Leseproben

 

"Lausche dem Rhythmus der Worte,
schicke deine Gedanken auf Reisen,
dann wirst du den Zauber anderer Welten
entdecken."

 

Leseproben:

Allen Besuchern meiner Webseite wünsche ich viel Freude beim Entdecken, Lesen und Stöbern. Herzlichst Dorothea Möller

 

Die Osterhelfer

Gestatten, dass ich mich vorstelle:

Mein Name ist Dolly, ein glückliches Huhn, besser gesagt, eine Henne! Seit etwa einem Jahr lebe ich nicht mehr in der Kommune mit meinen Verwandten in dem Riesengehege, wo wir geschlüpft sind, sondern bei einer Familie in der Stadt. Es war schon eine riesige Umstellung für mich und meine Schwester Ida. Nach anfänglichen Anpassungsschwieirigkeiten gefällt es uns sehr gut! Wir haben ein großes Außengehege am Hühnerhaus. Hier gibt es eine Legebox für uns, ausgelegt mit Heu, eine Seitentür und eine Falltür zum Schließen für kalte Nächte.

Ida und ich besitzen auch ein fahrbares Außengehege für den Garten. Mittlerweile tragen wir den Beinamen Verticutierhühner, weil wir so viel scharren. Wir genossen den Frühling, bis vor einigen Tagen etwas sehr Merkwürdiges geschah:

Eines Morgens, es wurde gerade hell, sah jemand mit großen Augen durch unsere Fensterscheiben in das Hühnerhaus. Ich habe mich mächtig erschrocken und gleich entwich mir ein verblüfftes: "Gack, was ist das für einer...?"

Es gab ein knarredes Geräusch und der Riegel der Seitentür öffnete sich. Ida schlief tief und fest. Sie hatte mal wieder nichts mitgekriegt! Eine haarige Pfote tastete vorsichtig in unserer Unterkunft herum. Gut, dass ich oben auf der Stange saß!

Nun griff die Pfote sanft in Idas Federkleid. Die schoss mit gespreizten Flügeln hoch und gackerte aufgeregt los.

"PSST", machte jemand von draußen.

"Verflixt, was bist du denn für einer?"

Ich sah überrascht in das haarige Gesicht eines Vierbeines, oder sollte ich Vierpfötlers sagen?"

"Schön, dass ihr jetzt wach seid, kommt bitte rasch heraus, ich benötige eure Hilfe!"

"Da könnte ja jeder kommen", kreischte Ida.

"Ihr wisst wohl überhaupt nicht, was heute für ein Tag ist?", fragte der Vierpfötler weiter.

"Wozu?", gab ich angesäuert zurück.

"Ich bin der Osterhase und brauche noch ein paar Eier. Im Nachbargarten haben mich vorhin zwei wütende kleine Kläffer angesprungen, und dabei sind mir meine wunderhübsch angemalten Eier kaputt gegangen."

"Tja das ist dein Pech, aber die kleinen Kläffer sind wirklich schlimm. Die bringen uns am frühen Morgen auch immer um den Schlaf. Zwei Stunden später läutet der Pfarrer die Kirchenglocken und wir schrecken erneut hoch. Es ist ein Wunder, dass wir keine Eier mit Sprung legen!"

Ida sah mittlerweile mutig durch die geöffnete Tür.

"Hey, so einen wie dich kenne ich, du buddelst doch immer in den Wiesen herum und gräbst Gänge!"

"Bedaure, ich bin kein Kaninchen, ich bin ein Hase!" Etwas verärgert sah er Ida ins Gesicht.

"Meine Ohren heißen Löffel und sind erheblich länger als die eines Kaninchens. Meine Hinterbeine sind länger und ich wohne nicht unter der Erde!"

"AHA", erwiderte Ida beeindruckt. "Ja, wenn dich dich jetzt so betrachte..."

"Schön, wir sollen dir helfen, wobei und wie, hätte ich dann gerne gewusst", sagte sie forsch.

"Könnt ihr nicht rasch ein paar Eier im Garten verteilt legen, damit ich sie anmalen kann? Bitte, es ist wichtig. Ihr wollt doch nicht, dass die Kinder eurer Familie traurig sind, oder?"

"Neiiiin", antwortete ich gedehnt und hüpfte mutig hinaus.

Ida folgte mir. "Wo hättest du sie denn gerne versteckt?", fragte sie und rannte bereits auf die Wiese.

"Halt, Ida, denk an Mäxchen, der ist noch auf Tour."

"Wer bitte ist Mäxchen?", fragte der Osterhase neugierig.

"Das ist unser Gartenigel", erklärte ich ihm rasch.

"Ach, der läuft nebenan durch den Nachbargarten und lässt sich die Reste meiner verlorenen Eier schmecken, ich habe ihn laut schmatzen hören."

Wir befanden uns bereits am Gartenhaus.

"Unter den Hortensien wäre ein gutes Versteck, bitte", bat uns der Osterhase. Also tat ich ihm den Gefallen und legte ein Ei. Er machte sich sogleich an die Arbeit und verwandelte es in ein kleines Kunstwerk. Es sah prachtvoll aus. Ida lief in Richtung Teich, dort bewegte sich etwas, ein Regenwurm. Klar, den wollte sie vernaschen. Aber er war schon weg, als sie bei ihm ankam. Der Osterhase schlug einen Haken und lief zu den Tannen. Er winkte mir zu und ich wusste, hier war das nächste Versteck. Also setzte ich mich auf den Boden und bemühte mich, noch ein Ei zu legen. Nach einigen Minuten hatte ich es geschafft. Wieder flog der Pinsel über die Eierschale. Sie glänzte feucht bemalt in der aufgehenden Sonne.

Ida und ich schlenderten durch den Garten, fraßen noch ein paar Grashalme und sahen bei unserem Freund Fridolin Frosch vorbei, der seine Backen blähte, aber noch keinen Ton herausbrachte.

"Quack, was macht ihr zwei denn so früh am Teich?"

"Nur ein paar Schlückchen Wasser trinken", erklärte ich ihm.

Argwöhnisch sah Fridolin auf den Osterhasen. "Was will der denn? Auch was trinken? Nicht dass er mir zu viel wegtrinkt. Denkt daran, meine Kinder sind noch zu klein, um bei niedrigem Wasser aus dem Teich zu hüpfen", ermahnte er uns.

"Keine Sorge, ich muss weiter und noch ein paar Hennen in der Nachbarschaft aufsuchen, damit ich rasch die letzten Eier bemalen kann!"

Der Osterhase verabschiedete sich von uns und wir genossen den warmen Frühlingsmorgen im Garten. Als unsere Familie aufgestanden war und die Kinder nach den E_iern suchten, wunderten sich alle, wie wir beide aus dem Gehege gekommen waren. Aber wir haben ihnen nichts verraten, auch nicht, dass wir Osterhelfer waren!




Waldtherapie - Die Sehnsucht nach dem einfachen Leben

 

Für gestresste Manager und Mitarbeiter empfehlen viele große Firmen neuerdings eine Waldtherapie. Von Freitag bis Sonntag Nachmittag werden überarbeitete Kollegen auf Firmenkosten in den wunderschönen Wald geschickt, um sich ihrer Ursprünglichkeit bewusst zu werden.

Untergebracht werden sie meist auf spezialisierten Bauernhöfen mit merkwürdig anmutenden Gütezertifikaten. Diese bieten zur regulären Übernachtung, gegen Aufpreis versteht sich, eine Übernachtung im Heubett an. Heißt übersetzt – sie schlafen im Stall zwischen Spinnen und anderem Getier. Zurück zur Natur könnte die Zertifizierung das Qualitätssiegel hier lauten.

Die Hochglanzmagazinbranche sieht ein großartiges Geschäft in diesem Trend. Sie verdient tüchtig mit, indem sie seitenweise Anzeigen von Feriendomizilen auf dem Land schaltet. Farbenfrohe Fotos mit romantischen Texten lassen den verklärten Städter das lustvolle Ambiente des Landlebens neu entdecken.

Für Wochenendseminare reisen in der Regel zwei fachlich kompetente, hochmotivierte, wie qualifizierte Entspannungstherapeuten an. Manches Mal kommt sogar jemand für eine Aromatherapie dazu - als gäbe es auf dem Land nicht genügend Gerüche. Plumskloidylle eingeschlossen.

 

Barfuß durch den Wald laufen, die müden Füße im klaren Wasser eines Bachs abkühlen, sich selbst erspüren, zurück zur Ursprünglichkeit unserer Wurzeln finden, sind einige Programmpunkte. Ein weiterer das Umarmen von Bäumen.

Im Dort meiner Großmutter sah ich niemanden einen Baum umarmen, nicht einmal den Förster. Der Markierte sie allenfalls mit einer Spraydose für den Holzeinschlag. Vielleicht umarmen ja einige Jugendliche im Bierrausch den einen oder anderen Baum wenn sie von der Dorfdisco im Nachbardorf oder demSchützenfest durch den Wald heimkommen.

