spur von Jens. Ich beneidete meine Schwester um ihre Ruhe, denn ich war ich ein Nervenbündel obwohl es nicht meine Hochzeit war.
Was wäre wenn Jens es sich im letzten Moment anders überlegte und doch nicht erschien?“
Corinna, lass uns schon hineingehen,“ unterbrach unsere Mutter meine panischen Überlegungen.
Dein Freund sucht gewiss noch nach einem Parkplatz.“
Zerstreut nickte ich .
An der Ecke der Kapelle entdeckte ich ihn und wollte gerade freudig zu ihm gehen. Doch im nächsten Moment erstarrte ich. In der Zwischenzeit begrüßte ihn schon mein Schwager. Mir wurde kalt und heiß, er trug die Kluft eines Pfarrers...
Um mich herum begann sich plötzlich alles zu drehen. Ich vermochte nicht zu sagen ob es an Jens Aussehen lag, oder daran, dass ich nicht gefrühstückt hatte.
Mir wird übel,“ murmelte ich, ehe mir schwarz vor Augen wurde.
Als ich zu mir kam, lag ich auf den harten Pflastersteinen. Vorsichtig betastete ich meine Schläfe, fühlte etwas feuchtes und sah das Blut an meinen Fingern. Die besorgten Gesichter von Katharina und Jens waren über mir. Als ich den Kopf zur Seite drehte stand Jens zu meiner Überraschung auch dort.
Es wird schlimmer,“ stöhnte ich „ich sehe alles doppelt“.
Tief durchatmen“, sagte Jens Stimme von rechts, während seine Stimme auf der linken Seite besorgt fragte: „Corinna, kannst du aufstehen?“
Peinlich berührt hauchte ich: „Ich versuche es“.
Noch immer bemühte ich meine Gedanken und aufgewühlten Gefühle zu sortieren.
Warum hast du mir nicht erzählt dass du auch Theologie studiert hast“ stammelte ich fassungslos während er mir auf half
Jens schmunzelte.
Ich bin hier zwar aufgewachsen, studiere aber wie du in Lübeck. Joachim ist mein Bruder und seit einem Jahr hier der Pfarrer“.
Oh“, hauchte ich verwirrt.
Sein Bruder Joachim zog mit der Hochzeitsgesellschaft in die geschmückte Kirche ein, während ich noch immer zittrig mit einem Pflaster an der Schläfe an Jens Arm die Kirche betrat. Ein weiteres Mal sah ich ihn verstohlen von der Seite an, dann seinen Zwillingsbruder.
Sie waren eineiige Zwillinge, aber bei genauem Hinsehen konnte man die Zwei unterscheiden.
Ganz ehrlich, Herzklopfen bekam ich nur, wenn ich Jens ansah.

 

Die List des Zwergenkönigs

 

Vor langer Zeit, als die Naturvölker der Elfen, Elben, Feen und Zwerge noch in der Gemeinschaft mit den Menschen lebten, entwickelte sich eine Fehde zwischen dem hohen Herrn der Isle of Skye und dem Zwergenkönig Laurin.

Bis zu jener Zeit gaben die Menschen den Zwergen einen kleinen Teil ihrer Ernteerträge ab. Der hohe Herr von Castle Ewen, dessen Haus mitten im Steinkreis des Feenlandes des Fairy Glen lag, geriet in Streit mit dem gierigen Zwergenkönig.

Fairy Glen ist ein mystischer Ort auf der Isle of Skye – ein Land zwischen den Welten.

Ab sofort verlangte Laurin ein Drittel aller Erträge und Einkünfte des Landes. Das zweite Drittel forderte er für die Feen, welche nichts von seiner dreisten Forderung wussten, noch danach verlangten...

Allenfalls im Sommer erbaten die Feen einige süße Früchte als Winternahrung, aus dem sie Nektar brauten. Dazu gehörten Beeren und Mirabellen. Als sie von Laurins dreister Forderung erfuhren, wandten sie sich von seinem Volk ab, verbannten Laurin aus ihrem Reich und blieben den Menschen verbunden.

Erbost darüber, dass seine Pläne nicht fruchteten, schwor Laurin Rache. Doch plötzlich verschwand er ganz von der Isle of Skye. Laurin, wie sein Volk gerieten während zwei Jahrhunderten völlig in Vergessenheit.

Viele Menschengenerationen später wusste kaum jemand von der Sage um die Rache des Zwergenkönigs Laurin.

Auch im Feenreich wuchs eine neue Generation heran, welche unbeschwert lebte und nichts von dunklen Machenschaften des alten Zwergenkönigs ahnten.

Die Welt bewegte sich weiter. Was von Menschenhand geschaffen wurde, verging. Die Natur eroberte zurück, was einst ihr gehörte. Zwei Jahrhunderte später erinnerte nur noch ein Steinkreis im Tal der Feen an Castle Ewen. Über die Freundschaft zwischen dem Herren der Insel und den Feen legte sich der Schleier des Vergessens und so lebte jeder fortan in seiner Welt.

