Leseproben

 

"Lausche dem Rhythmus der Worte,
schicke deine Gedanken auf Reisen,
dann wirst du den Zauber anderer Welten
entdecken."

 


Allen Besuchern meiner Webseite wünsche ich viel Freude beim Entdecken, Lesen und Stöbern.

Herzlichst Dorothea Möller

 

Leseproben


Smalltalk

 

Mit etwa neun Jahren hatte ich ein recht unerfreuliches Zusammentreffen mit dem Straßenkater meiner Uroma. Zweifelsohne hatte er in seinem Leben schon einige Kämpfe ausgefochten, wovon die Zacke im linken Ohr und einige Narben am Körper sprachen.

Als ich irgendwann ahnungslos um den Tisch ging, saß er versteckt auf einem Stuhl, unter dem Tisch. Ohne ersichtlichen Grund kratzte er meine rechte Hand auf. Seither machte ich einen großen Bogen um Katzen.

Als unser Vater ins Rentnerdasein startete, suchte er nach einem neuen Hobby. Er schaffte sich Hühner an, da es ihm nicht reichte, aus dem Nest gefallene Jungvögel aufzupäppeln und unterernährte Igel durch den Winter zu bringen. Sein Ruhestand entfachte die Familiendiskussion, ob man zusätzlich einen Hund oder eine Katze anschaffen sollte, wobei alle das Für und Wider abwägten.

Es kam jedoch ganz anders:

Es war mein Bruder, der die Katzen seiner Freundin versorgen sollte, während sie ein mehrmonatiges Auslandspraktikum absolvierte.

Nicht schon wieder Katzen“, brummte ich.

Deine schlechten Erfahrungen aus der Kinderzeit solltest du als junger Erwachsener eigentlich abgelegt haben“, stichelte er.

Dagegen konnte ich nichts sagen - die Katzen kamen ohnehin zu uns ins Haus. Sie folgten ihm aufmerksam wie kleine Hunde und so lange er sie in seinem Zimmer behielt, war es mir egal. An den Wochenenden führte er die Stubentiger sogar an der speziellen Leine durch den Garten, zeigte ihnen jeden Winkel und das Hühnergehege.

Einen Sonntag Morgen büchsten die beiden Racker aus, stürmten die Treppe herunter und eroberten unser Wohnzimmer.

Deine Katzen sind los,“ rief ich angesäuert nach oben.

Weiß ich schon, sie haben es tatsächlich geschafft, selbständig die Tür zu öffnen. Pass auf, dass sie nicht in den Garten rennen...“, rief er bewundernd.

Glücklicherweise war es an diesem Tag recht kühl draußen, so dass die Fenstertüren zum Garten nicht geöffnet waren.

Luzie – die kleinere der Beiden saß voller Begeisterung vor der Fenstertüre und beobachtete die vielen Vögel am Futterhäuschen. Bislang kannten beide ja nur die „größeren gefiederten Artgenossen“ im Freigehege. Meisen, Grünfinken, Spatzen sowie eine hübsche, braun-gesperberte junge Drossel hüpften immer wieder am und um das Futterhäuschen herum oder flogen es an. Die Drossel traute sich recht nah an das Fenster weil dort einige Rosinen lagen. Dabei musterte sie keck die Katzen, ehe sie mit Hingabe ihre Rosinen verspeiste.

Derweil drehten sich Luzies Ohren wie kleine Antennen hin und her. Sie duckte sich tief auf den Boden, dabei ließ die Drossel nicht aus den Augen, ihr Jagdinstinkt schien geweckt.

Unbeeindruckt pickte die Drossel weiter, bis sie vor der Fußmatte zum Stehen kam.

Sie musterte die Katze, legte den Kopf schief und riss den Schnabel auf, ehe sie in verschiedenen Tonlagen zu piepsen begann, beinahe so, als wolle sie der Katze etwas erzählen.

Aufmerksam sah Luzie sie an. Mit einem Mal ahmte sie die Kopfhaltung der Drossel nach und schien zu gähnen. Im nächsten Augenblick gab sie keckernde Geräusche von sich. Dabei verdrehte sie ihre „Schnute“, als wolle sie sprechen üben. Entgeistert sahen wir uns an. Es war unglaublich Katze und Drossel kommunizierten miteinander.

Sie quietschte in hohen Tönen, keckerte – es klang wie ein Lachen und ahmte Geräusche nach, als wolle sie das Zwitschern erlernen. Nach einer Viertelstunde Smalltalk zwischen Katze und Drossel wollte Luzie die Drossel offensichtlich durch das Fensterglas mit ihrem Pfötchen berühren. Vorsichtig, beinahe zärtlich strich sie mit der Pfote über die Scheibe. Die Drossel zeigte keine Angst und flog nicht weg.

Seit diesem denkwürdigen Morgen kamen beide Katzen täglich für eine halbe Stunde hinunter und hockten vor der Scheibe, als würden sie fernsehen.

Sobald die Jungdrossel in Sichtweite kam, wiederholte sich Luzies Geräuschkulisse. Scheinbar tauschte sie mit ihrer neuen Freundin den neuesten Tratsch aus....

 

 

Der Sohn meines Vaters

 

Die Trauerfeier für meinen Vater war nach all den Wochen seiner Krebserkrankung emotional anstrengend. Zwar waren zwei seiner Geschwister mit ihren Familien anwesend, um mir Kraft und Halt zu geben, dennoch fühlte ich mich allein und verloren. Mein Beruf als Naturfotografin für eine angesehene Agentur ließ wenig Zeit für die Familiengründung. Sehr zum Leidwesen meines Vaters war ich häufig auf Reisen. Meine Mutter wie meine Zwillingsschwester fehlten mir. Zehn Jahre zuvor waren beide bei einem Autounfall tödlich verunglückt.

So schüttelte ich unzählige Hände von Personen, die ich weder kannte, noch deren Namen ich zuvor gehört hatte. Weggefährten vom Männergesangsverein, frühere Nachbarn sowie mobile Mitpatienten aus dem Altenheim, wo er die letzten vier Lebensjahre verbringen musste.

Ein Mann um die Dreißig, etwas älter als ich selbst, mit afroamerikanischen Wurzeln, passte nicht zu den Trauergästen. War er einer der betreuenden Pfleger aus dem Altenheim? Die Möglichkeit bestand durchaus. Ich beschloss ihn im Anschluss an die Beisetzung zum anschließenden Kaffeetrinken einzuladen. Als die Familie und ich den Friedhof verließen, war er fort.

In der Folgewoche räumte ich Vaters gemütliches Appartement im Altenheim. Im hintersten Winkel der Kommode fand ich die Holzzigarrenkiste in der er schon immer Fotos aus seiner Jugendzeit aufhob. Als Kind durfte ich immer die Fotos ansehen. Meine Großeltern auf ihrer Goldhochzeit, Großvaters Grab, Vaters erste Liebe... Babyfotos, die ich nie gesehen hatte sowie das Foto eines Jungen bei der Einschulung. Auf der Rückseite waren Datum und Schule notiert. Alexander an seinem ersten Schultag hatte mein Vater darunter geschrieben. Das Gesicht des Jungen kam mir seltsam vertraut vor. Dennoch wusste ich, ich hatte den Jungen nie zuvor gesehen.

Vier Wochen nach der Beisetzung erhielt ich Nachricht vom Notar. Verwundert fragte ich mich, warum mein Vater ein Testament gemacht hatte. Er hatte mir zu Lebzeiten versichert, dass alles geregelt sei und sein kleines Vermögen gerecht aufgeteilt würde. Seine beiden Geschwister waren ebenfalls geladen. Nachdem unsere Personalien durch Vorlage der Ausweise überprüft waren, räusperte sich der Notar, „Wir erwarten noch eine weitere Person zur Testamentsverlesung. Vielleicht trinken Sie in der Zwischenzeit eine Tasse Kaffee.“ Mit einer einladenden Geste zeigte er auf die moderne Sitzecke.

Gerade als ich die Tasse an die Lippen führte, erstarrte ich. Der Fremde vom Friedhof betrat den Raum.

Wunderbar, dass Sie es einrichten konnten“, rief der Notar, eilte zu ihm und schüttelte ihm erfreut die Hand.