Was das Barfußlaufen angeht, unsere Oma hätte uns gewiss den Hintern versohlt, wären wir barfuß durch den Wald gelaufen. Wer von einer roten Waldameise, die sich zufällig in die Sandalen verirrt hat, traktiert worden ist, weiß was Schmerz bedeutet...

Kollektives Angeln ist ein weiteres Wellnesshighlight im Flyer.

Wer sich ein wenig mit dem Angeln auskennt, weiß, dass Fische auf Geräusche reagieren. Man angelt in der Stille.

Was nutzt es, wenn direkt am Ufer eines Sees erst lange Einweisungen für die Handhabung des Angelgeräts erfolgen, und alle Teilnehmer durcheinander fragen, oder mit ihren Eimern klappern? Die Fische haben dann längst das Weite gesucht, und kein noch so schmackhafter Köder wird sie veranlassen zu beißen.

Was die Seminare nicht zeigen ist das wahre Leben.

Aufstehen morgens um fünf Uhr. Kühe melken, die Milch zur Abholung bereitstellen und füttern. Ställe misten, Heu vom Heuboden holen oder in die nebenan liegenden Stallungen hinüber karren.

Danach sind die Hühner dran: Eier aus den Nestern nehmen, abwaschen und verpacken. Zwischendurch das Frühstück für die Familie vorbereiten weil der Schulbus pünktlich kommt, um die Kinder in das zehn Kilometer entfernte Kreisstädtchen zu bringen.

Einkäufe um die Ecke kann man hier nicht machen. Man muss motorisiert sein. Der nächste kleine Supermarkt liegt drei Kilometer entfernt und ist alles andere als günstig. Hier bekommt man einige Grundnahrungsmittel, Kosmetika und Getränke. Die Auswahl ist eingeschränkt. Das wahre Landleben ist hart. Ein Leben im Rhythmus der Jahreszeiten. Letztendlich dürfen Beeren und Obst an Sträuchern und Bäumen nicht vergammeln. Alles muss zum Markt, die Ware bedeutet Einnahmen.

Ganz ehrlich, an einem Wochenende kann man das einfache Leben unmöglich „erfahren“. Erst Recht nicht mit zertifizierten Antistress-Therapeuten, welche mit ihren neuen, sauberen Gummistiefeln und Landoutfit a la Lodenjacke daher kommen, und glauben, sie hätten das Leben auf dem Land neu erfunden.

Das natürliche Leben kann man nur Schritt für Schritt erfühlen, erleben und erfahren wenn man sich mit all seinen Sinnen darauf einlässt.

Es ist viel mehr als eine „Wochenend-Lebenseinstellung“.



Abschied in ein neues Leben´


Traurig sah ich mich um. Alles wirkte kahl, trist und verlassen. Wo einmal Bilder hingen, zeichnet sich allenfalls die Kontur vom Staub an der Wand ab. Etwas in meinem Leben, was mich für die Dauer meines Studiums begleitete, gab es nicht mehr. Wichtige Dinge, die mir lieb und teuer sind, stehen längst an anderer Stelle. Verstaut in Holzkisten und Kartons - Geschirr, Bücher und auseinander gebaute Möbel. Erinnerungen werden wach:

Der erste Besuch der Eltern an einem Sonntagnachmittag

Die beste Freundin, die erstmals zu Besuch in die fremde Stadt kam und hier übernachtete.

Gemeinsame Studienabende mit Kommilitonen, die mit Pizza backen und einem Glas Rotwein um Mitternacht endeten.

Durchwachte Nächte am Schreibtisch, aus Angst vor bevorstehenden Prüfungen.

 

Das Ende des Studentenlebens in der Wohngemeinschaft, die sich nun auflöste. Menschen, mit denen man zusammenwachsen musste und wollte, und die sich nun in alle Winde verstreuten. Ein letztes Mal sehe ich mich in der leergeräumten Wohnung ohne Gardinen und Möbel um.

Ein Lebensabschnitt endet. Trotz des Abschieds herrscht Aufbruchstimmung, welche die melancholische Stimmung überstrahlt. Dieses letzte Mal hat trotz allem etwas beglückendes, was wir in unser neues Leben mitnehmen. So können wir kommende Herausforderungen leichter bestehen. Ich drehe mich um, schließe die Wohnung ab, stecke den Schlüssel in den dafür vorgesehenen Briefumschlag und werfe ihn in den Hausbriefkasten. Danach ziehe ich die Haustüre zu, steige in mein kleines, altes Auto, wobei ich den Blick hinauf zur Fensterfront der Wohnung vermeide und mache mich als letzte von vier Jungen Frauen auf den Weg. Doch eines weiß ich, unsere Freundschaft hat weiterhin bestand.

 

Diese Geschichte erschien im Elbverlag (November 2018) im Herzbuch - Ein letztes Mal

 

 

Winterzeit = Ruhezeit

Eisblumen an den Fenstern, Raureif auf Gräsern und Pflanzen, zugefrorene Seen bei klirrender Kälte oder Schnee, so haben unsere Großeltern und Eltern noch den Winter erlebt. Zu dieser Zeit gab es selten Zentralheizungen oder fest schließende Fenster. Durch die Ritzen der Holzrahmen zog es und die kalte Luft schien überall zu sein, da es kaum Jalousien gab.

Die Zeit zwischen den Jahren, sowie die im Monat Januar, galten als Ruhezeit. An den langen Abenden vor dem Ofen oder offenen Kamin wurde viel von den Großeltern erzählt oder Wissen an die Kinder weitergegeben. Das geschah durch Erzählungen wie praktische Anwendungen.

Die letzten Schweine wurden geschlachtet, in Salz eingepökelt, Schinken und Mettwürste im Rauchfang des Kamin geräuchert. Die meisten Aufgaben der Vorratshaltung mussten jedoch bereits im Herbst erledigt sein.

Im Winter legte man Pläne und Zeichnungen für die Fruchtfolgen des kommenden Jahres auf Äckern und Gärten an. Dabei lernten schon die Kleinsten, welches Gemüse miteinander wuchs und welches besser nicht zusammen angepflanzt wurde, weil sie sich nicht riechen können...

Tomaten und Gurken mögen beispielsweise nicht beieinander stehen. Dafür werden Erdbeeren aromatischer, wenn Minze zwischen den Pflanzen wächst. Knoblauch hält Schädlinge fern. Mit Bananenschalen, fern von jungen Salatpflanzen ausgelegt, lockt man Nacktschnecken an, die sonst die zarten Pflanzen fressen würden.  Gerätschaften wurden ausgebessert und zum Teil erneuert.

Das Leben war Abhängig vom Rhythmus der Natur. Hausmittel halfen gegen Erkältungen, die Rezepte wurden in der Familie weitergegeben oder verfeinert. Das Essen war einfach aber deftig. Gemüseeintöpfe und selten Fleisch, allenfalls an Sonntagen. Fettgebackenes wie Krapfen mit Rosinen, Apfelschnitzeln oder „Hefeballen“ mit Marmelade (Berliner), wie wir sie aus der Karnevalszeit kennen, gab es an Sonntagen, wenn die Verwandten zum Kaffee nach dem Kirchgang kamen. Manchmal wurden bereits am Vortag Berge von Waffeln mit dem "Tickeisen“ in der Mitte der Ofenmulde über der Glut im Herd gebacken. Dazu wurde der Herd nur mit einer bestimmten Holzsorte beheizt, damit die Temperatur lange vorhielt. Traditionen wurden gepflegt und weitergegeben, Feiertagsriten eingehalten und zelebriert.

 

Vieles von diesem alten Wissen ist heute leider verloren gegangen und würde sicher auch uns „modernen Menschen“ noch von Nutzen sein. Bereits im Mittelalter begannen Nonnen wie Mönche ihr Wissen zu sammeln, zusammenzutragen und aufzuschreiben. Glücklicherweise ist noch heute einiges überliefert, wie Rezepte von Hildegard von Bingen, die uns immer noch zu Gute kommen.

 

Ein Schneeengel

 

Jette presste ihre Nase an das Fenster, wobei sie die Kälte spürte. Am Morgen nach dem Aufstehen, entdeckte sie die ersten Eisblumen am Fenster, doch noch immer fehlte Schnee. Stattdessen war die Welt draußen grau und nebelig trüb.

Ihre Schwester Frederike war zwei Winter zuvor mit sieben Jahren an Diphtherie gestorben. Als der Arzt die Erkrankung feststellte konnte er ihr nicht mehr helfen. An dem Tag, als sie starb, versprach sie ihrer Zwillingsschwester Jette, dass sie auf die Erde zurückkommen würde – um die Weihnachtszeit, als Winterengel.

Ich werde immer bei dir sein. An Weihnachten komme ich als Winterengel zu dir zurück,“ hatte sie der weinenden Jette versprochen.

Wie soll ich dich denn erkennen?“, fragte Jette verzweifelt weinend, „...und wo soll ich suchen?“

Warte auf den ersten Schnee. Erkennen wirst du mich mit dem Herzen“, antwortete Frederike krächzend. Kurz darauf war sie für immer eingeschlafen.