Der neue Clanführer Malcom McConnery war ein gerechter Anführer, der sich um Frieden zwischen den Clans und dem Feenreich bemühte. Endlich sah Laurin seine Chance gekommen. Er bemühte sich um die Gunst der neuen Feenkönigin. Sie kannte die alte Fehde nur aus Erzählungen. Laurin setzte alles daran, die Geschichte aus seiner Sicht dazustellen:

Die Menschen haben ohne jedweden Grund erwogen, ihre Abgaben an uns einzustellen“, erzählte er Elona. „Sie sind selbstsüchtig und böse“, schimpfte Laurin.

Schon deine Großmutter wollte etwas gegen den Clanführer unternehmen, tat es dann aber nicht.“

Mir hat sie nie etwas darüber erzählt“, wandte Elona ein. Beeren sammeln wir in den Wäldern. Selten wagen sich einige von uns in den Nächten in die Gärten der Menschen, um in den Besitz einiger Mirabellen zu kommen. Sag mir, warum sollten wir Streit mit ihnen beginnen? Missgunst, Neid und Hass kosten Kraft. Kraft, die wir nicht haben, da unser Volk seit Jahrhunderten schrumpft.“

Warum in Gottes Namen wollt Ihr nicht einfordern, was Euch zusteht?“, Lorin wirkte zornig.

Doch wenn Ihr diesen Weg ablehnt, wüsste ich etwas anderes, damit die Menschen ein für allemal ihre Lektion lernen,“ versuchte er erneut sein Glück.

Wie genau sieht Euer Plan aus, Zwergenkönig?“

Schickt die schönste Eurer Feen zur Burgfeste. Sie soll sich dort als Magd verdingen. Alles weitere überlasst mir!“, sagte er plötzlich sehr freundlich.

Ich will dem Clanführer Malcom nur eine Lektion erteilen. Auf diese Weise möchte ich seine Bereitschaft, erneut mit uns zu verhandeln, beschleunigen.“

Ich stimme nur unter einer Bedingung zu: Niemandem darf ein Leid geschehen!“

Ich verspreche es Euch...“, schmeichelte er.

Also gut. Möglicherweise ist er dann zu einem Gespräch bereit.“

 

Ein Etappenziel hatte Laurin erreicht. Jetzt mussten die Feen ihren Teil erfüllen. Kendra war die schönste Fee, die Laurin je sah. Sie war von zierlicher Gestalt und ihr blondes Haar leuchtete wie gesponnenes Gold. Die Augen waren tiefblau, wie die unergründlichen Tiefen in den Schottischen Seen. Ihre Anmut beeindruckte selbst Laurin. So bedurfte es keines Zaubers, um Malcom in ihren Bann zu ziehen.

Es kam wie Laurin es erhoffte. Malcom verliebte sich in Kendra. Aber auch Kendra entwickelte Gefühle für den stolzen Anführer des Clans.

Beide fanden zueinander und lebten einige Jahre glücklich miteinander, bis Kendra das Heimweh überkam. Trotz ihrer Liebe zu Malcom sehnte sie sich zurück.

An einem schönen Sommertag durchwanderten Malcom und Kendra das Feental. Plötzlich lief Kendra hinunter ins Tal des Fairy Glen. Malcom folgte ihr. Vermutlich ahnte er, was sie bewegte oder ihr Heimweh bewirkte. Da er sie sehr liebte, versuchte er sie festzuhalten, doch er bekam nur ein Stück ihres Umhang zu fassen, ehe sie für immer ins Feenreich verschwand.

Jetzt war Malcom ebenso unglücklich wie Kendra zuvor. Das Stück ihres Feenumhang diente viele Jahrzehnte als Fahne seines Hauses und wurde zum Glücksbringer seines Clans.

Bald darauf starb Malcom an gebrochenem Herzen und Kendra irrt noch immer unglücklich, traurig und allein durch den Fariy Glen. An trüben Sommertagen hören Wanderer manchmal ihr Wehklagen, wenn sie das Fairy Glen durchwandern.

 

 

Waldtherapie - Die Sehnsucht nach dem einfachen Leben

 

Für gestresste Manager und Mitarbeiter empfehlen viele große Firmen neuerdings eine Waldtherapie. Von Freitag bis Sonntag Nachmittag werden überarbeitete Kollegen auf Firmenkosten in den wunderschönen Wald geschickt, um sich ihrer Ursprünglichkeit bewusst zu werden.

Untergebracht werden sie meist auf spezialisierten Bauernhöfen mit merkwürdig anmutenden Gütezertifikaten. Diese bieten zur regulären Übernachtung, gegen Aufpreis versteht sich, eine Übernachtung im Heubett an. Heißt übersetzt – sie schlafen im Stall zwischen Spinnen und anderem Getier. Zurück zur Natur könnte die Zertifizierung das Qualitätssiegel hier lauten.