Sehr verehrte Anwesende, darf ich Ihnen Herrn Alexander Winter vorstellen. Er wurde ebenfalls im Testament bedacht“. Mit Erstaunen musterten Vaters Geschwister den Mann der eine leichte Verbeugung andeutete und freundlich in die Runde grüßte. Mit offenem Blick sah er mir in die Augen, nickte mir kaum wahrnehmbar zu.

Der Jurist hielt sich nicht mit Floskeln oder Vorreden auf. Meine Tanten erhielten wie erwartet, je einen Anteil aus dem Restvermögen meines Vaters sowie einige persönliche Gegenstände.

Meine Aktien, die eingelagerten Antiquitäten erhält meine Tochter Kristin. Aus dem verbleibendem Geldwerten gehen vierzig Prozent an Alexander Winter, der mir wie ein eigenes Kind am Herzen liegt....“Die Stimme des Notars drang aus weiter Ferne in mein Bewusstsein. „ das Restvermögen erhält meine Tochter Kristin....“ Gleichmäßig atmete ich ein und aus. Die Worte wie ein Sohn lasteten schwer auf meiner Seele. Meine Eltern waren glücklich..., wie konnte das sein...?

Nehmen Sie das Erbe an?“, fragte der Jurist mich. Fragend blickte ich ins Leere.

Eine ausgestreckte Hand reichte mir ein Glas Wasser. „Trinken Sie Kristin! Sie sind so verstört, als hätten Sie den Geist aus der Flasche gesehen“, lächelte Alexander mir zu. Eine unangenehme Stille flutete den Raum.

Ihr Vater bat mich Ihnen diesen Brief zu geben, in denen er sämtliche Umstände erklärt“, hörte ich die Stimme des Juristen. Mechanisch nickte ich. Rücksichtsvoll zogen sich meine Tanten zurück.

Liebes, wir denken, dass du und der junge Mann ein paar Dinge zu klären habt“, sagte die Ältere meiner Tanten und verabschiedete sich diskret. Befangen standen wir im Raum, sahen vor Verlegenheit zu Boden ehe Alexander das Wort an mich richtete

Haben Sie etwas Zeit? Falls ja, darf ich Sie dann zum Mittagessen einladen?“

Ich sah ihn an. „Ja, ich denke bei einem Essen wird es mir leichter fallen, meine Gedanken zu sortieren und alle meine offenen Fragen zu stellen...“ Mit bedeutsamen Blick sah ich ihn an.

Er wusste, was ich dachte! Es gab offensichtlich auch keine andere Möglichkeit – er musste mein Halbbruder sein...!

Es stellte sich heraus, dass wir beide Nudeln und Pizza bevorzugten, so einigten wir uns auf eine kleine Pizzeria in der Nähe. Während wir auf das Essen warteten erzählte Alexander von seiner Mutter. Sie lebte in der Jugendzeit meines Vaters wenige Häuser weiter, gingen in die gleiche Schule, waren gemeinsam aufgewachsen. Automatisch fiel er im Gespräch in das vertrauliche du.

Meine Mutter hieß übrigens Margot, möglicherweise hast du ihren Namen schon einmal gehört?“

Nicht von meinem Vater. Ich kenne den Namen von meiner Großmutter...! Kann es sein, dass du der Junge warst, der mit vier oder fünf Jahren aus dem Fenster der ersten Etage gefallen ist...?“ Mein Herz schlug sofort rascher, als die Erinnerung greifbar war.

Ja, das ist wahr!“

Dann wussten es alle aus der Familie, gewiss auch die Nachbarn“, sagte ich mehr zu mir selbst als zu ihm.Halt Kristin. Öffne bitte erst den Brief, ehe du Rückschlüsse ziehst...!“

Es dürften kaum weitere Geheimnisse gelüftet werden“, seufzte ich.

Ich kenne meinen biologischen Vater nicht, doch ich kann dir versichern, meine Mutter hatte keine afrikanischen Wurzeln....“.

Ich öffnete den Umschlag und las leise vor.

 

Meine liebe Kristin, lieber Alexander!

Sicher fragt ihr euch, warum ich euch beide im Testament bedacht habe

Kristin, deine Mutter und ich versprachen Alexanders Mutter Margot auf dem Sterbebett, uns um ihn zu kümmern. Er war sechs Jahre als Margot starb, du vier. Entfernte Verwandte nahmen ihn auf, per Gerichtsbeschluss wurde ich zu seinem Finanzverwalter bestimmt. Auf diese Weise konnte ich seinen Werdegang im Auge behalten.

In der Schule waren Margot und ich ein Paar. Wir passten jedoch nicht zueinander und trennten uns bald. Alexander du weißt es, ich bin nicht Vater! Dennoch bist du mir in all den Jahren ans Herz gewachsen.

Kristin ließ den Brief sinken.

Das verstehe ich alles nicht...“, murmelte sie.

Willst du weiterlesen, oder soll ich dir etwas dazu erzählen?“ Geduldig wartete Alexander auf die Antwort während mir zig Fragen durch den Kopf schwirrten.

Ich schüttelte den Kopf um weiterzulesen.

 

.Du warst für mich der Sohn, den ich nicht hatte. Kristin blieb leider unser einziges Kind. Dein leiblicher Vater wollte mit Margot in die USA zurückkehren, doch sie war hier so fest verwurzelt, dass sie sich dagegen entschied. Auch auf die Gefahr, dass du den Kontakt zu deinem Vater verlieren würdest...was letztendlich auch geschah.

Kristin wünschte sich immer einen großen Bruder – vielleicht ergibt sich aus dieser Verbindung letztendlich die Möglichkeit für Euch beide eine Form von geschwisterlichen Zusammenhalt aufzubauen und füreinander da zu sein, falls der andere objektiven Rat oder Hilfe benötigt.

Schon zu Lebzeiten war dies mein Wunsch, doch leider hat es sich nie ergeben. Alexander hat Architektur studiert, wer weiß, vielleicht ergibt sich aus euren beruflichen Qualifikationen ja die Möglichkeit einer Zusammenarbeit.

Ich wünsche Euch alles erdenklich Gute. Egal, wie ihr Euch entscheidet. Ich würde mich freuen, wenn ihr euch die Zeit nehmt, einander kennenzulernen. Ich bin Stolz auf Euch beide und habe das untrügliche Gefühl, dass ihr gut miteinander auskommen werdet!

Die Testamentseröffnung liegt jetzt fast zwei Jahre zurück. In der Zwischenzeit lernte ich Alexander, den „Ersatzsohn“ meines Vaters sowie seine Frau ausgiebig kennen. Das Gespür meines Vaters war richtig - wir beabsichtigen eine gemeinsame Firma zu gründen und zuletzt habe ich doch noch den „großen Bruder“ bekommen, den ich mir immer gewünscht habe.

 

 

Auf der Suche nach dem großen Glück


Wir alle sind Wanderer, Suchende und Hoffende.

Manch einer hofft auf den Lottogewinn, wieder andere auf eine Erbschaft, ein Dritter wartet auf die Rückmeldung seiner Bewerbung im gewünschten Ausbildungsberuf. ..! Wir alle haben Träume, Wünsche, Hoffnungen wie Ziele die verschiedene Lebensbereiche berühren.

Doch vergessen wir darüber nicht die kleinen Dinge des Lebens? All jene Dinge, die es lebenswert, angenehm und schön machen? Liebenswürdigkeiten, Freundlichkeiten, Hilfsbereitschaft und so viel mehr?

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die sich zu „einem großen Glück zusammenfügen“ können:

  • Das erste Lächeln des eigenen Kindes/Enkelkindes

  • Ein freundlicher Zeitgenosse, der mir eine Türe aufhält, wenn ich schwer zu Tragen habe

  • Frühlings- oder Sommerblüten auf der Wiese

  • Freundschaften, die sich über Jahrzehnte bewährt haben

  • Ein gutes Gespräch mit den Kollegen beim Essen-

  • Ein lang erwarteter Brief/oder eine E-Mail

  • Dankbarkeit

Diese Liste lässt sich endlos fortsetzen…

 

Es ist das irdische Glück, welches uns glücklich macht. Nicht die Suche nach dem einen, großen Glücksmoment.