 

Im Winter des Vorjahres gab es kaum Schnee, allenfalls Schneematsch, der nicht liegen blieb. Das ganze Jahr wartete Jette sehnsüchtig auf den nächsten Winter.

Ende November wurde es empfindlich kalt, über Nacht froren die Weiher zu, auf den Dächern am Morgen sah man Raureif.

Bis zum Nikolaustag war immer noch kein Schnee gefallen, so dass Jette jeden Abend betete, Petrus möge es endlich schneien lassen.

 

Endlich, Mitte Dezember fielen die ersehnten Schneeflocken. Einen Tag und die ganze Nacht lang schneite es.

Mit gemischten Gefühlen zog Jette ihre warmen Stiefel an und ging hinaus. Sanft knirschte der frisch gefallene Schnee unter ihren Stiefelsohlen. Sie bückte sich um mit bloßen Händen einen Schneeball zu formen.

 

Wo bist du?“, fragte sie leise. Dabei schaute sie auf die tauende Schneekugel in ihren Händen. Nichts geschah. Auch am Hügel, der zum Weiher hinunter führte, fand sie keine Antworten. Jette suchte ihre Lieblingsplätze auf, Orte, wo sie gemeinsam gespielt hatten, aber nirgendwo fühlte sie sich ihrer Schwester nahe. Hinten am See standen kahle Kopfweiden. Nachdenklich schlenderte sie dorthin. Niemand hatte die Stelle im Schnee bislang betreten. Langsam tastete sie sich zum Uferrand vor. Das Eis hielt. Es würde gewiss nicht brechen. Vielleicht konnte sie in den nächsten Tagen Schlittschuhlaufen gehen, überlegte sie.

Auf dem Rückweg rutschte Jette auf einer kleinen Eisscholle unter dem Schnee aus und fiel rücklings hin. Dabei ruderte sie einige Male mit den Armen. Selbst als sie auf dem Rücken lag, versuchte sie händeringend aufzustehen. Als sie endlich wieder stand, sah sie die Kuhle im Schnee in der sie gelegen hatte. Sie hatte die Form eines Engels.

Die Schneeengel“, rief sie plötzlich laut aus und legte sich neben die Kuhle in den frischen Schnee. Dann begann sie Arme und Beine zu bewegen, so dass der Abdruck eines zweiten Schneeengels entstand.

Als der Engel fertig war, hörte Jette plötzlich das Lachen ihrer Schwester neben sich. Für einen kurzen Moment sah sie ihre Schwester neben sich im Schnee, wie sie die Hand ausstreckte. Als sie ihre Hand berühren wollte, fühlte sie etwas flauschig-weiches zwischen den Fingern. Überrascht stellte sie fest, dass sie eine große weiße Feder in ihrer Hand hielt.

Sanft strich sie mit der Feder über ihre Lippen, dann drückte sie sie an ihr Herz.

Danke, Frederike“, flüsterte sie mit Tränen in den Augen.

Jetzt weiß ich, uns kann nichts trennen!“

 

© Dorothea Möller November 2018

 


Ein Hund mit Namen Voodoo

Seit einigen Wochen verirrte sich eine streunende, abgemagerte Katze auf den Bauernhof. Die Kinder waren hellauf begeistert, als sie sich nach Wochen anlocken und füttern ließ. Irgendwann konnten sie das noch junge Tierchen sogar streicheln.

„Sie sucht sicher ein neues Zuhause“, versuchten sich die Kinder aufs betteln. Letzten Endes gaben die Eltern nach. Sie erlaubten, dass die Katze bleiben durfte. Unterschlupf fand sie im Stall. Sie erhielt den Namen Miez und wurde von der sechsjährige Anna getauft, indem sie eine Wasserflasche über ihr ausgoss... Miez war alles andere als begeistert. Seitdem suchte seitdem sie das Weite, wenn sie Anna sah.

Es wurde kühler, die Blätter der Laubbäume färbten sich bunt. Nach den ersten Herbststürmen lagen reichlich abgestorbene Äste Eicheln, Kastanien und Bucheckern, im Sumpfwald, die nur darauf warteten eingesammelt zu werden. Mit vollen Körben durchstreiften die drei Kinder bis zur Dunkelheit das Waldgebiet.

„Wir müssen nach Hause“, drängte Felix seine Schwestern.

„Ich muss noch bunte Blätter von verschiedenen Baumarten für die Schule einsammeln“, brummte Laura.

„Dazu hattest du doch genügend Zeit“, beschwerte sich ihr Bruder ungehalten. Er wusste genau, den Ärger bekam er, falls sie bei Anbruch der Dunkelheit nicht auf dem Hof sein würden. Ihre Eltern sahen es nicht gerne, wenn sie in der Dunkelheit im Sumpfwald waren.

„Ich brauche diese Blätter aber“, beharrte Laura, als ihre kleine Schwester plötzlich erschrocken nach ihrer Hand griff.

„Psst, da war was...“, sagte sie verschreckt.

„Quatsch, da ist nichts“, sagte Laura und schüttelte ihre Hand ab.

„Doch, Hirngespinste,“ unkte Felix und lachte sie aus.

„Doch, jetzt habe ich auch etwas gehört. Es klang wie ein winseln.“ Laura horchte in Wald hinein.

„Ihr spinnt doch alle beide!“ Felix war genervt.

Er ging einige Schritte vor, als auch er ein langgezogenes Jaulen hörte.

„Das ist ein Hund“, rief er.

„Vielleicht sitzt er im Moderloch und kommt nicht allein heraus“, kommandierte er. Schon rannte er los.

Atemlos kam er am Moderloch an, doch dort war das Tier nicht. Der mittelgroße, schwarze Hund lag ein Stück weiter unter einer dünnen, umgestürzten Birke. Offensichtlich konnte er sich selbst nicht befreien.

„Los, wir müssen ihm helfen“,kommandierte Felix, „wer weiß wie lange er dort schon festsitzt.“

„Was ist, wenn der beißt?“, jammerte Anna, die Jüngste.

„Der ist froh, wenn wir ihm helfen“. Laura streckte ihre Hand aus, ließ ihn daran schnuppern.

„Ist ja gut, wir helfen dir.“

Beruhigend sprach sie auf das unruhige Tier ein. Dabei versuchte sie gemeinsam mit Felix den kleinen umgestürzten Baum anzuheben, während Anna neugierig, aber ängstlich Abstand nehmend zusah.

„Du kannst auch mal helfen“, fuhr Laura sie an. „Locke ihn mit irgendetwas hervor..“

„Komm, Hundchen, komm“, rief die sechsjährige beherzt, als ihr nichts besseres einfiel.

Mit scheinbar letzter Kraft kroch er etwas vorwärts.

Entschlossen hob Laura ihn hoch, was er widerstandslos zuließ. „Schau nach, ob am Halsband eine Hundemarke ist oder ob es einen Hinweis auf seinen Namen gibt“, riet Felix.

„Im Halbdunkeln sehe ich nichts“, wehrte Laura ab.

„Dann nehmen wir ihn mit nach Hause“, sagte Felix entschlossen.

 

Daheim angekommen, schauten sie sich die Marke am Halsband an.

„Da steht etwas. Ich kann es kaum lesen, so zerkratzt ist die Marke...“, rief Felix erstaunt.

„Lasst mich mal einen Blick drauf werfen“, verlangte ihre Mutter, sie hielt bereits eine Lupe in der Hand.

Mit angehaltenem Atem standen die Drei um sie herum, in der Hoffnung, dass sie den Namen entziffern könnte.

„Da steht eindeutig Voodoo.“ Überrascht schüttelte die Mutter den Kopf. „Da hat sich jemand einen Schmerz erlaubt.“

„Aber wir dürfen ihn erst einmal behalten,ja?“

Prüfend sah die Mutter sie an. In Gedanken schien sie abzuwägen, was das Richtige sei.

„So lange bis seine Verletzungen am Rücken abgeheilt sind. Außerdem humpelt er noch ein wenig. In der Zwischenzeit horcht ihr in der Nachbarschaft oder im Ort herum, ob jemand einen Hund vermisst.

Sie bereiteten ihm ein kleines Lager in der Küche. Er schien gut erzogen, denn er pinkelte nicht einmal in die Küche. Sobald er raus wollte, meldete er sich. Nach einigen Tagen ging es ihm wieder besser und er sprang munter herum. Doch niemand schien ein Tier zu vermissen.

„Wir werden ein Foto von ihm machen, dazu schreiben wir einen kurzen Text und hängen Fotokopien an den Bäumen entlang der Schnellstraße auf. Vielleicht kam er von der anderen Seite der Ortschaft“, mutmaßte ihr Vater.

 

Kaum war der Hund im Haus geschahen merkwürdige Dinge. Am Morgen lagen mit einem Mal tote Ratten vor der Haustüre. Vorräte aus der Kammer verschwanden, obwohl das Tier genügend zu fressen bekam.

Am Reformationstag, den viele Jugendliche im Ort als Halloweentag feierten, wurde Voodoo unruhig. Der Tag begann mit einigen Aufregungen – Miez war verschwunden und unauffindbar. Voodoo jaulte den halben Tag oder kläffte aus unbekannten Gründen die Schafe an.