Die Hochglanzmagazinbranche sieht ein großartiges Geschäft in diesem Trend. Sie verdient tüchtig mit, indem sie seitenweise Anzeigen von Feriendomizilen auf dem Land schaltet. Farbenfrohe Fotos mit romantischen Texten lassen den verklärten Städter das lustvolle Ambiente des Landlebens neu entdecken.

Für Wochenendseminare reisen in der Regel zwei fachlich kompetente, hochmotivierte, wie qualifizierte Entspannungstherapeuten an. Manches Mal kommt sogar jemand für eine Aromatherapie dazu - als gäbe es auf dem Land nicht genügend Gerüche. Plumskloidylle eingeschlossen.

 

Barfuß durch den Wald laufen, die müden Füße im klaren Wasser eines Bachs abkühlen, sich selbst erspüren, zurück zur Ursprünglichkeit unserer Wurzeln finden, sind einige Programmpunkte. Ein weiterer das Umarmen von Bäumen.

Im Dort meiner Großmutter sah ich niemanden einen Baum umarmen, nicht einmal den Förster. Der Markierte sie allenfalls mit einer Spraydose für den Holzeinschlag. Vielleicht umarmen ja einige Jugendliche im Bierrausch den einen oder anderen Baum wenn sie von der Dorfdisco im Nachbardorf oder demSchützenfest durch den Wald heimkommen.

Was das Barfußlaufen angeht, unsere Oma hätte uns gewiss den Hintern versohlt, wären wir barfuß durch den Wald gelaufen. Wer von einer roten Waldameise, die sich zufällig in die Sandalen verirrt hat, traktiert worden ist, weiß was Schmerz bedeutet...

Kollektives Angeln ist ein weiteres Wellnesshighlight im Flyer.

Wer sich ein wenig mit dem Angeln auskennt, weiß, dass Fische auf Geräusche reagieren. Man angelt in der Stille.

Was nutzt es, wenn direkt am Ufer eines Sees erst lange Einweisungen für die Handhabung des Angelgeräts erfolgen, und alle Teilnehmer durcheinander fragen, oder mit ihren Eimern klappern? Die Fische haben dann längst das Weite gesucht, und kein noch so schmackhafter Köder wird sie veranlassen zu beißen.

Was die Seminare nicht zeigen ist das wahre Leben.

Aufstehen morgens um fünf Uhr. Kühe melken, die Milch zur Abholung bereitstellen und füttern. Ställe misten, Heu vom Heuboden holen oder in die nebenan liegenden Stallungen hinüber karren.

Danach sind die Hühner dran: Eier aus den Nestern nehmen, abwaschen und verpacken. Zwischendurch das Frühstück für die Familie vorbereiten weil der Schulbus pünktlich kommt, um die Kinder in das zehn Kilometer entfernte Kreisstädtchen zu bringen.

Einkäufe um die Ecke kann man hier nicht machen. Man muss motorisiert sein. Der nächste kleine Supermarkt liegt drei Kilometer entfernt und ist alles andere als günstig. Hier bekommt man einige Grundnahrungsmittel, Kosmetika und Getränke. Die Auswahl ist eingeschränkt. Das wahre Landleben ist hart. Ein Leben im Rhythmus der Jahreszeiten. Letztendlich dürfen Beeren und Obst an Sträuchern und Bäumen nicht vergammeln. Alles muss zum Markt, die Ware bedeutet Einnahmen.

Ganz ehrlich, an einem Wochenende kann man das einfache Leben unmöglich „erfahren“. Erst Recht nicht mit zertifizierten Antistress-Therapeuten, welche mit ihren neuen, sauberen Gummistiefeln und Landoutfit a la Lodenjacke daher kommen, und glauben, sie hätten das Leben auf dem Land neu erfunden.

Das natürliche Leben kann man nur Schritt für Schritt erfühlen, erleben und erfahren wenn man sich mit all seinen Sinnen darauf einlässt.

Es ist viel mehr als eine „Wochenend-Lebenseinstellung“.

Diese Geschichte entstand im Rahmen der Ausschreibungsmodalitäten des Viglius Mountain-Ressorts.


Abschied in ein neues Leben´


Traurig sah ich mich um. Alles wirkte kahl, trist und verlassen. Wo einmal Bilder hingen, zeichnet sich allenfalls die Kontur vom Staub an der Wand ab. Etwas in meinem Leben, was mich für die Dauer meines Studiums begleitete, gab es nicht mehr. Wichtige Dinge, die mir lieb und teuer sind, stehen längst an anderer Stelle. Verstaut in Holzkisten und Kartons - Geschirr, Bücher und auseinander gebaute Möbel. Erinnerungen werden wach:

Der erste Besuch der Eltern an einem Sonntagnachmittag

Die beste Freundin, die erstmals zu Besuch in die fremde Stadt kam und hier übernachtete.

Gemeinsame Studienabende mit Kommilitonen, die mit Pizza backen und einem Glas Rotwein um Mitternacht endeten.