Glück setzt sich aus vielen kleinen, einzelnen Momenten, Erlebnissen und Begebenheiten zusammen, die unser Herz tief berühren und die Seele streicheln.Glück lässt sich manches Mal schwer allein mit Worten beschreiben Man fühlt es. Wer es erfährt, strahlt es oftmals aus.

Glück ist ein Geschenk. Wir müssen nur lernen  es im Alltäglichen zu sehen.

 

Fachkompetenz

 

Seit zwei Tagen wartete unsere Versandabteilung auf den Kundendienst, der von der Herstellerfirma anreisen musste.

Die Geräte sind so empfindlich, dass sie ein Niesreiz der Kollegen im Nachbarbüro schachmatt setzten....“, erklärte der Techniker unseres hauseigenen EDV-Teams mit einem bösen Grinsen.

Der Aufwand, ehe wir drucken, kopieren oder faxen konnten war immens, da einer von uns immer in die Nachbarabteilung weiter laufen musste. Hier rächte sich wieder einmal das Einsparungspotential zu Gunsten eines neuen Gerätes. Während der alte Drucker langsamer, aber erheblich robuster war, musste ein neues, wesentlich komplexer arbeitendes Gerät angeschafft werden. Angeblich konnte es fast alles, außer die Post zur Poststelle bringen... Aufgrund hoher Kosten wie Wartungsarbeiten, wurde ein Gerät für drei Abteilungen genutzt, wobei die Kosten letztendlich höher als erwartet ausfielen...

 

Der „Gerätemanager“ der Herstellerfirma wurde von drei Leuten begleitet. Der Jüngling an seiner Seite - der hingebungsvoll seinen Ausführungen lauschte - schien sein Auszubildender zu sein, welcher den Werkzeugkoffer tragen durfte.

Nach einführenden Worten begann der „fachkompetente Gerätemanger“ umständlich die Papierschächte zu untersuchen. Ferner suchte er nach Schnipseln abgerissener Seiten.

Das haben wir alles überprüft,“ warf der stellvertretende Leiter unserer EDV ein. Letztendlich wusste er am besten, wie viel die Monteurstunde dem Unternehmen kostete.. Kopfschüttelnd fachsimpelnd murmelte der Fachmann etwas für alle Unverständliches vor sich hin, was außer seinem Azubi niemand zu verstehen schien.

Dieser nickte andächtig und reichte seinem Vorgesetzten nach einem weiteren gemurmelten Monolog feierlich einen Pinsel aus dem mitgebrachten Koffer. Der Pinsel sah aus, als habe man ihn aus dem Kosmetikkoffer einer Visagistin entwendet. Angestrengt in den Schacht blickend, begann er imaginäre Papierschnipsel, die offenkundig nur er sehen konnte, auszufegen. Seine geöffnete Hand darunter haltend, zeigte er triumphierend einen Hauch Papierschnipsel. Sein vorwurfsvoller Blick wanderte zu den EDV-lern unseres Hauses.

Als nächstes widmete er sich dem Aufbau unseres Druckers. Er schraube bald hier, bald da, murmelte immer wieder vor sich hin oder schüttelte den Kopf, fand jedoch keinen Fehler.

Wo könnte Ihrer Meinung nach der Fehler liegen?“, wagte ein Mitarbeiter unserer Datenverarbeitung, der bislang schweigend zugesehen hatte, nachzufragen.

Unsere Geräte sind so konzipiert, dass sie auf die kleinste technische Störung reagieren und in der Regel anzeigen, woran es liegt“, antworte er würdevoll.

Ihr Versuch, hier etwas in Ordnung bringen zu wollen, hat die Elektronik verwirrt...“.Fragend sahen unsere Haustechniker ihn an. Als der Mann ihnen keine alternative Antwort gab, konterte der junge Kollege aus der EDV: „Mehr als die Papierschächte auf allen Ebenen zu öffnen, sowie die Farbkassetten herauszunehmen, um dort nach Papierschnipsel zu sehen, wie Sie es bisher taten, haben auch wir nicht getan.“

Mit strafendem Blick, sichtlich in seiner Ehre gekränkt, sah der „Gerätemanager“ ihn an.

Hier kann ich nichts ausrichten. Es wird ein größeres technisches Problem sein.... !“ Verschwörerisch zwinkerte er seinem Azubi zu, der sogleich die Tasche zusammenpackte und beiseite trat. Der Drucker wurde auf einen mobilen Wagen gestellt und zur „Diagnosestellung“ mitgenommen..

Letztendlich führte der für viel Geld angeforderte „Gerätemanager“ des Herstellers eine schlichte Druckerfehlerbehebung durch, für die wir selbst bereits von der EDV unseres Hauses geschult worden waren.

Weder der gut sortierte Werkzeugkoffer, noch das imponierende Namensschild des Herstellers mit dem Titel „Gerätemanager“ rechtfertigte den Auftritt des Mannes. Wobei ein Titel nichts über Kompetenz oder erworbenen Zertifikate aussagte.

Letztendlich erhielten wir zur Überbrückung ein altes Gerät aus dem Lagerbestand unserer Firma - das war vor zwei Wochen.

Gewiss sucht die Elite der fachkompetenten Geratemangager noch immer nach dem Fehler“, sagte unser stellvertretender EDV-Chef mit einem Augenzwinkern als er uns eine neueTonerkassette brachte.

 

Typisch Westfälisch

 

Um die Westfalen, wie deren Mentalität ranken sich sich viele Mythen. Sind sie ein buntes Völkchen, sprechen eine eigene Sprache, was nicht nur heißen soll, „so wie ihnen der Schnabel gewachsen ist“. Man unterscheidet Dialektgruppen wie Mundartgruppen.

So heißt das Brot nicht überall Brot, nein, es kann regional auch „Broud“, oder „Brod“ genannt werden. In den vielfältigen Regionen Westfalens wird sogar noch „Platt gekürt“, also Plattdeutsch gesprochen.

Der Westfale“ ist vom Typ her „bärbeißig", eigenwillig wie eigenbrötlerisch, geschickt, arbeitssam, neigt jedoch zur Melancholie oder zwanghaften Lustigkeit...! Das sind nur ein paar charakterisierende Stichworte.

Die klischeehafte Beschreibung: „mit einem Westfalen muss man zuerst einen Sack Salz essen, ehe er zum Freund wird“, ist also nicht aus der Luft gegriffen....sondern fast schon ein geflügeltes Wort.

Als Typisch Westfälisch bezeichnet man einen ureigenen Menschentyp vom Wesen des "Sturkopp"!

Doch sind die Westfalen wirklich so unnahbar? Gehen wir der Sache doch mal auf den Grund!

 

Sie lieben, je nach Region, die Mettwurst aus dem Rauchfang – luftgetrocknet versteht sich. Sie feiern Schlachtfeste im Spätherbst und laden ein, dazu kommen selbstgemachtes Sauerkraut oder die deftige Graupensuppe mit gekochtem Rind- wie Rauchfleisch auf den Tisch.

Man mag es durchaus gesellig mit seinesgleichen, was wir an den vielen regionalen Spezialitäten wie Münsterländer Töttchen oder Pumpernickel plus luftgetrocknetem Schinken inklusive Korn sehen. "Grünkohl oder Pfefferpotthast" sind typisch deftige Bauerngerichte, die auch heute noch in Landgasthöfen serviert werden.

Im Grunde ist der „typische Westfale“ wohl ein eher zurückhaltender Menschentyp, der der Geselligkeit durchaus nicht abgeneigt ist und gutes Essen liebt. Er pflegt Traditionen wie Bräuche, was sich auch im Wesen der Schützenfeste oder im Jahreslauf der Kirchenfeste mit Frohnleichnamsumzügen oder zum Erntedankfest in den Kirchen spiegelt.

Von der landläufigen Vorstellung her, ist „der Westfale“ eher der bäuerliche Typ. Manch einer auch mit Land oder Waldbesitz. Hofläden oder Landcafes gehören, je nach Region sekundär dazu...

Mittlerweile hat sich ein Wandel vollzogen, Westfalen steht jetzt sogar für Whiskey, Designermöbel und hochwertige Küche.