„Irgendetwas stimmt mit dem Hund nicht“. Der Vater wirkte besorgt. „Er wird doch nicht krank sein oder gar die Tollwut haben“, überlegte er.

Hatte er vielleicht etwas mit den Ratten oder dem Verschwinden der Katze zu tun? Es gab immer noch keinen Hinweis auf seinen Besitzer.

 

Auch Felix machte sich Sorgen. An einem Abend in der dunklen Küche leuchteten seine Augen so merkwürdig. Schließlich kam er aus dem Sumpfwald. Die Leute im Ort erzählten sich, dass es dort Geister gäbe. Bislang hatte er nicht daran geglaubt, aber jetzt...?

Kam Voodoo vielleicht aus der Zwischenwelt und wurde um Mitternacht zur Bestie? Was war, wenn er jemanden aus der beißt und Derjenige wohl möglich eine Verwandlung durchmachte? Felix liebte Horrorgeschichten und hatte schon viele gelesen, dass seine Phantasie mit ihm durchging.

Würde Voodoo am Ende der Nacht ein anderer, der durch den Schleicher der Zeiten gehen musste? Viele Fragen geisterten in seinem Kopf herum. Vielleicht reißt er unsere Schafe, weil er zum Werwolf mutierte?

Mittlerweile lief Felix ebenso aufgeregt hin und her wie Voodoo.

Die Nacht wurde stürmisch. Schaurig heulte der Wind lautstark ums Haus. In dieser Nacht schliefen alle Bewohner im Hause sehr unruhig... Ob es an den Schauergeschichten lag, die jeder zu erzählen wusste?

 

Am Morgen des Allerheiligentag war der Spuk vorüber. Voodoo hatte weder rote Augen, noch war er zum Monster geworden.

Und Miez? Als Anna am Morgen die Kaninchen fütterte, hörte sie Geräusche, die sie nicht zuordnen konnte. Vorsichtig schlich sie weiter, dann hätte sie beinahe laut los gejubelt. Dort lagen fünf kleine Kitten. Miez hatte in der Nacht Kinder zur Welt gebracht. Vermutlich war sie deswegen verschwunden.

Voodoo schien genauso wenig ein Herrchen zu haben, wie Miez einen Besitzer. So blieb auch er auf dem Hof. Da er sehr gelehrig war, wurde er im Folgejahr zum Hütehund für die Schafe ausgebildet...

 

 

Warnung aus dem Jenseits

Seit einigen Nächten plagten Sophie Alpträume. Sie schob es auf den Stress ihrer Hochzeitsvorbereitungen, die sie annähernd im Alleingang organisieren musste. In einer knappen Woche würde sie Robert, einen charmanten gutaussehenden Geschäftsmann heiraten. Seit Vaters Schlaganfall war alles sehr schnell gegangen. Sie wusste als Galeristin zu wenig von den geschäftlichen Dingen, um das väterliche Gestüt allein verwalten zu können. Dass es verschuldet war, ahnte Sophie nicht. So oft es ihre Zeit erlaubte, war sie an der Seite des Vaters, der im Sanatorium lag. Robert, ein Freund der Familie, kümmerte sich zwischenzeitlich um Ratenverträge, deren Tilgung und darum, dass Pferde aus der Zucht auf Auktionen verkauft wurden.

Robert war der Ansicht, Sophie wüsste besser in Hochzeitsangelegenheiten was zu wäre. So suchte sie ihr Brautkleid an einem Nachmittag quasi im Vorrübergehen aus, schrieb die Gästeliste, die überwiegend aus Geschäftsfreunden bestand, sowie die Einladungen und bestellte das Menü. Zuletzt suchte sie sogar den Blumenschmuck für die Kirchendekoration allein aus. Sie wusste nicht einmal, welche Blumen ihm gefallen würden… Eine gute Woche vor der Hochzeit hatten sie immer noch keine Ringe. Erst zu diesem Zeitpunkt fiel Robert ein, dass sie ja auch Ringe benötigten… Wieder überließ er es ihr, eine Vorauswahl zu treffen, da er geschäftlich in Ausland war. Langsam fragte sich Sophie, ob sie einen Geist heiraten würde. Sie kannte Robert seit einigen Jahren, doch wirklich viel wusste sie nicht über ihn, stellte sie jetzt fest. Er war bereits zwei Mal verheiratet gewesen, kinderlos und… Seufzend stand sie auf, vertrieb die trüben Gedanken und duschte. Nach einer Weile kehrten ihre Gedanken automatisch zum Alptraum zurück.

Der Traum kehrte regelmäßig wieder, sie erwachte an derselben Stelle:

Sophie stand vor dem Altar als sie eine schöne Geisterjungfrau in kostbaren Gewändern aus Samt und Seide auf einer Fensterbank im Seitenfenster der Kapelle sitzen sah. Selbige beschimpfte Robert als Verbrecher und Mörder…. Sophie schauderte als sie ihren Spiegelschrank öffnete. Versehentlich hebelte sich dabei die Türe aus. Diese rutschte ihr aus den beiden Fingern, mit der sie sie öffnen wollte und tausende kleine Scherben flogen beim Aufprall über den Boden. „Verflixter Mist“, rief sie. Die Spruchweisheit mit den sieben Jahren Glück oder Unglück beim Zerbrechen eines Spiegels ging ihr durch den Sinn. Energisch schüttelte sie den Kopf. Nachdem sie aufgekehrt und gesaugt hatte, fuhr sie zum Gestüt. In der Küche traf sie Martha die Köchin und Seele des Hauses, seit ihre Mutter verstorben war. „Du siehst schlecht aus Kind“, begrüßte sie Sophie und goss ihr eine Tasse Kaffee ein, welche sie ihr mit einem prüfenden Blick reichte. „Wieder der Alptraum“, fragte Martha. Sophie nickte. „Vielleicht enthält er eine Botschaft aus deinem Unterbewusstsein“ philosophierte Martha. „Ja, dass ich zu viel allein regeln musste“, erklärte Sophie finster. „Gleich fahre ich zu Papa ins Krankenhaus, dann zur Anprobe des geänderten Brautkleides…“ „… ja und für den Rest des Tages nimmst du frei“, stoppte Martha energisch ihre Planungen. „Denk in Ruhe über diesen Traum nach. Vielleicht kommst du von selbst auf die Lösung oder auf das, was die Geisterjungfrau gerade dir sagen möchte…“ Sophie nickte geistesabwesend. „Hinter allem steckt nicht nur eine Botschaft, sondern auch eine Weisheit – du wirst hinter das Geheimnis kommen“, prophezeite ihr Martha.

Die Alpträume kamen nicht zurück, vermutlich weil Sophie jeden Abend todmüde ins Bett fiel. Robert und sie hatten zwischen zwei Terminen die Ringe ausgesucht. Am Tag vor der Hochzeit ging Sophie zur Kirche um zu beten. Ihr stockte der Atem nachdem sie die Seitenkapelle betrat. Verwüstung, wohin sie auch blickte! Umgestürzte Kirchenbänke, heruntergerissene Holzbilder vom Kreuzweg, Kerzenständer und Kerzen lagen zwischen zerfetzten Gesangbüchern mitten im Raum. Das Kreuz lag abgehangen auf den Boden, die Scheiben der Kirchenfenster mit seltsamen Zechen beschmiert. „Nurdas Fenster auf dem die Jungfrau in ihrem Traum gesessen hatte, war merkwürdigerweise verschont geblieben“ bemerkte Sophie aus den Augenwinkeln. Fassungslos sah sie sich um. Wer konnte solch einen Groll gegen sie, Robert oder gegen ihre Verbindung hegen...? Der Pfarrer betrat durch die Sakristei seine Kirche und sah in stummer Entrüstung und Entsetzen auf die Verwüstung. „Oh meine Gott, welch eine Süde, welche Blasphemie“, stammelte er fassungslos. Zum Glück war nichts massiv beschädigt oder gestohlen worden, so dass sie sich entschieden keine Polizei einzuschalten. „Ich verstehe es auch nicht“, murmelte Sophie. Sie griff zum Handy, versuchte Robert anzurufen, doch sie erreichte nur die Mailbox. „Typisch, wenn man ihn braucht, ist er nicht erreichbar“, dachte sie erbost. Danach informierte sie Martha, rief einige enge Freund an, schilderte die Situation und bat sie rasch zu kommen. Alle kamen und halfen die Kirche aufzuräumen, putzten die Fenster und räumten gründlich auf. Robert hatte sich nicht gemeldet.