Durchwachte Nächte am Schreibtisch, aus Angst vor bevorstehenden Prüfungen.

 

Das Ende des Studentenlebens in der Wohngemeinschaft, die sich nun auflöste. Menschen, mit denen man zusammenwachsen musste und wollte, und die sich nun in alle Winde verstreuten. Ein letztes Mal sehe ich mich in der leergeräumten Wohnung ohne Gardinen und Möbel um.

Ein Lebensabschnitt endet. Trotz des Abschieds herrscht Aufbruchstimmung, welche die melancholische Stimmung überstrahlt. Dieses letzte Mal hat trotz allem etwas beglückendes, was wir in unser neues Leben mitnehmen. So können wir kommende Herausforderungen leichter bestehen. Ich drehe mich um, schließe die Wohnung ab, stecke den Schlüssel in den dafür vorgesehenen Briefumschlag und werfe ihn in den Hausbriefkasten. Danach ziehe ich die Haustüre zu, steige in mein kleines, altes Auto, wobei ich den Blick hinauf zur Fensterfront der Wohnung vermeide und mache mich als letzte von vier Jungen Frauen auf den Weg. Doch eines weiß ich, unsere Freundschaft hat weiterhin bestand.

 

Diese Geschichte erschien im Elbverlag (November 2018) im Herzbuch - Ein letztes Mal

 

 

Warnung aus dem Jenseits

Seit einigen Nächten plagten Sophie Alpträume. Sie schob es auf den Stress ihrer Hochzeitsvorbereitungen, die sie annähernd im Alleingang organisieren musste. In einer knappen Woche würde sie Robert, einen charmanten gutaussehenden Geschäftsmann heiraten. Seit Vaters Schlaganfall war alles sehr schnell gegangen. Sie wusste als Galeristin zu wenig von den geschäftlichen Dingen, um das väterliche Gestüt allein verwalten zu können. Dass es verschuldet war, ahnte Sophie nicht. So oft es ihre Zeit erlaubte, war sie an der Seite des Vaters, der im Sanatorium lag. Robert, ein Freund der Familie, kümmerte sich zwischenzeitlich um Ratenverträge, deren Tilgung und darum, dass Pferde aus der Zucht auf Auktionen verkauft wurden.

Robert war der Ansicht, Sophie wüsste besser in Hochzeitsangelegenheiten was zu wäre. So suchte sie ihr Brautkleid an einem Nachmittag quasi im Vorrübergehen aus, schrieb die Gästeliste, die überwiegend aus Geschäftsfreunden bestand, sowie die Einladungen und bestellte das Menü. Zuletzt suchte sie sogar den Blumenschmuck für die Kirchendekoration allein aus. Sie wusste nicht einmal, welche Blumen ihm gefallen würden… Eine gute Woche vor der Hochzeit hatten sie immer noch keine Ringe. Erst zu diesem Zeitpunkt fiel Robert ein, dass sie ja auch Ringe benötigten… Wieder überließ er es ihr, eine Vorauswahl zu treffen, da er geschäftlich in Ausland war. Langsam fragte sich Sophie, ob sie einen Geist heiraten würde. Sie kannte Robert seit einigen Jahren, doch wirklich viel wusste sie nicht über ihn, stellte sie jetzt fest. Er war bereits zwei Mal verheiratet gewesen, kinderlos und… Seufzend stand sie auf, vertrieb die trüben Gedanken und duschte. Nach einer Weile kehrten ihre Gedanken automatisch zum Alptraum zurück.

Der Traum kehrte regelmäßig wieder, sie erwachte an derselben Stelle:

Sophie stand vor dem Altar als sie eine schöne Geisterjungfrau in kostbaren Gewändern aus Samt und Seide auf einer Fensterbank im Seitenfenster der Kapelle sitzen sah. Selbige beschimpfte Robert als Verbrecher und Mörder…. Sophie schauderte als sie ihren Spiegelschrank öffnete. Versehentlich hebelte sich dabei die Türe aus. Diese rutschte ihr aus den beiden Fingern, mit der sie sie öffnen wollte und tausende kleine Scherben flogen beim Aufprall über den Boden. „Verflixter Mist“, rief sie. Die Spruchweisheit mit den sieben Jahren Glück oder Unglück beim Zerbrechen eines Spiegels ging ihr durch den Sinn. Energisch schüttelte sie den Kopf. Nachdem sie aufgekehrt und gesaugt hatte, fuhr sie zum Gestüt. In der Küche traf sie Martha die Köchin und Seele des Hauses, seit ihre Mutter verstorben war. „Du siehst schlecht aus Kind“, begrüßte sie Sophie und goss ihr eine Tasse Kaffee ein, welche sie ihr mit einem prüfenden Blick reichte. „Wieder der Alptraum“, fragte Martha. Sophie nickte. „Vielleicht enthält er eine Botschaft aus deinem Unterbewusstsein“ philosophierte Martha. „Ja, dass ich zu viel allein regeln musste“, erklärte Sophie finster. „Gleich fahre ich zu Papa ins Krankenhaus, dann zur Anprobe des geänderten Brautkleides…“ „… ja und für den Rest des Tages nimmst du frei“, stoppte Martha energisch ihre Planungen. „Denk in Ruhe über diesen Traum nach. Vielleicht kommst du von selbst auf die Lösung oder auf das, was die Geisterjungfrau gerade dir sagen möchte…“ Sophie nickte geistesabwesend. „Hinter allem steckt nicht nur eine Botschaft, sondern auch eine Weisheit – du wirst hinter das Geheimnis kommen“, prophezeite ihr Martha.