Das Bild vom „urtümlichen Westfalen“ hat sich gewandelt, denn selbiger hat den Zeitgeist der Moderne längst erfasst...


 

"Eigener Herd ist Goldes Wert...."

Diese Redewendung war bislang nur ein Sprichwort für mich, welche mir im Herbst 1989 eine völlig neue Sichtweise bescherte:

Dieser Herbst und der darauffolgende Winter waren geprägt von zahlreichen Sturm- und Orkantiefs, die in den Küstenregionen erhebliche Schäden hinterließen. Besonders in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gab es durch umgestürzte Bäume Behinderungen auf den Straßen und Wegen mit Stromausfällen und Versorgungslücken.

Einen geringen Teil der Ausmaße des Sturmtiefs sahen wir bereits von der Autobahn aus. Am Ortseingang gab es einen Aushang, dass der kleine Konsum im Ort seit Tagen wegen Versorgungsschwierigkeiten geschlossen war.

Kaum im Dorf angekommen, erfuhren wir von meiner Großmutter, dass es in keinem der Orte Batterien, Streichhölzer oder Kerzen zu kaufen gab. „Nachdem der Sturm angekündigt worden war, gab es Hamsterkäufe. Binnen zwei Stunden war alles ausverkauft“, erzählte uns Oma. Glücklicherweise hatten wir vor Fahrantritt an Batterien, Kerzen, Feuerzeuge und Streichhölzer gedacht. So konnten wir hier zunächst Abhilfe schaffen. Diverse Hygieneartikel hatten wir sicherheitshalber auch gleich eingekauft. Eingelagerte Kartoffeln aus dem Garten gab es im Keller und das bereits vorgekochte Mittagessen stand in der Kühltasche bereit.

Am Folgetag nutzen wir die Wärme des alten Herdes in ihrer Küche zum Kochen und Braten. Mit dem „Tickeisen“, welches in die Mittelöffnung des Herdes eingesetzt wurde, buken wir frische Waffeln und brühten den Kaffee von Hand dazu. Der Strom konnte drei Tage später immer noch nicht in jeden Ort eingeschaltet werden.

An den Abenden saßen wir bei Kerzenschein zusammen, aßen selbstgebackene Brötchen und eingeweckte Sülze aus dem „Winterfundus“ meiner Großmutter. So waren wir unabhängig von Strom und durchaus in der Lage die notwendigen Grundnahrungsmittel selbst herzustellen.

Welche vielfältigen Möglichkeiten solch ein alter Herd eröffnet, haben wir in jenem Herbst erfahren.

Ganz im Vertrauen: Jedes Mal, wenn ich im Baumarkt einen ähnlichen Ofen sehe, überlege ich, ob es möglich ist, ihn an unseren alten Kamin anzuschließen – jedoch ohne die Geister des Qualms zu beschwören… :-)

 

 

Schutzgeister und Dachreiter

 

Im Altertum und Mittelalter war es üblich, sein Hab und Gut vor bösen Geistern oder Urgewalten zu schützen. Bei meiner Recherche über Riten und Bräuche des Mittelalters stieß ich auf die „Dachreiter“ als Schutzzeichen oder Schutzgeister.

 

Das waren kunstvoll gefertigte Stein- oder Metallfiguren, mit großer Symbolkraft, die Hinweise auf den Beruf oder den gesellschaftlichen Stand des Besitzers geben konnten. Sie waren nicht nur Schmuck, sondern hatten religiöse wie abergläubische Hintergründe.

Ein Reiter mit Pferd galt im Mittelalter als Statussymbol der Kreuzritter. Verschiedenen Figuren sprach man besondere Eigenschaften zu. Es gab Ungeheuer, Fratzen und Tiere, die Schutz vor Feuer und Blitzen boten, wie andere Gefahren bannen sollten. Manche konnten sogar den Wohlstand fördern.

Dabei waren verschiedene Tiere fest im Volksglauben durch Kraft oder Fähigkeit verankert, so auch Hahn, Eule, Rabe oder Katze. Eule und Katze können in der Dunkelheit sehen, daher schützten sie die Bewohner in der Dunkelheit.

 

Dachreiter fanden sich meist am Westgiebel von Kirchendächern. Später an Rathäusern. Es waren filigrane Motive aus Stein, die von hoher Handwerkskunst zeugten.

Aber auch Zunftzeichen konnten gewissermaßen das Unheil abwenden, sofern christliche Symbole wie das Kreuz eingebunden wurden.

Aus Tonziegeln, bunter Keramik oder als Metallfiguren schmücken sie heute wieder Häuser wie Hotels. Hotelbesitzer nutzen gern den Schlafwandler, der den Gästen süße Träume bringen soll. Tauben bringen Frieden ins Haus.

Während der Hochzeit des Steinkohlebergbau spiegelten höhergestellte Steiger in den Zechensiedlungen gern ihren Wohlstand. Eigens aus Kupferblech gefertigte Figuren, die einen Bergmann mit Spitzhacke und Laterne zierten, fanden sich bis in den 60-er Jahren häufig auf Vordächern der Veranda.

 

Ein Rabe auf der Dachrinne, oder eine Phantasiefigur mit Angel soll Abschreckung für Tauben, Elstern wie Rabenkrähen sein.

Hexen auf ihrem Besen schützten vor dem bösen Blick oder anderem Unheil.

 

Wetterfahnen erfüllten vor Jahrhunderten einen ähnlichen Zweck, während sie heute mehr dekorative Windspielereien sind. Handwerker und Händler legten ihre Augenmerk auf handgeschmiedete Zunftzeichen, wie man sie heute oftmals noch in mittelalterlichen Stadtkernen entdecken kann.

 

Der Mythos dieser Dachfiguren hat sich bis heute gehalten, die alte Tradition der Schutzgeister lebt wieder auf.

In unseren Zeiten ist noch eine weitere magische Wirkung hinzugekommen:

Die oft aufwändig gestalteten Kunstwerke üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf den Betrachter aus...!

 

 

Das Glück des einfachen Lebens

 

Zugegeben, als Kinder störte uns das Plumpsklo versteckt im Garten der Urgroßmutter nicht so sehr.

Jedoch die fetten Spinnen, die im Frühjahr hinter den Holzbalken und aufgefleiten Kaminholzscheiten hervorkamen, störten mich schon ein wenig. Der Spruch meiner Cousins: „Die fressen nicht viel...“, war dabei wenig hilfreich. Was soll ich sagen, ich war halt mehr Stadtkind.

Sie wuchsen auf dem Land zwischen Gemüsegarten, Landmaschinen und Tierstallungen auf. Der Geruch von Dung, Kuhfladen und Plumpsklo hatte ihre Nasen abgehärtet...

Eine meiner Tanten vertrat den Standpunkt, Kinder müssen dreckig sein, nur dann werden sie gegen Krankheiten abgehärtet! Nun, wir alle spielten draußen im Feld, den Ställen oder der Kieskuhle.

Leider waren es ihre Jungs, die im Sonntagsstaat barfuß über die Wiese durch Kuhfladen zum See liefen, um am fünfundachtzigsten Geburtstag der Urgroßmutter zu angeln...

Das Bild, wie die Zwei mit den Fischen im Eimer, feuchten hochgekrempelten Hosenbeinen, Drecksfüßen und zerzausten Haaren erschienen, sehe ich heute noch in meiner Erinnerung, ebenso wie das Gezeter meiner Tante.... Die Blamage vor all den auswärtigen Gästen war zu groß und zu viel für ihre strapazierten Nerven...!

Unser Urgroßvater meinte es gut und wollte die Situation abmildern, indem er erklärte, sie solle sich nicht so aufregen - Ihre Söhne passten halt in keine Form. Das er die Situation damit verschlimmerte, fiel ihm in diesem Augenblick wohl nicht auf.

Heute, Jahrzehnte später, kehre ich leider nur selten an diesen Ort zurück.

Doch wann immer ich dort bin, habe ich das Gefühl, die Zeit ist stehen geblieben.