Als sie Daheim zur Ruhe kam, dachte sie noch einmal nach. Zweifel an ihrer Verbindung kamen in ihr auf. Liebte er sie oder stand die Zweckgemeinschaft für ihn im Vordergrund? Durch den Verkauf der Pferde hatte auch er verdient, so war es vertraglich vereinbart. Sie mochte seine zupackende Art, seinen trockenen Humor, schätzte ihn als Geschäftsmann… aber sie liebte ihn nicht. Sie wusste, dass er bereits zwei Mal verheiratet war, beide Frauen waren verstorben. Die erste sei unter mysteriösen Umständen im Schlaf an einer Atemlähmung verstorben, die zweite bei einem Autounfall. Beide waren vermögend, Robert der Alleinerbe. Ein böser Verdacht wuchs in ihr… Beide Ehen bestanden nur wenige Monate… Morgen würde sie heiraten, was würde geschehen, wenn er wirklich ein Mörder war… Sie zwang sich den Gedanken nicht zu Ende zu denken! In dieser Nacht träumte sie nicht von der Kirche, sondern dass die Jungfrau an ihrem Bett stand und sie eindringlich warnte. „Sophie, wach auf. Du darfst ihn nicht heiraten, sonst wird dein Ende tragisch sein, wie einst das Meine!“ Sophie war in einer Art Halbwachzustand. Ihr Unterbewusstsein wollte weiterzuschlafen, da sie wollte wissen, was die Geisterjungfrau ihr noch zu sagen hatte. „Robert war im früheren Leben Heinrich der Achte und ich war einst seine Frau. Damals starb ich auf dem Schafott. Heute bringt er seine Frauen auf eine andere Art um… Sophie sah sie klar vor ihrem geistigen Auge und schlug mit klopfendem Herzen schweißgebadet die Augen auf. In ihrem Kopf hallte noch die Stimme der Erscheinung nach. Sie rief noch: „…ich bin Anna Boleyn, vertrau mir…“.

Zitternd schob Sophie die Gedanken von sich, die sich in ihrem Kopf überschlugen. Sie war entsetzt! Bebend vor Angst fuhr sie zu Martha und berichtete stockend vom Traum. „Was soll ich tun“, fragte Sophie völlig aufgelöst und weinend. Martha antwortete: „Die seltsamen Geschehnisse, die wochenlangen Alptraume, der zerbrochene Spiegel und die verwüstete Kirche können kein Zufall sein! Tritt vor den Altar – wenn sie dich schützen will, erscheint sie wirklich…!“ Entgeistert sah Sophie Martha an. „….bist du sicher…oder werde ich einfach nur wahnsinnig“, stammelte sie. „Sie wird erscheinen, da ich bin ganz sicher!“

Der gutaussehende, selbstbewusste Robert stand am blumengeschmückten Altar und wartete auf seine Braut. Die Kirche war wunderschön geschmückt und alle Gäste erschienen. Die Musik setzte ein, als Sophie die Kirche mit klopfendem Herzen betrat. Sophie schritt den Gang entlang, wartete auf ein Wunder eine Art Absolution, die sie vor der Heirat schützen konnte. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie verstohlen das Fenster, wo im Traum die Geisterjungfrau gesessen hatte. Der Pfarrer war bereits bei der Predigt, doch nichts geschah. Als die Orgel erneut ein Lied anstimmte, verdunkelte sich das Fenster, welches Sophie die ganze Zeit beobachtet hatte. Eine Gestalt wurde sichtbar und schwebte zum Altar herab. Niemand schien etwas davon zu bemerken. Ein Ruck ging durch Roberts Körper, er wurde bleich wie die Wand. Anna stand aus dem Nichts vor ihm und hielt einen Dolch in der Hand. „Du hast lange genug gemordet und dich deiner Frauen entledigt. Das muss ein Ende haben! Sie stach mit dem Dolch in sein Herz, doch nichts geschah. Er sah Anna fassungslos an und grinste dann hämisch. In diesem Moment begriff Sophie, dass Robert die Geisterjungfrau auch sehen konnte und sie kein Hirngespinst ihrer überreizten Nerven war. Die Haupttüre der Kapelle wurde plötzlich aufgerissen, einige uniformierte Polizisten verteilten sich in die Kirche. Ein Raunen ging durch die Menschen, viele reckten die Hälse um besser sehen zu können. Ein Mann in zivil trat vor den Altar. „Sie entschuldigen bitte dass wir die Zeremonie stören, doch glauben Sie mir, es ist das Beste, was Ihnen passieren konnte“, wandte er sich an Sophie, während er ihr seine Polizeimarke zeigte. An Robert gewandt sagte er: „Sie sind verhaftet wegen des Mordes an ihren beiden Ehefrauen. Wir wissen, wie sie beide umgebracht und sich das Vermögen als Alleinerbe erschlichen haben…“ Ein lautes Stimmengewirr erhob sich, einige Gäste verließen geschockt die Kirche, andere diskutierten lautstark während Robert in Handschellen aus der Kirche geführt wurde. Bisher hatte er kein Wort gesagt, dann brach es plötzlich aus ihm heraus. „Ich komme wieder Anna Boleyn und du wirst tausend Tode sterben“. Sophie stand allein in der leeren Kirche, nur Martha wartete im Seitengang auf sie, als Anna Boleyn im Lichtschein der durchs Fenster einfallenden Sonnenstrahlen aus Fleisch und Blut sichtbar wurde. „Ich danke dir Anna, ich danke dir von ganzem Herzen, auch wenn ich deine Warnung am Anfang nicht wirklich verstanden habe…“, flüsterte Sophie. Anna schenkte ihr ein strahlendes Lächeln, nickte ihr zu und verschwand in einem Nebelhauch.

Diese Geschichte erschien in der Hochzeitsanthologie: Verliebt, verlobt... Die fantastisch schaurige Hochzeitsanthologie: Grusel, Romantik, Hochzeit, Heirat, Altar, Fantasy in der Toma Edition.


Was arbeitet eine Nonne, Mama...?

Als meine Großmutter ins Krankenhaus musste, waren unsere Kinder noch recht jung.

Dort fand ihre erste Begegnung mit einer Nonne im traditionellem Ordenshabit und Kopfschmuck statt. Eingeschüchtert von der schwarz-weißen Kluft, drückten sich beide Kinder enger an mich.

Die Nonne war etwa so alt wie ihre Oma und offensichtlich sehr kinderfreundlich.

„Hallo, ihr Zwei,“ sprach sie unsere Söhne an, „ihr braucht keine Angst zu haben. Ich heiße Gundhild und versorge hier die Kranken.“

Sie streckte ihre Hand aus, um beide zu begrüßen.

Nur zögerlich gaben unsere Kinder ihr die Hand.

„Ich denke, Ihre Ordenstracht wirkt sehr beeindruckend,“ versuchte ich die Befangenheit der Kinder zu erklären.

„Das kennen wir. In der Regel verlieren sie rasch ihre Angst, wenn sie uns auf der Station bei unserer Arbeit erleben“ erklärte sie mir lächelnd. „Oder wir sie mit Keksen ködern,“ setzte sie lachend hinzu.

Später im Krankenzimmer fragte unser vierjähriger Sohn leise: „Mama, was machen die Nonnen den ganzen Tag?“

„Weißt du, sie nehmen die Patienten hier auf, bereiten die Krankenakten vor und arbeiten auf den Stationen. Dort teilen sie Essen aus, oder helfen den Leuten beim Aufstehen aus dem Bett, beziehen die Betten neu“ , erzählte ich.

Aufmerksam lauschte er meinen Worten.

„Andere helfen in der Küche oder backen Kuchen für den Nachmittagskaffee in der Cafeteria. Vorhin, als wir ankamen haben wir auch eine der Nonnen mit einem Bücherwagen gesehen, vermutlich verleihen sie auch Bücher und verteilen Zeitungen,“ erklärte ich ihm.

„Mama, Tante Barbara sagt, sie sind nicht immer fröhlich.“

„Warum sollten sie immer fröhlich sein? Du, oder Tante Barbara seid auch nicht immer fröhlich..“.

Ich verstand den Sinn hinter seinen Worten nicht so ganz.

Was hatte meine Cousine den Kindern nur erzählt?“, überlegte ich.

Doch da plapperte mein Sohn schon munter weiter.

„Tante Barbara sagt, sie sind alle mit demselben Mann verheiratet – das geht doch gar nicht...“.

Im ersten Moment schluckte ich. Das war eine heikle Situation, bei der ich mit Fingerspitzengefühl vorgehen und viel erklären musste.

„Ich glaube, deine Tante meinte, dass alle Nonnen, die in den Orden eintreten, ein Gelübde ablegen und so eine Braut vom lieben Gott werden.“

„Mama, das geht doch gar nicht, der liebe Gott kann doch nicht so viele Frauen haben“, erklärte mir mein Sohn nun altklug.

„Mein Schatz, der liebe Gott ist der einzige Mann, der so viele Frauen hat.“

„Das ist aber unfair Mama. Du sagst immer man soll gerecht sein.“

Na wurderbar“, dachte ich. „Mit ihrer unbedachten Äußerung hatte meine Cousine ja so einige Überlegungen bei meinem Sohn in Gang gesetzt, was ich nun ausbaden musste.

Während ich noch nach den richtigen Worten suchte, hellte sich plötzlich das Gesicht von meinem Kind auf.

„Mama, weißt du was?“ Mit bangem Gesicht erwartete ich seine nächste kindliche Idee.