Die Alpträume kamen nicht zurück, vermutlich weil Sophie jeden Abend todmüde ins Bett fiel. Robert und sie hatten zwischen zwei Terminen die Ringe ausgesucht. Am Tag vor der Hochzeit ging Sophie zur Kirche um zu beten. Ihr stockte der Atem nachdem sie die Seitenkapelle betrat. Verwüstung, wohin sie auch blickte! Umgestürzte Kirchenbänke, heruntergerissene Holzbilder vom Kreuzweg, Kerzenständer und Kerzen lagen zwischen zerfetzten Gesangbüchern mitten im Raum. Das Kreuz lag abgehangen auf den Boden, die Scheiben der Kirchenfenster mit seltsamen Zechen beschmiert. „Nurdas Fenster auf dem die Jungfrau in ihrem Traum gesessen hatte, war merkwürdigerweise verschont geblieben“ bemerkte Sophie aus den Augenwinkeln. Fassungslos sah sie sich um. Wer konnte solch einen Groll gegen sie, Robert oder gegen ihre Verbindung hegen...? Der Pfarrer betrat durch die Sakristei seine Kirche und sah in stummer Entrüstung und Entsetzen auf die Verwüstung. „Oh meine Gott, welch eine Süde, welche Blasphemie“, stammelte er fassungslos. Zum Glück war nichts massiv beschädigt oder gestohlen worden, so dass sie sich entschieden keine Polizei einzuschalten. „Ich verstehe es auch nicht“, murmelte Sophie. Sie griff zum Handy, versuchte Robert anzurufen, doch sie erreichte nur die Mailbox. „Typisch, wenn man ihn braucht, ist er nicht erreichbar“, dachte sie erbost. Danach informierte sie Martha, rief einige enge Freund an, schilderte die Situation und bat sie rasch zu kommen. Alle kamen und halfen die Kirche aufzuräumen, putzten die Fenster und räumten gründlich auf. Robert hatte sich nicht gemeldet.

Als sie Daheim zur Ruhe kam, dachte sie noch einmal nach. Zweifel an ihrer Verbindung kamen in ihr auf. Liebte er sie oder stand die Zweckgemeinschaft für ihn im Vordergrund? Durch den Verkauf der Pferde hatte auch er verdient, so war es vertraglich vereinbart. Sie mochte seine zupackende Art, seinen trockenen Humor, schätzte ihn als Geschäftsmann… aber sie liebte ihn nicht. Sie wusste, dass er bereits zwei Mal verheiratet war, beide Frauen waren verstorben. Die erste sei unter mysteriösen Umständen im Schlaf an einer Atemlähmung verstorben, die zweite bei einem Autounfall. Beide waren vermögend, Robert der Alleinerbe. Ein böser Verdacht wuchs in ihr… Beide Ehen bestanden nur wenige Monate… Morgen würde sie heiraten, was würde geschehen, wenn er wirklich ein Mörder war… Sie zwang sich den Gedanken nicht zu Ende zu denken! In dieser Nacht träumte sie nicht von der Kirche, sondern dass die Jungfrau an ihrem Bett stand und sie eindringlich warnte. „Sophie, wach auf. Du darfst ihn nicht heiraten, sonst wird dein Ende tragisch sein, wie einst das Meine!“ Sophie war in einer Art Halbwachzustand. Ihr Unterbewusstsein wollte weiterzuschlafen, da sie wollte wissen, was die Geisterjungfrau ihr noch zu sagen hatte. „Robert war im früheren Leben Heinrich der Achte und ich war einst seine Frau. Damals starb ich auf dem Schafott. Heute bringt er seine Frauen auf eine andere Art um… Sophie sah sie klar vor ihrem geistigen Auge und schlug mit klopfendem Herzen schweißgebadet die Augen auf. In ihrem Kopf hallte noch die Stimme der Erscheinung nach. Sie rief noch: „…ich bin Anna Boleyn, vertrau mir…“.