Die winzigen Häuser im Ort, mit ihren verwunschen wirkenden Vorgärten in denen Kletterrosen und Clematis am Eingang stehen. Die üppig blühenden Vorgärten mit Pfingstrosen, Storchenschnabel und Schleierkraut, in denen dank des untergegrabenen Hühnermist oder den Pferdeäpfeln beinahe alles gedieh. Fast nichts hat sich dort verändert. Es ist der Charme der Alterslosigkeit unserer Kindheit, die wir alle zwei Jahre mit einem Treffen in der Abgeschiedenheit des Dorflebens der Urgroßeltern zelebrieren.

Das Haus riecht noch wie damals. Nach Eichenholz und Asche, Bohnerwachs und Mottenkugeln in der Kommode.

Es ist die Schlichtheit, welches das Gefühl von Heimkommen vermittelt. Spätestens wenn der Kaminofen angeheizt, und der von Hand gebrühte Filterkaffee auf dem Tisch steht, vergessen wir langsam die Hetze des Alltags.

 


Der Wald hat mir eine Geschichte erzählt


Endlich! Erste Sonnenstrahlen wärmen den eiskalten Boden. Bislang hielt der Winter die Natur mit seinem Eishauch umklammert.

Nur langsam schmilzt der Schnee. Das Tauwasser bahnt seinen Weg durch die Furt und sammelt sich dort.

Immer rascher fließt das schmelzende Nass über die Wege, weiter durch die Furt, ehe es im kleinen Fluss einmündet.

Umliegende Auenwiesen und angrenzende Felder werden überschwemmt. Meist geschieht das im Februar. Erste gefiederte Boten erkunden die Zweige, halten Ausschau nach einem guten Nistplatz. Frühes Kommen sichert auch hier die besten Plätze. Noch dauert es eine Weile, ehe die Blätter austreiben. Zwar ist noch alles kahl, doch emsig macht sich der Specht daran, erste Bäume zu inspizieren. Die Herbst- und Winterstürme haben einige Bäume entwurzelt. Bald hört man sein rhythmisches Hämmern im Wald.

Wenn der letzte Schnee geschmolzen ist, die Sonne an Kraft gewinnt und den Waldboden erwärmt, verwandelt sich der Boden binnen weniger Tage in ein gelb weißes Blütenmeer aus Schlüsselblumen und Buschwindröschen. Noch wirken Käfer und Ameisen im Verborgenen oder unter der Erde. Bald schon wagen sich Ameisen hinaus um ihre Hügel zu erweitern. Es sind geniale Baumeister, die gut organisiert Hand in Hand arbeiten. Sie erobern die Bäume und halten sich Läuse, deren süßen Nektar sie für eigene Zwecke nutzen.

Rehe und Hirsche streifen mit größter Vorsicht durch den Wald, denn auch der Mensch erobert die Wege und Pfade im Wald. Oft mit ihren Vierbeinern an der Leine oder zu Pferde auf den ausgewiesenen Streckenabschnitten.

Schon im Winter, bis zur Jagdsaison Anfang Mai surren die Kettensägen. Die Holzfäller sind unterwegs, räumen umgestürzte Bäume von den Wegen und Schneisen, dort wo sie eine Gefahr darstellen. Auch umsturzgefährdete Bäume oder solche, die zu dicht beieinander stehen, werden abgesägt. Der Wald wird verjüngt.

 

An Stellen, wo die Schneisen kaum von Menschenhand geräumt werden können, kommen die Rückepferde zum Einsatz. In den großen Gebieten mit Monokulturen auch der Harvester. Eine Baumfäll- und Sägemaschine, die die Bäume fällt, entastet und zersägt. Alles erfolgt vollautomatisch, der Mensch gibt nur noch das Programm vor. Der Waldboden verdichtet sich unter der Last der Maschine und von der Ruhe des Waldes ist längst nichts mehr zu spüren...

Mit dem Wachstum der Blüten, die den Waldboden wie ein weiß und blauviolettes Blütenmeer aussehen lassen, erscheinen erste Hummeln und Wildbienen und gründen ihre Staaten. Bald schon ist die Luft erfüllt vom Summen der fleißigen geflügelten Insekten auf der Suche nach Nektar.

Mehr und mehr Pflanzen erblühen im späten Frühjahr. Es beginnt zu duften. Mensch und Tier riechen die Boten und Blüten des Frühlings. Der herbe Duft des Bärlauch, Waldmeister und der liebliche Geruch von Maiglöckchen wird von der Luft getragen.

Die Jäger der Nacht erwachen aus ihrem Winterschlaf – erste Fledermäuse werden aktiv-Sie machen Jagd auf Ungeziefer und Plagegeister wie Steckmücken. Im Wasser der Furten wimmelt es bald wieder von Larven.

 

Das Blätterdach der Bäume ist fast vollständig zugewachsen und beschattet den Boden. Moose, Flechten und Farne halten die Feuchtigkeit im Boden, wenn die Temperaturen steigen. Es bleibt kühl und erfrischend. Die grüne Lunge reguliert auch bei großer Hitze das Waldklima.

Im zeitigen Frühjahr hat der Förster die Nistkästen der Meisen und anderen gefiederten Jäger gesäubert und neu ausgerichtet.

 

Überall herrscht emsige Betriebsamkeit, werden Nester gebaut, gebrütet und Jungtiere großgezogen. Fasane queren die Felder, Milane, Bussarde und Habichte sind stetig auf der Jagd. Auch in den Auenwiesen regt sich neues Leben. Enten wie Eisvögel, sie alle erledigen mit Fleiß und Ausdauer ihr Brutgeschäft.

 

Mit dem nahenden Sommer beginnt die Angelsaison. Aber auch Wildcamper mit ihren Zelten und Campinggrills zieht es in die Nähe von Wald und Wasser.Oftmals entzünden sie Lagerfeuer, manches Mal richten sie große Schäden an. Oft genug ist durch Unachtsamkeit ein Waldbrand entstanden. Ein schlecht gelöschtes Lagerfeuer, glimmende Zigarettenstummel deren Gifte in den Boden eindringen, Abfälle, die achtlos liegen gelassen werden. Flaschen oder Scherben, die wie ein Brenngras wirken, wenn die Sonne drauf scheint... Die Schäden durch Brände sind immens und es dauert oft Jahrzehnte, ehe sich die Landschaft renaturiert. Manches Mal schlägt auch der Blitz eines heftigen Sommergewitters in einen Baum.

 

Im Sommer reifen süße Waldbeeren. Erneut liegt ein lieblicher Duft in der Luft. Egal wer, Vögel, Bienen, Ameisen oder Schnecken, jeder liebt diese süßen Früchtchen...auch der Mensch. Die Temperaturen steigen, das Wasser wird in manch einem Jahr knapp. Sträucher und Bäume nehmen Schaden, verdursteten oder sterben ab. Naturgewalten haben dann leichtes Spiel.

Auf den umliegenden Feldern wachsen Korn, Mais, Kohl oder Kartoffeln.

Sobald die Hitze des Sommers nachlässt, machen sich die Wildschweine daran, die Felder zu durchstreifen. Sie lieben Mais und Kartoffeln. Häufig halten selbst Zäune sie nicht ab. Sie walzen alles nieder, es sei denn es ist ein Elektrozaun....

Eichelhäher sammeln erste Herbstfrüchte, verstecken die Eicheln und tragen auf ihre eigene Art Sorge für den Fortbestand des Eichenwaldes.

Jahrzehnte zuvor trieben die Bauern ihre Schweine noch durch den Wald. Sie fraßen Eicheln, Bucheckern und Kastanien, ehe im November die Schlachtzeit kam.

Mit dem Herbst kommen wieder vermehrt die Menschen in den Wald. Sie sind auf der Suche nach verfärbten Blättern, den vielfältigen Früchten der Bäume oder Pilzen. An feucht-heißen Herbsttagen wachsen Champignons, Pfifferlinge oder Steinpilze im rasanten Tempo. Doch nicht nur essbare Pilze breiten sich aus, der todbringende Fliegenpilz und Knollenblätterpilze wächst am Wegesrand oder in der Nähe von Birken. Filigran gearbeitete Spinnennetze zwischen den Bäumen aufgespannt leuchten silbern wie von Feenhand gesponnen und behindern oftmals die Pilzsucher

Mit dem Fortschreiten des Jahres kehrt langsam Ruhe ein. Die Tage werden kürzer und es wird kälter. Bis zum Weihnachtsfest finden vereinzelt Winterwaldmärkte statt. Danach ist es an der Zeit zu träumen, ehe der ewige Kreislauf der Natur erneut beginnt.