„Wenn ich groß bin werde ich Nonnerich, dann sind die Nonnen auch nicht mehr traurig....“

 

Blühendes Unkraut

 

Während meiner Kinderzeit verbrachte ich so oft es möglich war, die Sommerferien bei meiner Großmutter in Mecklenburg. In einem Jahr lagen die Ferienzeiten glücklicherweise so, dass wir am Geburtstag meiner Großmutter dabei waren, was sonst, aufgrund der Entfernung und vorab zu beantragenden Einreisevisa nicht möglich war.

Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag und meinen Kummer, dass ich mit meinen neun Jahren kein Geschenk für sie hatte.

Bastelarbeiten konnte ich nicht anfertigen, das wäre ihr gewiss vorher aufgefallen und ein Bild malen wollte ich auch nicht, dass erschien mir zu wenig! Eine Torte und Stauden für den Garten, wollte meine Tante mitbringen. Das Geschenk ihrer Kinder, einen neuen Teppich brachte mein Onkel mit, Pflegeprodukte, Parfüm und einen Bademantel schenke ihr meine Mutter. Ich überlegte angestrengt, womit ich sie erfreuen könnte, doch mir fiel nichts Passendes ein.

Missmutig und schlecht gelaunt ging ich zu meiner Mutter und schüttete ihr mein Herz aus. Sie verstand meinen Kummer und den Wunsch, Omi ein persönliches Geschenk zu machen – eben nicht nur den Tisch zu decken, wie ich es am Morgen getan hatte…!

„Geh hinter die Pferdekoppel ins Kornfeld“, sagte meine Mutter.

„Dort pflückst du die blauen Blumen, am besten einen ganzen Arm voll. Das sind ihre Lieblingsblumen. Falls nicht so viele im Feld stehen, nimm noch Kamillenblüten und einige Stängel roten Klatschmohn dazu – wie auf dem gemalten Bild in der Küche!“

Voller Freude zog ich los und pflückte einen großen Strauß blauer, roter und weißer Blumen, die ich mit einigen Kornähren verschönerte. Den Strauß brachte ich wenig später zu Omi in die Küche. Sie freute sich sehr, umarmte mich und stellte ihn in eine Glasvase mitten auf den Tisch.

Zum Mittagessen kamen meine Tante und ihre Familie. Sie brachte Omi einen Strauß Rosen aus eigener Züchtung mit. Ganz selbstverständlich griff sie nach der Vase mit dem Feldblumenstrauß und sagte: „Mutti, das blühende Unkraut werfe ich raus, wer weiß, ob da nicht Zecken drauf sitzen. Außerdem kommen die Rosen hier in der Glasvase richtig gut zur Geltung!“

Meine Großmutter sah sie entgeistert an und antwortete entrüstet: „Die Feldblumen bleiben auf dem Tisch, damit ich sie immer sehen kann. Deine Rosen stellen wir ins Wohnzimmer auf den Beistelltisch, damit keines der Kinder sie umwerfen kann!“

Dann sah sie mich an, kniff mir ein Auge zu und ich wusste, dass sie meinen Strauß ebenso schön fand wie die Rosen meiner Tante, weil die blauen Kornblumen ihre Lieblingsblumen waren.

Erschienen im Elbverlag 2012

 

 

Der Duft einer verlorenen Kindheit

Erinnenrungen sind für uns Menschen etwas Kostbares und sehr wichtig. Gerüche und Düfte wecken Erinnerungen. Die Düfte können angenehm oder unangenehm sein.

Wer kennt das nicht: Ein Duft steigt uns in die Nase und Bilder aus unserer Kindheit sind wieder da, längst vergangene Dinge fallen uns wieder ein. Das kann der Duft  von Bohnerwachs aus Omas Küche sein, oder der Duft von frischem Moos. Als meine Mutter an einem atypischen Parkinson erkrankte, kam auch eine dementielle Entwicklung dazu. Für sie wurde es im Verlauf der Erkrankung immer schwieriger, sich fortzubewegen und sie wurde im weiteren Verlauf der Erkrankung zunehmend vergessiich. Rasch wurde sie zum Pflegefall. Was meine Mutter jedoch nicht vergaß, war ihre Kindheit in Ostpreußen und die Flucht. Sie sprach oft von den Wäldern, Feldern und den Duft der Apfelblüten auf der Streuobstwiese ihrer Großeltern im Frühling. Sie vermisste den Geruch von frischen Moosen und Farnkraut aus den Wäldern. Zwar besaßen wir einen Garten, dennoch reichte die Geruchspalette der Frühlings- und Sommerblumen, der Blüten oder Gräser nicht aus, um ihr den typischen Frühlingsduft ihrer Kindheit zu vermitteln.

Meine Freundin aus Amerika beschäftigte sich schon seit vielen Jahren mit Parfüm und mischte selbst Düfte. Da wir ständig in Kontakt stehen, wusste sie um die Erkrankung meiner Mutter und ihrem Wunsch einmal in die Heimat zurückzukehren. Uns war klar, dass Muttis Erkrankung rasch fortschritt und sie nicht mehr reisen konnte, dennoch wollten wir ihr mit dem Dufterlebnis ein Stück ihrer Kindheitserinnerungen zurückbringen. Kirsten, meine Freundin wusste, dass man mit Hilfe von Aroma-, oder Phytotherapie positive Assoziationen vermitteln konnte. Also kaufte ich mir einen Parfümbaukasten und beschäftigte mich mit den Kopf-, Herz-, und Basisnoten von Düften. Ich bemühte mich aus den verschiedenen Duftkomponenten ein Parfüm zu kreieren, was den Beschreibungen meiner Mutter nahe kam.

So sehr ich mich auch bemühte, mit holzigen und blumigen Noten zu mixen, umso enttäuschter wurde ich, dass es nie annähernd der passende Duft wurde. Im Laufe der Zeit erinnerte ich mich, dass meine Mutter während meiner Kinderzeit oft Irisblüten auf dem Markt gekauft hatte. Vielleicht half mir dieser Geruch weiter. Dann kam mir der Zufall zur Hilfe. Im Wartezimmer eines Arztes las ich einen Artikel über den berauschenden Duft von Jasmin.

Kaum daheim machte ich mich motiviert an das Mischen und gab Düfte von Moosen, Iris, Grün, Jasmin und Gardenien zusammen in den Mischbehälter. Die konzentrierten Düfte verdünnte ich mit Basiswasser und schrieb mir die exakte Mixtur genau auf, wie ich es immer getan hatte. In der Hoffnung wieder einmal einen annähernd passenden Duft gefunden zu haben, brachte ich ihn zu meiner Mutter. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und sie schloss für einen Augenblick die Augen. Gespannt wartete ich auf weitere Reaktionen. Sie öffnete ihre Augen, Tränen der Rührung und Erleichterung schimmerten in ihnen. Sie sprach damals bereits schleppend und schlecht verständlich, doch nun konnte ich sie klar verstehen: "Wie hast du das gemacht? Es riecht nach dem Garten deiner Uroma", sagte sie mir, lächelte selig und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Das war mein schönster Dank!

"Für Kirsten - als Dank und zur Erinnerung an Ursula"

 

Die Geschichte erschien im Elbverlag in der Frühlingsanthologie: Frühling im Herzen Band 1 im März 2012

ISBN 0978-3-94-1127-15-9

 

 

Wann beginnt der Frühling?

Eines ist klar, wenn es laut Kalender Frühling wird, dann muss er nicht auch zwangsläufig beginnen!

Ist es vielleicht das Schneeglöckchen oder das erste Grün des Krokus? Sind die Störche, die aus Afrika zurückkehren unsere speziellen Frühlingsboten, oder doch eher die Singvögel? Egal, welche Blume, welches Tier, der Frühlingsbeginn zeigt sich für jeden anders!

Wir spüren dass die Jahreszeit im Wandel ist.

Die Tage werden bereits Ende Januar merklich länger – ein untrügliches erstes Zeichen, das die dunkle Winterzeit vorüber ist. Für kurze Zeit erreichen die ersten Sonnenstrahlen die Erde. Noch befindet sich die Natur in einer Art Wartezeit um für den richtigen Augenblick gewappnet zu sein. Doch der Kampf der Naturelemente ist zwischen Januar und März noch nicht beendet. Erst wenn die Sonne über dem Horizont höher steigt, besiegt sie die Frühlingsstürme und verdrängt die Kälte.

Das rasche Hervorbrechen aller Naturkräfte durch das Keimen von Pflanzen - wie Hyazinthen, Tulpen und Narzissen, zeigen uns den Lebenswillen der Natur. Die Zeitumstellung ist für viele Menschen dann der endgültige Frühlingsstart. - Warum? Ganz klar, weil die Frühjahrsmüdigkeit jetzt beginnt!

Die Mutter meines Vaters sprach in dieser Zeit immer vom „Reinemachen des Hauses“. Schon bald stapfte sie, bewaffnet mit Putzeimer, Schrubber und Wischmopp sowie einem Staubtuch in die Küche. Ihr Gesichtsausdruck war grimmig und so rückte sie dem Winterdreck auf den Pelz! Sie blies symbolisch zum Hallali auf Staub und Schmutz. Spätestens jetzt war es an der Zeit die Flucht zu ergreifen, weil sie dann übellaunig loslegte um auf Schränken und in den Ecken Spinnen zu jagen. Gardinen wurden abgenommen und ausgetauscht, in Schränken herumgekramt und die letzten Spekulatien vom Weihnachtsfest hervorgeholt... Unter uns gesagt, wir Kinder sagten immer, bei Oma gibt es die Vorösterlichen...!