Zitternd schob Sophie die Gedanken von sich, die sich in ihrem Kopf überschlugen. Sie war entsetzt! Bebend vor Angst fuhr sie zu Martha und berichtete stockend vom Traum. „Was soll ich tun“, fragte Sophie völlig aufgelöst und weinend. Martha antwortete: „Die seltsamen Geschehnisse, die wochenlangen Alptraume, der zerbrochene Spiegel und die verwüstete Kirche können kein Zufall sein! Tritt vor den Altar – wenn sie dich schützen will, erscheint sie wirklich…!“ Entgeistert sah Sophie Martha an. „….bist du sicher…oder werde ich einfach nur wahnsinnig“, stammelte sie. „Sie wird erscheinen, da ich bin ganz sicher!“

Der gutaussehende, selbstbewusste Robert stand am blumengeschmückten Altar und wartete auf seine Braut. Die Kirche war wunderschön geschmückt und alle Gäste erschienen. Die Musik setzte ein, als Sophie die Kirche mit klopfendem Herzen betrat. Sophie schritt den Gang entlang, wartete auf ein Wunder eine Art Absolution, die sie vor der Heirat schützen konnte. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie verstohlen das Fenster, wo im Traum die Geisterjungfrau gesessen hatte. Der Pfarrer war bereits bei der Predigt, doch nichts geschah. Als die Orgel erneut ein Lied anstimmte, verdunkelte sich das Fenster, welches Sophie die ganze Zeit beobachtet hatte. Eine Gestalt wurde sichtbar und schwebte zum Altar herab. Niemand schien etwas davon zu bemerken. Ein Ruck ging durch Roberts Körper, er wurde bleich wie die Wand. Anna stand aus dem Nichts vor ihm und hielt einen Dolch in der Hand. „Du hast lange genug gemordet und dich deiner Frauen entledigt. Das muss ein Ende haben! Sie stach mit dem Dolch in sein Herz, doch nichts geschah. Er sah Anna fassungslos an und grinste dann hämisch. In diesem Moment begriff Sophie, dass Robert die Geisterjungfrau auch sehen konnte und sie kein Hirngespinst ihrer überreizten Nerven war. Die Haupttüre der Kapelle wurde plötzlich aufgerissen, einige uniformierte Polizisten verteilten sich in die Kirche. Ein Raunen ging durch die Menschen, viele reckten die Hälse um besser sehen zu können. Ein Mann in zivil trat vor den Altar. „Sie entschuldigen bitte dass wir die Zeremonie stören, doch glauben Sie mir, es ist das Beste, was Ihnen passieren konnte“, wandte er sich an Sophie, während er ihr seine Polizeimarke zeigte. An Robert gewandt sagte er: „Sie sind verhaftet wegen des Mordes an ihren beiden Ehefrauen. Wir wissen, wie sie beide umgebracht und sich das Vermögen als Alleinerbe erschlichen haben…“ Ein lautes Stimmengewirr erhob sich, einige Gäste verließen geschockt die Kirche, andere diskutierten lautstark während Robert in Handschellen aus der Kirche geführt wurde. Bisher hatte er kein Wort gesagt, dann brach es plötzlich aus ihm heraus. „Ich komme wieder Anna Boleyn und du wirst tausend Tode sterben“. Sophie stand allein in der leeren Kirche, nur Martha wartete im Seitengang auf sie, als Anna Boleyn im Lichtschein der durchs Fenster einfallenden Sonnenstrahlen aus Fleisch und Blut sichtbar wurde. „Ich danke dir Anna, ich danke dir von ganzem Herzen, auch wenn ich deine Warnung am Anfang nicht wirklich verstanden habe…“, flüsterte Sophie. Anna schenkte ihr ein strahlendes Lächeln, nickte ihr zu und verschwand in einem Nebelhauch.

Diese Geschichte erschien in der Hochzeitsanthologie: Verliebt, verlobt... Die fantastisch schaurige Hochzeitsanthologie: Grusel, Romantik, Hochzeit, Heirat, Altar, Fantasy in der Toma Edition.


 

Trauer

Lerne mit der Trauer zu leben!

Gib ihr Raum in Deinem Herzen, lache und liebe mit ihr,

denn sie wird Dich Dein Leben lang wie ein Schatten begleiten und nie ganz vergehen,

wenn Du einen geliebten Menschen verloren hast!

 

 

 

Wann beginnt der Frühling?

Eines ist klar, wenn es laut Kalender Frühling wird, dann muss er nicht auch zwangsläufig beginnen!

Ist es vielleicht das Schneeglöckchen oder das erste Grün des Krokus? Sind die Störche, die aus Afrika zurückkehren unsere speziellen Frühlingsboten, oder doch eher die Singvögel? Egal, welche Blume, welches Tier, der Frühlingsbeginn zeigt sich für jeden anders!

Wir spüren dass die Jahreszeit im Wandel ist.

Die Tage werden bereits Ende Januar merklich länger – ein untrügliches erstes Zeichen, das die dunkle Winterzeit vorüber ist. Für kurze Zeit erreichen die ersten Sonnenstrahlen die Erde. Noch befindet sich die Natur in einer Art Wartezeit um für den richtigen Augenblick gewappnet zu sein. Doch der Kampf der Naturelemente ist zwischen Januar und März noch nicht beendet. Erst wenn die Sonne über dem Horizont höher steigt, besiegt sie die Frühlingsstürme und verdrängt die Kälte.