 

Unerwarteter Osterbesuch


Es war der 11. März 2020, als die erste Welle der Coronapandemie über das Land und die Welt schwappte. Ein eigenartiges Gefühl. Geschäfte und Gastronomie blieben geschlossen, auch über Ostern. ware Menschenansammlungen zu meiden, die Kontakte zur Familie und Freunden waren erheblich eingeschränkt. Was nutzte es zu jammern. Prinzipiell ging es uns gut - wir hatten ein Dach über dem Kopf, eine warme Wohnung, konnten Lebensmittel einkaufen. Zudem standen uns sämtliche Medien zur Kommunikation zur Verfügung.

 

Begriffe wie Homeoffice und Homeskooling prägten ab sofort den Alltag. Der Schreibtisch im Schlafzimmer, die Kindergartenkinder in der Küche... Alte Spiele wurden neu entdeckt, es wurde improvisiert und gebacken, gebastelt und man besann sich auf das Wesentliche.

Den Kindern die Zeit zu vertreiben war nicht immer einfach. Wer keinen Garten besaß musste mit Geduld und Erfindungsreichtum neue Wege der Kinderbelustigung finden...

 

Die Kinder meiner Freundinnen bastelten Osterkarten oder stellten selbstgemachte Obstbaumanhänger für die heimischen Vögel her. Sie verkochten Schmalz mit Sonnenblumenkernen, gehackten Haselnüssen und Graupen. Finken und Meisen nahmen die Zusatznahrung dankbar an. Letztendlich trauten sie sich sogar dichter ans Haus. Die Tiere eroberten manch ein Territorium im Wald, Wiesen oder Parks zurück, da sich erheblich weniger Menschen im Freien aufhielten. Eichhörnchen spragen von Baum zu Baum und eines Morgens stand sogar ein Waschbär auf der Mülltonne in der Nachbarschaft...

 

Als unsere Kinder am Ostersonntag in der Küche standen und mit faszinierten Gesichtern in den Vorgarten starrten, war offensichtlich etwas Merkwürdiges im Gange. Normalerweise interessierten sie sich nicht für das, was im Vorgarten vor sich ging...!

Unter den Büschen, gut versteckt saß ein Vierbeiner und zeigte seine Kehrseite.

Das ist ein Hase!“, wisperte eines der Kinder.

Nee, das ist ein Hund ohne Leine,  der nach etwas sucht oder ausbuddelt – pass auf, gleich kommt sein Besitzer hinterher...“, war die altkluge Antwort des älteren Geschwisterkindes.

Der erwartete Hundebesitzer kam nicht, aber der vermeintliche "Hasenhund" drehte sich langsam um, starrte uns entgeistert an und entpuppte sich als Kaninchen.

Keiner von uns bewegte sich.

Das Tier drehte sich und hoppelte gemächlich die Treppe hinauf und schnupperte an der Haustüre. Nachdem es sich offensichtlich genug umgesehen hatte, besuchte es die Nachbarn.

 

Drei neugierige Kinder stürzten zur Türe und stolperten fast über eine Geschenktüte mit bunten Schokoladeneiern...

Ob Kaninchen auch Ostereier ausliefern? Diese Frage haben wir bislang noch nicht klären können...!

 

 

Winterzeit = Ruhezeit

Eisblumen an den Fenstern, Raureif auf Gräsern und Pflanzen, zugefrorene Seen bei klirrender Kält oder Schnee, so haben unsere Großeltern und Eltern noch den Winter erlebt. Zu dieser Zeit gab es selten Zentralheizungen oder fest schließende Fenster. Durch die Ritzen der Holzrahmen zog es und die kalte Luft schien überall zu sein, da es kaum Jalousien gab.

Die Zeit zwischen den Jahren, sowie die im Monat Januar, galten als Ruhezeit. An den langen Abenden vor dem Ofen oder offenen Kamin wurde viel von den Großeltern erzählt oder Wissen an die Kinder weitergegeben. Das geschah durch Erzählungen wie praktischen Anwendungen.

Die letzten Schweine wurden geschlachtet, in Salz eingepökelt oder Schinken und Mettwürste im Rauchfang des Kamin geräuchert. Die meisten Aufgaben der Vorratshaltung mussten jedoch bereits im Herbst erledigt sein.

Im Winter legte man Pläne und Zeichnungen für die Fruchtfolgen des kommenden Jahres auf den Äckern und für die Gärten an. Dabei lernten schon die Kleinsten, welches Gemüse miteinander wuchs und welches besser nicht zusammen angepflanzt wurden, weil sie sich nicht riechen können...

Tomaten und Gurken mögen beispielsweise nicht beieinander stehen. Dafür werden Erdbeeren aromatischer, wenn Minze zwischen den Pflanzen wächst. Knoblauch hält Schädlinge fern. Mit Bananenschalen, fern von jungen Salatpflanzen ausgelegt, lockt man Nacktschnecken an, die sonst die zarten Pflanzen fressen würden.  Gerätschaften wurden ausgebessert und zum Teil erneuert.

Das Leben war Abhängig von Rhythmus der Natur. Hausmittel halfen gegen Erkältungen, die Rezepte wurden in der Familie weitergegeben oder verfeinert. Das Essen war einfach aber deftig. Gemüseeintöpfe und selten Fleisch, allenfalls an Sonntagen. Fettgebackenes wie Krapfen mit Rosinen, Apfelschnitzeln oder „Hefeballen“ mit Marmelade (Berliner), wie wir sie aus der Karnevalszeit kennen, gab es an Sonntagen, wenn die Verwandten zum Kaffee nach dem Kirchgang kamen. Manchmal wurden bereits am Vortag Berge von Waffeln mit dem "Tickeisen“ in der Mitte der Ofenmulde über der Glut im Herd gebacken. Dazu wurde der Herd nur mit einer bestimmten Holzsorte beheizt, damit die Temperatur lange vorhielt. Traditionen wurden gepflegt und weitergegeben, Feiertagsriten eingehalten und zelebriert.

 

Vieles von diesem alten Wissen ist heute leider verloren gegangen und würde sicher auch uns „modernen Menschen“ noch von Nutzen sein. Bereits im Mittelalter begannen Nonnen wie Mönche ihr Wissen zu sammeln, zusammenzutragen und aufzuschreiben. Glücklicherweise ist noch heute einiges überliefert, wie Rezepte von Hildegard von Bingen, die uns immer noch zu Gute kommen.

 

 

Silvesterbräuche

Die Zeit zwischen den Jahren ist nicht wie alle anderen Zeiten. Wir wünschen und hoffen. Es ist die Zeit des Neuanfänge wie der guten Vorsätze. Ziele sind wichtig – erst wenn wir „für eine Idee brennen“ werden wir konsequent dafür eintreten!

Jedes Land, ja selbst jede Region zelebriert unterschiedliche Silvesterbräuche. Oftmals trifft “Tradition die Moderne“, wobei Aberglaube wie Überlieferungen einen großen Raum einnehmen. In dieser Zeit, so heißt es, ist das Band zwischen dem Diesseits und dem Jenseits stärker als gewöhnlich.

Ein bisschen Neugier ist schon dabei – wer möchte nicht wissen, was das neue Jahr bringt? Letztendich lesen viele Menschen ihr Horoskop. Auch kann wenig Nachhilfe zum Glück kann nicht schaden:

Zu Silvester verschenkt man Glücksklee mit Schornsteinfegern, oder Glücksschweinchen. Auch Hufeisen und Fliegenpilze sind beliebte Glücksboten.

Ein weiterer Brauch am Silvestertag ist das Pantoffelwerfen:

Zeigt die Spitze zur Türe wird man verreisen. Fällt der Pantoffel auf die Seite, kommt es drauf an, ob es die Innen- oder Außenkante ist, dann weiß die heiratsfähige Tochter des Hauses, ob sie im kommenden Jahr wirklich heiraten wird, oder nicht...