Manch einer räumt, wie auf ein geheimes Signal die Wintergarderobe nach hinten in den Schrank und tauscht sie gegen die leichtere Frühjahrsbekleidung. Wieder andere sortieren Bücher, Papiere oder ähnliche Formulare von ihrem Schreibtisch in Ordner ein. Manch einer quält sich um diese Zeit durch die Steuererklärung – sowie ich beispielsweise….

Fakt ist, ein unruhiges Treiben setzt ein, immer noch abwartend, auf einen Hinweis, der uns richtig durchstarten lässt.

Für mich persönlich ist der Frühling nicht mehr fern, wenn das erste Grün des Schnittlauchs zu sprießen beginnt und ich so viel davon abschneiden kann, dass es für die erste Pfanne mit Rührei zum Sonntagsfrühstück mit der Familie ausreicht!

Geschrieben für die Lesewanderung 2013 in Gladbeck

 

Schnaps und Whiskey

Unsere Zwillinge, beides Jungen, wünschten sich seit langer Zeit einen Hund. Besser sogar zwei, da sie Zwillinge waren und einen Hund ja nicht teilen konnten. Ein Tier zwischen sich aufzuteilen wäre sehr schwer, begründeten die pfiffigen Kerlchen ihren Wunsch, als der Opa genauer nachfragte. Mein Vater besaß in jungen Jahren ebenfalls einen Schäferhund, den er sehr liebte. So fanden unsere Söhne den ersten Befürworter für ihr Anliegen. Schon bald schlug sich auch meine Mutter auf die Seite der Kinder.

"Ein Haustier ist eine wunderbare Bereicherung für Kinder", pflegte sie zu sagen.

"Warum habe ich dann keinen Hund von Euch bekommen?", fragte ich nach einem von vielen Gesprächen genert zurück.

"Wir hatten keine Möglichkeit, einen Hund zu halten. Wie sollte das in einer Mietwohnung funktionieren", fragten meine Eltern ziemlich überrascht, da  sie meine Zweifel nicht verstanden.

Nachdem wir bei den Schwiegereltern angebaut hatten und über einen Garten verfügten, lebte die Hundediskussion wieder auf. Unsere Söhne waren mittlerweile elf Jahre alt und ihr Hundewunsch bestand nach wie vor.

Wir diskutierten, informierten uns und horchten uns bei befreundeten Hundebesitzern um. Nach langem Zögern und reiflichen Überlegungen gaben wir unsere Zustimmung zu einem Haustier auf vier Pfoten. Nun galt es, die Rasse zu bestimmen. Es sollte ein kleiner Hund sein, der auch ins Haus durfte. Wir suchten einige Züchter auf und entschieden uns für einen Rauhaardackel im Alter von einem halben Jahr. Ein weiteres, etwas schwächliches Tier erregte Mitleide bei unseren Kindern. "Wir haben uns bereits für ein Tier entschieden", sagte mein Mann, "und dabei bleibt es!"

Es kam dann jedoch anders. Unsere Söhne wurden beide stolze Hundebesitzer. Die Jungtiere schliefen in ihren Körbchen in den Zimmern unserer Kinder. Es waren liebe Tiere und sie wurden auf die Namen Schnaps und Whiskey getauft, da der Patenonkel unserer Söhne aus einer lustigen Anwandlung heraus den Vorschlag gemacht hatte. Ursprünglich standen die Namen Tom und Jerry zur Auswahl, doch Schnaps und Whiskey erregten selbstverständlich mehr Aufsehen. Jeder Passant drehte sich um, wenn diese recht ausgefallenen Hundenamen fielen.

Das erste Osterfest nahte und die Hunde waren ein gutes Jahr alt. Die gesamte Familie versammelte sich bei uns zum Brunch. Die Großeltern, die Paten unserer Kinder und unser eigenes Patenkind, Tanja, waren eingeladen. Unser Patenkind war zwei Jahre älter als unsere Zwillinge und vernarrt in die Hunde.

Die geplante Ostereierrallye fand in unserem Garten statt. Nachdem sich alle Beteiligten im Garten befanden, verkündete meine Mutter: "Sämtliche Ostereier, Hasen und Naschereien sind im Garten versteckt. Ihr könnt alles in den großen Korbe auf den Terrassentisch legen. Später wird zwischen Euch aufgeteilt."

Die Hunde mussten im Haus bleiben. Sie waren von der Suche ausgeschlossen. Die Tiere waren jedoch nicht dumm, ganz besonders Whiskey, der damals unser Mitleid erregt hatte, war ein schlauer Bursche. Die Tür zur Vorratskammer war aus irgendeinem Grunde angelehnt worden. Der kluge Hund sprang über ein Regal auf das Fensterbrett und gelangte durch das ebenerdig gelegene Fenster hinaus....

Er war klug genug zu wissen, dass er sofort zurück ins Haus musste, wenn er gesehen würde. So schlich er sich an der Hecke entlang, bis zum Ende des Gartens. Plötzlich schoss er am Ende des Gartens heraus aus seiner Deckung, vorbei am Holzbunker und jagte einmal ums Holzgartenhäuschen. Dann bellte er triumphierend, als er einen Schokoladenhasen entdeckt hatte. Tanja schrie vor Schreck auf, als Whiskey jäh durch ihre Beine lief. Unsere Söhne hielten sich die Bäuche vor Lachen, meine Schwiegermutter schwankte zwischen Entsetzen und Erschrockenheit, da sie annahm, ein fremder Hund befände sich in unserem Garten.

Es geht noch weiter, bitte habt ein wenig Geduld... So, das Warten hat ein Ende, hier nun die versprochene Fortsetzung!

Whiskey hatte derweil den Schokoladenhasen in sein Maul genommen und zu seinem Herrchen gebracht. Als er bei ihm ankam, war beinahe nichts mehr übrig. Auf dem Weg hatte er fester zugebissen und war auf den Geschmack gekommen. Alle lachten mittlerweile über den verrückten Hund. Sein Herrchen fand die Sache nicht mehr witzig und schimpfte: "Du verfressener Kerl, jetzt wird uns das Schokoladenteil abgezogen, schäm dich!"

Whiskey stand mit gesenkten Ohren und Unschuldsmiene vor seinem Herrchen, leckte noch einmal über den Boden und schleckte sich erneut über die Schnauze.Er wusste, dass er etwas angestellt hatte, was er nicht durfte.

Nach diesem Ereignis sperrten wir beide Tiere in einem der Kinderzimmer ein und die weitere Suche konnte ungestört fortgesetzt werden. Für die Kinder war noch genügend Naschwerk vorhanden. Whiskey macht seitdem jedoch einen großen Bogen um Schokoladenhasen. Vielleicht kommt er ja bei Weihnachtsmänern wieder auf den Geschmack...!

 

Die Geschichte erschien im "Hundeschwätzchen" - Hundegeschichten und mehr von Dagmar Seidel-Raschke und Christine Bienert. ISBN 9-783839-199572

 

 

Gedanken zum Glück

Was macht uns wirklich glücklich? Selbst Glücksforscher haben bislang keine eindeutige Antwort darauf gefunden. Aber sie haben eine "Anleitung zum Glücklichsein" erstellt wobei die Ideen dahinter von mir stammen:

Das Lächeln eines Kindes!

Rituale - wiederkehrende Abläufe oder Familientraditionen gehören z. B. dazu Alles Dinge die wir selbst gerne haben.

Das einfache Leben - Barfuß über eine Wiese laufen, ein spntanes Picknick irgendwo auf einer Bank oder unterwegs auf einer Wanderung

Düfte - Gerüche aus der Kindheit: Bohnerwachs auf alte Dielen, Zimtschnecken wie Oma sie gebacken hat

Alte Fotos - wenn wir alte Fotos ansehen und über uns selbst lachen könne, die Kleidung, die Frisuren, am besten mit unseren Freunden von damals

Eine schlichte Mahlzeit - Wein, Weintrauben, Käse und ein gutes Gespräch, ein perfekter Tagesausklang

Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und soll als Inspiration dienen. Sicher fällt Euch selbst auch eine ganze Menge dazu ein...

 

 

"Versäumte Momente"

Mit ihren sechsundachtzig Jahren war sie geistig wie körperlich immer noch recht fit zu nennen. Klar, das Auf- und Abhängen von Gardinen sollte sie tunlichst vermeiden, hatte der Arzt ihr gesagt, doch an „Wohlfühltagen“, kam es durchaus vor, dass sie es trotzdem tat und sogar auf die Leiter stieg.