Das rasche Hervorbrechen aller Naturkräfte durch das Keimen von Pflanzen - wie Hyazinthen, Tulpen und Narzissen, zeigen uns den Lebenswillen der Natur. Die Zeitumstellung ist für viele Menschen dann der endgültige Frühlingsstart. - Warum? Ganz klar, weil die Frühjahrsmüdigkeit jetzt beginnt!

Die Mutter meines Vaters sprach in dieser Zeit immer vom „Reinemachen des Hauses“. Schon bald stapfte sie, bewaffnet mit Putzeimer, Schrubber und Wischmopp sowie einem Staubtuch in die Küche. Ihr Gesichtsausdruck war grimmig und so rückte sie dem Winterdreck auf den Pelz! Sie blies symbolisch zum Hallali auf Staub und Schmutz. Spätestens jetzt war es an der Zeit die Flucht zu ergreifen, weil sie dann übellaunig loslegte um auf Schränken und in den Ecken Spinnen zu jagen. Gardinen wurden abgenommen und ausgetauscht, in Schränken herumgekramt und die letzten Spekulatien vom Weihnachtsfest hervorgeholt... Unter uns gesagt, wir Kinder sagten immer, bei Oma gibt es die Vorösterlichen...!

Manch einer räumt, wie auf ein geheimes Signal die Wintergarderobe nach hinten in den Schrank und tauscht sie gegen die leichtere Frühjahrsbekleidung. Wieder andere sortieren Bücher, Papiere oder ähnliche Formulare von ihrem Schreibtisch in Ordner ein. Manch einer quält sich um diese Zeit durch die Steuererklärung – sowie ich beispielsweise….

Fakt ist, ein unruhiges Treiben setzt ein, immer noch abwartend, auf einen Hinweis, der uns richtig durchstarten lässt.

Für mich persönlich ist der Frühling nicht mehr fern, wenn das erste Grün des Schnittlauchs zu sprießen beginnt und ich so viel davon abschneiden kann, dass es für die erste Pfanne mit Rührei zum Sonntagsfrühstück mit der Familie ausreicht!

Geschrieben für die Lesewanderung 2013 in Gladbeck

 

 

Gedanken zum Glück

Was macht uns wirklich glücklich? Selbst Glücksforscher haben bislang keine eindeutige Antwort darauf gefunden. Aber sie haben eine "Anleitung zum Glücklichsein" erstellt wobei die Ideen dahinter von mir stammen:

Das Lächeln eines Kindes!

Rituale - wiederkehrende Abläufe oder Familientraditionen gehören z. B. dazu Alles Dinge die wir selbst gerne haben.

Das einfache Leben - Barfuß über eine Wiese laufen, ein spontanes Picknick irgendwo auf einer Bank oder unterwegs auf einer Wanderung

Düfte - Gerüche aus der Kindheit: Bohnerwachs auf alte Dielen, Zimtschnecken oder Waffeln, wie Oma sie gebacken hat,

Alte Fotos - wenn wir alte Fotos ansehen und über uns selbst lachen könne, die Kleidung, die Frisuren, am besten mit unseren Freunden von damals.

Eine schlichte Mahlzeit - Wein, Weintrauben, Käse und ein gutes Gespräch, ein perfekter Tagesausklang.

Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und soll als Inspiration dienen. Sicher fällt Euch selbst auch eine ganze Menge dazu ein...

 

 

"Versäumte Momente"

Mit ihren sechsundachtzig Jahren war sie geistig wie körperlich immer noch recht fit zu nennen. Klar, das Auf- und Abhängen von Gardinen sollte sie tunlichst vermeiden, hatte der Arzt ihr gesagt, doch an „Wohlfühltagen“, kam es durchaus vor, dass sie es trotzdem tat und sogar auf die Leiter stieg.

Das Ergebnis ihrer Mühen wurde von ihren Kindern jedoch weder bestaunt noch gelobt, sondern gescholten. Die erwachsenen Kinder verstanden sie nicht. Wollte sie doch noch so viel wie möglich allein bewerkstelligen – so wie früher - als ihr alles noch flotter von der Hand ging und sie nicht ständig um etwas bitten musste...

Schlimm waren jene langen, dunklen Herbst- und Wintertage, an denen sie nicht viel tun konnte. Das Tageslicht war trübe, der Tag zog sich, für sie war er qualvoll und lang. Nein, diese Jahreszeit empfand sie oftmals als langweilig. Das Lesen bei Lampenlicht ermüdete die Augen, an der Nähmaschine sah sie kaum noch etwas im winzigen Licht der kleinen Nähmaschinenbeleuchtung, geschweige denn einen Faden konnte sie einfädeln. Das Häkeln und Stricken ging ihr nicht mehr so gewandt von der Hand und manches Mal, fielen ihr einige Maschen vom Nadelspiel, besonders beim Wechsel zwischen vier Nadeln. So verlor sie nach und nach die Lust daran, für ihre Enkel Sökchen oder Fäustlinge zu stricken.