Bleigießen sollte man vermeiden! Die Dämpfe sind giftig. Wachs ist genauso geeignet und weitaus ungefährlicher, auch, falls man sich verbrennt. Das flüssige Wachs wird vom Löffel ins kalte Wasser geschüttet, damit es erstarrt. Die sich draus ergebende Form muss gedeutet werden...

Schon im 17. und 18. Jahrhundert wurden besonders im Bayrischen Pistolen abgefeuert, oder mit Kupfergeschirr gelärmt, um böse Geister zu vertreiben

Auch soll man in den Raunächten zwischen Weihnachten und Neujahr keine weiße Wäsche waschen oder aufhängen, da sich böse Geister oder Odins "Wilde Jagd" in der Wäsche verheddern oder verstecken könnten. Zumal alter Aberglaube besagt, dass die nächtlichen Reiter weiße Wäsche von der Wäscheleine nehmen und sie dem Besitzer im Laufe des folgenden Jahres als Leichentuch zurückgeben. Auch das "Leine ziehen" bringt großes Unglück mit sich. Ein nahestehender Verwandter könnte versterben. Ebenso sollte jedes Wäschestück bis zum Heiligen Abend von der Wäscheleine abgehangen sein, insbersondere Laken, da sonst „Gevatter Tod“ hindurchspringen könnte und jemanden auf die andere Seite mitnimmt!

Schornsteinfeger bringen hingegen Glück und bewirken Gutes. Schließlich verhinderten sie Kaminbrände, indem sie regelmäßig zum Kehren kamen. Ein gefundner Knopf der Uniform sorgt zeitlebens für Wohlstand.

Übrigens: Tippt man einem Schornsteinfeger auf die rechte Schulter, soll das Glück demjenigen das gesamte Jahr hold sein und mit sehr viel Glück erwartet denjenigen auch noch ein Geldsegen.

Also, auf ein glückliches neues Jahr!

 


Gevatter Tod sucht eine Frau


Vor sehr langer Zeit wurde einem Köhler und seiner Frau ein Kind geboren. Das Kind war leider ein Mädchen und nicht der erhoffte Sohn. Die Eltern waren enttäuscht, denn es stellte sich kein weiterer Nachwuchs mehr ein. Irgendwann bemerkten die Eltern zudem, dass ihre hübsche Tochter Viola sehr schlecht sehen konnte. So nahmen sie ihe Kind täglich mit in den Wald, während sie ihrer Arbeit nachgingen.

Oft saß das Mädchen auf einem bemoosten Baumstumpf und sang mit wunderschöner Stimme. Manch Wanderer lauschte ihren Liedern verzückt lächelnd. Schon bald erzählten sich die Leute, dass eine Elfe im Wald lebe, die mit ihrem Gesang die Menschen verzaubere. Tagein, tagaus verbrachte Viola im Wald, daher kannte sie fast alle Geräusche, wie das vage Farbenspiel des Waldes. Doch was nach einer zauberhaften Kindheit klingt, wurde Viola bald eintönig. Je älter sie wurde, umso mehr langweilte sie sich. So suchte sie sich eines Tages einen langen Stock als Stütze und tastete langsam vorwärts.

Zur gleichen Zeit saß der Tod an der Grenze seines Reiches auf einem Wegestein und blickte sehnsüchtig zum Menschenreich. Er hoffte, dass jemand freiwilig die Grenze in sein Reich überschreiten würde. Er holte die Menschen ab, wenn ihre Zeit gekommen war. Doch er hatte wenig zu tun, war einsam und suchte eine Gefährtin...

Er blickte an sich herab und bemerkte, wie beängstigend, wie angsteinflößend er wirkte. Manch einer, den er abgeholt hatte, beklagte sich über den Geruch, der ihm anhaftete: Moder und Verwesung. So beschloss er, sich im ersten Grün der Duftveilchen zu wälzen, um die Ausdünstung zu überdecken. Nachdem er eine passende Stelle gefunden hatte und darin herumtollte, war er zufrieden. Sein weiter Kapuzenmantel verdeckte zum Glück den knochigen Körper.

Viola war ein gutes Stück vorangekommen, bis sie zu einer Weggabelung kam.

Auf einem Wegestein konnte das Mädchen schemenhaft einen Wanderer sitzen sehen.

"Bitte lieber Wandersmann, sagt mir, wohin führt dieser Weg?", fragte sie.

Verwundert sah der Tod zu ihr auf. Er schaute sich das Mädchen genauer an und stellte fest, dass sie beinahe blind war.

Er räusperte sich und antwortete: "Der Weg führt direkt in mein Reich."

"Oh, dann seid Ihr gewiss ein Fürst oder gar ein König", stellte sie erfreut fest. "Wie abenteuerlich!"

"Ja, ich bin der Fürst der Unterwelt! Doch nun, da Ihr wisst, wer ich bin, seid so nett und nennt mir Euren Namen."

"Ich war unhöflich, mein Name ist Viola. Aber verzeiht mir, von Eurem Reich habe ich noch nie gehört, also schätze ich, es ist ein kleines Herrschaftsgebiet."

Gevatter Tod war für einen Augenblick sprachlos.

"Das ist meine Chance", dachte er. "Wenn ich es geschickt anstelle, geht sie freiwillig mit mir."

"Ja, es ist nicht groß, aber ich bin auf der Suche nach einer Frau, die mich lieben kann."

"Warum solltet Ihr keine Frau finden? Ihr herrscht über Euer eigenes Land und nennt es Euer Reich."

"Nein."

"Nein? Das verstehe ich nicht!"

"Weil ich dem Tod geweiht bin", erwiderte er vorsichtig.

"Das ist traurig, aber es schreckt mich nicht, auch ich habe einen Makel", erklärte sie. "Ich bin fast blind. Für mich ist es nicht wichtig, wie jemand aussieht. Meine Eltern sind alt, sie wünschen sich einen Sohn, der sie versorgt, aber das kann ich nicht. Sie müssen bis zu ihrem Ende arbeiten, denn jemanden wie mich will niemand zur Frau nehmen."

"Wenn Ihr mit mir kämet", sagte er bedächtig, dann würde es Euren Eltern wie auch Euch an nichts fehlen."

"Könnt Ihr mir versprechen, bis zu ihrem Ende für sie zu sorgen? Wenn ja, dann könnte ich mir vorstellen, mit Euch zu gehen."

"Ich verspreche es, wenn Ihr nur mit mir kommen würdet..."

"Dann will ich mit Euch gehen, da ich als kranke Tochter eine Last für sie bin!"

Er griff nach ihrer Hand und begleitete sie zurück zu den Eltern, die immer noch gebückt im Wald arbeiteten. Diese erschraken heftig, als sie sahen, wer neben ihrem Kind stand. Sie dachten, der Tod wolle sie mit sich in die Unterwelt nehmen.

"Vater, Mutter", rief Viola - "ich habe Gevatter Tod getroffen und werde mit ihm in sein Fürstentum gehen. Er versprach mir, dass es Euch an nichts fehlen wird. ihr müsst dann nicht mehr so schwer arbeiten!"

"Nein, Kind! Geh nicht", rief die Mutter entsetzt.

Verzweifelt sagte der Vater: "Lieber arbeite ich, bis ich tot umfalle..."

Traurig versuchte Viola die Eltern anzusehen und schüttelte den Kopf. "Ich werde mit ihm gehen, denn ich gab ihm mein Versprechen und er mir das Seine!"

Gevatter Tod sagte leise: "Ich werde sie also mitnehmen und für sie sorgen."

Dabei war das gruselige Klappern seiner Knochen zu hören. "Geht heim, seht, was ihr dort vorfindet. Nie mehr müsst Ihr zum Torfstechen oder Holz schlagen hierher kommen..."

Dann breitete er seinen Mantel aus, zog Viola an sich und war im selben Augenblick mit ihr verschwunden.

Die Eltern waren entsetzt. Sie weinten aus Verzweiflung, riefen laut Violas Namen. Doch sie tauchte nicht mehr auf. Traurig machten sie sich auf dem Heimweg und betraten ihre ärmliche Behausung.