Das Ergebnis ihrer Mühen wurde von ihren Kindern jedoch weder bestaunt noch gelobt, sondern gescholten. Die erwachsenen Kinder verstanden sie nicht. Wollte sie doch noch so viel wie möglich allein bewerkstelligen – so wie früher - als ihr alles noch flotter von der Hand ging und sie nicht ständig um etwas bitten musste...

Schlimm waren jene langen, dunklen Herbst- und Wintertage, an denen sie nicht viel tun konnte. Das Tageslicht war trübe, der Tag zog sich, für sie war er qualvoll und lang. Nein, diese Jahreszeit empfand sie oftmals als langweilig. Das Lesen bei Lampenlicht ermüdete die Augen, an der Nähmaschine sah sie kaum noch etwas im winzigen Licht der kleinen Nähmaschinenbeleuchtung, geschweige denn einen Faden konnte sie einfädeln. Das Häkeln und Stricken ging ihr nicht mehr so gewandt von der Hand und manches Mal, fielen ihr einige Maschen vom Nadelspiel, besonders beim Wechsel zwischen vier Nadeln. So verlor sie nach und nach die Lust daran, für ihre Enkel Sökchen oder Fäustlinge zu stricken.

Einwecken oder Einkochen musste sie für sich allein auch nichts mehr, andernfalls es gab ja Tiefkühlgeräte wo die Sachen frisch hineingelegt wurden.

Das mühevolle Teig kneten um Brot zu backen erledigte die Küchenmaschine für sie. Außerdem gab es selbstgebackenes Brot allenfalls an besonderen Festtagen.

Ja, die Zeit hatte sich gewandelt, ebenso wie ihr Geist und ihr Körper: Sie hatte Arthrose in den Gelenken, die Beweglichkeit ließ nach und alles, was sie tat erforderte mehr Zeit. Wie oft hatte sie sich als junge, berufstätige Frau mehr Freizeit zwischen Familie und Beruf gewünscht? Jetzt hatte sie diese freie Zeit, doch alles dauerte länger. Sie konnte die vielen fehlenden Stunden nicht nachholen oder nacharbeiten, auch war es ihr nicht möglich die Zeit zurückzudrehen, ihre „Wohlfühltage“ zu verlängern, oder gar anzuhalten.

So sehnte sie sich nach den Tagen zurück, wo sie unbeschwerter gelebt hatte, zum Beispiel ohne Schmerzen. Mit dem Alter kamen die Beschwerden, die Einsamkeit und irgendwann auch die Vergesslichkeit, vor der sie sich so sehr fürchtete. Denn nun hatten ihre Kinder kaum Zeit für sie. Nur zu gern hätte sie ihnen gesagt, nehmt Euch mehr Zeit zum Leben, zum Genießen, zum Freuen. Einfach nur um Euch später erinnern zu können, an den Zauber eines besonderen Augenblicks. Einen Augenblick in Eurem Leben, von dem Ihr im Alter oder sogar den Rest Eures Lebens zehren könnt... Oder war es ihre Wahrnehmung, die ihre Tage so lang und öde erscheinen ließ?

Lebenszeit sollte in schönen Momenten, dem Lachen und mit dem Herzen gemessen werden, dachte sie und schlief ermattet ein. Mit  einem beseelten Lächeln auf den Lippen glitt sie hinüber in eine andere Welt. Ihre letzten Gedanken waren irgendwo, wo Zeit keine Rolle mehr spielte. Vielleicht war sie aber auch schon in der Ewigkeit, die ein ganz anderes Zeit-Potential hat...

(Diese Geschichte entstand im Rahmen einer Ausschreibung zum Thema Zeit)

 


"Wie man seinen Menschen erzieht..."

Endlich Herbst! Die heißen Sommertage sind vorüber, es regnet hin und wieder, die ersten bunten Blätter fallen. Natürlich nimmt das Nahrungsangebot ab. Es gibt weniger Mücken wie Käfer, auch die Läuse sterben langsam. Dennoch, ich liebe die kräftigen Herbstwinde, mit deren Hilfe die ich über den bewölkten Himmel segeln kann. Sie geben mir Auftrieb, so dass ich manch eine Libelle am Teich entdecke, ehe sie meine Mahlzeit wird... Das Obst ist größtenteils abgeerntet, ebenso die Trauben und nur wenige süße Früchte hängen noch in den höchsten Wipfeln der Bäume. Das Obst verdirbt langsam dort oben, aber es ist noch fressbar und wunderbar süß.

Bald schon hängen die Menschen Meisenknödel in die Äste oder stellen die Futterhäuschen auf. Sie füllen sie mit allerlei Leckereien und Saaten, damit wir nicht hungern müssen. Aber, wir Drosseln sind wählerisch. Alles mögen auch wir nicht.

Sonnenblumenkerne fressen wir zwar, doch das ist eher etwas für all die verschiedenen Meisenarten. Blau-, Kohl-, Hauben- und Tannenmeisen balgen sich um den besten Platz am Meisenknödel, zirpen und zwitschern um die Wette. Ab und zu fällt ein Schwarm Schwanzmeisen ein. So schnell wie sie auftauchen, so schnell verschwinden sie auch wieder. Der Spuk ist rasch beendet.

Unsere Drossel-Familie ist schon lange in einem naturbelassenen Garten ansässig. Wir finden hier Deckung, Nistmöglichkeiten wie Nistmaterial, Wasser zum Trinken und Baden, aber auch ein großes Nahrungsangebot.

Mittlerweile haben wir unsere Menschen sogar dressiert! Sie wissen ganz genau, wenn wir zu ihnen auf die Fensterbank fliegen haben wir Hunger. Manchmal müssen wir uns aber auch bemerkbar machen, dann klopfen wir sachte mit dem Schnabel an die Glasscheibe.

Mal erhalten wir trockenes Brot, Brötchenkrümmel, Kuchen- oder Müslireste.

Im Müsli gibt es nicht nur Saaten wie Sesam oder Haferflocken, auch getrocknetes Obst von Äpfeln, Pflaumen und Mirabellen sowie Rosinen.

Mein persönlicher Favorit sind die süßen, saftigen Rosinen. Wenn ich Lust darauf verspüre, fliege ich auf die Fensterbank und bleibe dort so lange sitzen, bis mein Mensch mich entdeckt. Dann streiche ich mit dem Schnabel mehrfach über die Fensterbank und schaue ihn mit treuen Augen an. Meist versteht er schon, dass ich Appetit auf Rosinen verspüre und wirft mir die kleinen, klebrigen Leckerchen heraus.

Ich fresse sie rasch auf, ehe die Spatzen oder Finken "Wind davon bekommen" und mir selbige streitig machen wollen. Wenn ich fertig bin, fliege ich zunächst zur Tränke um etwas zu trinken, dann kehre ich zurück zur Fensterbank um mich zu bedanken. Schließlich bin ich eine gut erzogene Drossel. Als Dankeschön hinterlasse ich besten Dünger auf der gegenüberliegenden Seite der Fensterbank, denn auf der anderen Seite werde ich ja gefüttert....

 

"Gärtnerfreud, Gärtnerleid..."

Der Frühling ließ in diesem Jahr wieder lange auf sich warten. Mal Regen, mal Schnee, dann wieder Hagel. Stellenweise gab es auch sonnige Abschnitte, doch es sah eher nach Winter als Frühling aus. Selbst die bunten Eier am Apfelbaum konnten den Frühling nicht anlocken. Dabei lugten ganz verschüchtert bereits die ersten Krokusse aus der Erde und vorsichtig schoben sich die noch festen, grünen Blütenansätze von den Tulpen aus satt grünen Blättern ans Licht. Es schien als wartete die Natur nur auf ein geheimes Signal. Die ersten Vögel begannen hin und wieder ein Lied zu trällern und vereinzelt sah man Spatzen oder Meisen mit einem Zweig oder weichem Nistmaterial im Schnabel. Trauten sie sich wirklich schon jetzt ihr Nest zu bauen? Die Tauben auf dem Dach gurrten bereits am frühen Morgen und auch Herr und Frau Drossel begannen ihre neckische Jagd, die meist mit einem Happy-End endete, so lange kein Rivale auftauchte.

Doch an einem Morgen war es soweit, die Sonne ging auf und schien beinahe den ganzen Tag. Die Krokusse öffneten sich und ein zarter Duft lag in der Luft. Auch der Apfelbaum zeigte seine ersten festen Knospen. Die wärmende Sonne schien das Signal zu sein, auf das Tiere und Pflanzen so lange gewartet hatten. Die Wiese zeigte sich mit blühenden Gänseblümchen und auch das Moos am schattigen Seitenrand leuchtete in einem kräftig-sattem Grün. Die Osterglocken öffneten sich im Laufe des Tages und zeigten sich in leuchtendem Gelb. Aber auch anderes "Grünzeug" war auf dem Vormarsch: Der erste Löwenzahn und Ansätze von "Unkräutern" zeigten sich zwischen den Gehwegplatten.

Wobei es offiziell keine "Unkräuter" gibt. Sie sind eigentlich Gewächse, für die wir nur noch keine Verwendung gefunden haben...

 

Alle Rechte für die hier aufgeführten Werke und Texte liegen bei Dorothea Möller

 

 


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