Einwecken oder Einkochen musste sie für sich allein auch nichts mehr, andernfalls es gab ja Tiefkühlgeräte wo die Sachen frisch hineingelegt wurden.

Das mühevolle Teig kneten um Brot zu backen erledigte die Küchenmaschine für sie. Außerdem gab es selbstgebackenes Brot allenfalls an besonderen Festtagen.

Ja, die Zeit hatte sich gewandelt, ebenso wie ihr Geist und ihr Körper: Sie hatte Arthrose in den Gelenken, die Beweglichkeit ließ nach und alles, was sie tat erforderte mehr Zeit. Wie oft hatte sie sich als junge, berufstätige Frau mehr Freizeit zwischen Familie und Beruf gewünscht? Jetzt hatte sie diese freie Zeit, doch alles dauerte länger. Sie konnte die vielen fehlenden Stunden nicht nachholen oder nacharbeiten, auch war es ihr nicht möglich die Zeit zurückzudrehen, ihre „Wohlfühltage“ zu verlängern, oder gar anzuhalten.

So sehnte sie sich nach den Tagen zurück, wo sie unbeschwerter gelebt hatte, zum Beispiel ohne Schmerzen. Mit dem Alter kamen die Beschwerden, die Einsamkeit und irgendwann auch die Vergesslichkeit, vor der sie sich so sehr fürchtete. Denn nun hatten ihre Kinder kaum Zeit für sie. Nur zu gern hätte sie ihnen gesagt, nehmt Euch mehr Zeit zum Leben, zum Genießen, zum Freuen. Einfach nur um Euch später erinnern zu können, an den Zauber eines besonderen Augenblicks. Einen Augenblick in Eurem Leben, von dem Ihr im Alter oder sogar den Rest Eures Lebens zehren könnt... Oder war es ihre Wahrnehmung, die ihre Tage so lang und öde erscheinen ließ?

Lebenszeit sollte in schönen Momenten, dem Lachen und mit dem Herzen gemessen werden, dachte sie und schlief ermattet ein. Mit  einem beseelten Lächeln auf den Lippen glitt sie hinüber in eine andere Welt. Ihre letzten Gedanken waren irgendwo, wo Zeit keine Rolle mehr spielte. Vielleicht war sie aber auch schon in der Ewigkeit, die ein ganz anderes Zeit-Potential hat...

(Diese Geschichte entstand im Rahmen einer Ausschreibung zum Thema Zeit)

 

 

"Gärtnerfreud, Gärtnerleid..."

Der Frühling ließ in diesem Jahr wieder lange auf sich warten. Mal Regen, mal Schnee, dann wieder Hagel. Stellenweise gab es auch sonnige Abschnitte, doch es sah eher nach Winter als Frühling aus. Selbst die bunten Eier am Apfelbaum konnten den Frühling nicht anlocken. Dabei lugten ganz verschüchtert bereits die ersten Krokusse aus der Erde und vorsichtig schoben sich die noch festen, grünen Blütenansätze von den Tulpen aus satt grünen Blättern ans Licht. Es schien als wartete die Natur nur auf ein geheimes Signal. Die ersten Vögel begannen hin und wieder ein Lied zu trällern und vereinzelt sah man Spatzen oder Meisen mit einem Zweig oder weichem Nistmaterial im Schnabel. Trauten sie sich wirklich schon jetzt ihr Nest zu bauen? Die Tauben auf dem Dach gurrten bereits am frühen Morgen und auch Herr und Frau Drossel begannen ihre neckische Jagd, die meist mit einem Happy-End endete, so lange kein Rivale auftauchte.

Doch an einem Morgen war es soweit, die Sonne ging auf und schien beinahe den ganzen Tag. Die Krokusse öffneten sich und ein zarter Duft lag in der Luft. Auch der Apfelbaum zeigte seine ersten festen Knospen. Die wärmende Sonne schien das Signal zu sein, auf das Tiere und Pflanzen so lange gewartet hatten. Die Wiese zeigte sich mit blühenden Gänseblümchen und auch das Moos am schattigen Seitenrand leuchtete in einem kräftig-sattem Grün. Die Osterglocken öffneten sich im Laufe des Tages und zeigten sich in leuchtendem Gelb. Aber auch anderes "Grünzeug" war auf dem Vormarsch: Der erste Löwenzahn und Ansätze von "Unkräutern" zeigten sich zwischen den Gehwegplatten.

Wobei es offiziell keine "Unkräuter" gibt. Sie sind eigentlich Gewächse, für die wir nur noch keine Verwendung gefunden haben...

 

Alle Rechte für die hier aufgeführten Werke und Texte liegen bei Dorothea Möller

 

 


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