Auf dem Tisch lag ein Koffer mit Goldmünzen, doch sie konnten sich nicht freuen. ihre geliebte Viola war fort und würde nie zurückkehren.

Nach zwei Tagen gingen beide völlig verzweifelt zurück in den Wald zu der Stelle, wo der Tod und Viola sie verlassen hatten. Gevatter Tod wartete dort auf sie.

"ich dachte mir, dass Ihr kommen würdet", sagte er mit knarzender Stimme.

Eine unheimliche Stille lag in der Luft, es war so, als würde der Wind für einen Moment den Atem anhalten.

Gevatter Tod holte seine Sense unter dem Umhang hervor, sprach seine drei magischen Worte und nahm beide mit sich in die Unterwelt.

Die Halskette von Violas Mutter behielt er bei sich und gab sie Viola einige Tage später. Fassungslos versuchte Viola ihn anzuschauen.

"Sie wollte sich niemals von ihr trennen, auch nicht im Tod", stellte sie erstaunt fest.

"Dennoch gab sie mir die Kette für dich mit - als Hochzeitsgeschenkt- also trage sie", erwirderte er barsch.

Viola ließ sie in ihre Kleidertasche gleiten: "Erst wenn ich ein neues, passendes Kleid dazu habe, werde ich sie tragen", entschied sie. "Irgendwann, wenn ich es habe, gehe ich heim um meine Eltern zu besuchen, damit ich mich von Herzen dafür bedanken kann."

Bestürzt sah der Tod sie  an, antwortete aber nicht, dann wandte er sich von ihr ab.

Viola spürte, dass ihre Mutter sich nicht freiwillig von der Kette getrennt hatte.

"Die Gefühle des Trägers gehen auf das Schmuckstück über", ...so hatte es ihre Mutter immer gesagt. Sie spürte grenzenlose Furcht, als sie die Kette in der Hand hielt. Eine böse Ahnung beschlich sie.

In der Nacht, als Gevatter Tod tief und fest schlief, schlich sie zur Truhe, wo er seine Sense verwahrte. Sie hatte den Tod einmal heimlich belauscht und sprach die drei magischen Worte. Dann wartete sie auf das, was geschehen würde. Sie hörte plötzlich die Stimmen ihrer Eltern.

In diesem Moment wusste sie, dass er alle betrogen hatte. Viola wurde wütend wie nie zuvor im Leben.

Plötzlich nahm sie den Modergeruch und die Verwesung wahr, die von ihrem schlafenden Gefährten ausgingen. Er hatte alle getäuscht.

Erbost schlich sie sich mit der Sense in das gemeinsame Schlafgemach zurück und drosch damit auf den schlafenden Tod ein. Gevatter Tod bäumte sich einmal kurz auf, dass seine Knochen klapperten und verschwand danach in sein Schattenreich.

In diesem Moment veränderte sich aber auch Viola. Ihre Hände wurden dünn und knochig. Alles an ihre knackte und klapperte plötzlich. Sie flüchtete noch in derselben Nacht aus dem Schattenreich, nahm die Sense zu ihrem Scutz mit und irrt seither durch die Welt.

Man erzählt sich seit dieser Zeit, der Tod sei eine Frau mit einer wunderschönen Stimme.

 

(Diese Geschichte erschien 2015  im Sperlingverlag)

 

 

Die Hexenscheuche

 

Im Oktober, meist um das Erntedankfest, begannen die Urenkelkinder von Bauer Holtmann mit feuereifer in der Scheune Strohfiguren zu basteln. Ihre Herbstferien verbrachten die Vier ohnehin immer auf dem Bauernhof um zu helfen, oder sie heckten jede Menge Unsinn zusammen mit den Dorfkindern aus.

Zwei Jahre zuvor hatten sie eine holzige Runkelrübe ausgehöhlt und einen Kerzenstummel hineingestellt. Mit dem brennenden Gruselgesicht waren sie bis ans Ende des Ortes gezogen und ließen es zur Abendbrotzeit durch die Fenster schauen, bis es jemand mit Schrecken bemerkte...

Die alte Vogelscheuche im Garten wich, jedes Jahr einer neuen Strohfigur, die zur Dekoration bis Anfang Dezember dort stehen blieb.

Mal wurde es der düstete Fürst Dracula mit einem scharlachroten Umhang und alten Keilerzähnen vom Förster, dann eine übergroße Katze, die über einen kleinen runden Strohballen kletterte. In diesem Jahr sollte es eine Strohhexe mit Umhang, Hut und Besen werden.

Stroh gab es reichlich und die Kids waren mehrere Tage mit ihrer Arbeit beschäftigt.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Beinahe menschengroß war die Hexenscheuche. Auf ihrer Schulter saß ein Vogel, der offenkundig einen Raben darstellen sollte, zu ihren Füßen hatte es sich eine Katze bequem gemacht.

Dekoriert wurde mit geschnitzten Kürbissen und einem improvisierten Besen. Die Hexenscheuche war der Blickfang im Garten.

 

Einige Tage vor dem Halloweenfest wollte Opa Holtmann wie jeden Tag das Laub mit seinen Reisigbesen zwischen Haus und Scheune zusammenfegen, fand jedoch seinen Reisigbesen nicht.

Verflixtes Volk“, brummte er vor sich hin, „hat mir die Bande wieder alles weggeschleppt und nicht zurückgestellt...!“

Mit schlurfendem Gang betrat er die Scheune, wo sich seine Enkelkinder aufhielten.

Wo habt Ihr meinen Besen hingestellt? Den brauche ich doch um das Laub aufzukehen“, fragte er mit dem Unterton von Verärgerung in der Stimme.

Opa, wir haben deinen Besen bestimmt nicht genommen“, beteuerten alle seine Enkel.

Tja, wäre ja auch ein Wunder, wenn ihr mal das Laub wegfegen würdet“, brummte ihr Opa ungehalten und verließ die Scheune wieder.

 

Es schaute in den Geräteschuppen sowie im Hühnerstall nach, ob ihn nicht dort jemand hingestellt hatte. Doch der Besen war und bleib verschwunden.

Donnerlüttchen“, schimpfte er. „Diese Bande will mir wohl doch einen Streich spielen...“.

Der Zufall wollte es, dass er einen Blick zum Gartenzaun warf. Direkt am Zaun angelehnt stand sein alter Reisigbesen.

Nachdenklich kratze er sich seinen Hinterkopf, griff nach dem Besen und hob ihn über den Zaun. Zwischen dem Reisig hingen einige lose Strohhalme.

Mhh, wie die Zweige wohl dazwischen kamen, wenn ihn angeblich keiner benutzt hatte“, dachte er.

Zufrieden darüber, dass sein Besen wieder aufgetaucht war, machte er sich an die Arbeit.

 

Die trüben Nebeltage des Novembers warfen ihre Schatten voraus, die letzten Tage des Oktober waren nebelfeucht und grau, vermischt mit Nieselregen.

 

Nachdem die Kinder ihre Süßigkeitenrunde durch den Ort beendet hatten, waren sie froh in die warme Wohnküche der Großeltern zurückzukehren, wo es heißen Tee gab. Sie teilten ihre gesammelten Süßigkeiten gerecht untereinander auf und feilschten noch eine Weile um die besten Teile, ehe die Großeltern sie zu Bett schickten.

iDie Feiertagstradition verbot es ihrem Urgroßvater am Allerheiligentag Arbeiten am, im, wie um das Haus herum auszuführen, dennoch machte er wie gewöhnlich seinen Rundgang um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung sei.

Sein Weg führte ihn auch zum Garten, dort wo am Gartenzaun die Hexenscheuche aufgestellt war. Wohlwollend wanderte sein Blick zur dekorierten Stelle, die ihm in diesem Jahr ausnehmend gut gefiel.

Plötzlich stockte sein Schritt. Scharf zog er die kalte Morgenlft durch die Nase ein, blickte sich suchend um – die Hexenscheuche war verschwunden...

Rasch öffnete er das Gartentörchen und untersuchte den verwaisten Platz, wo nur noch die Strohballen mit den geschnitzten Kürbissen und Kastanien standen. Selbst die Katze und der Heurabe waren fort.

Suchend wanderte sein Blick durch den Garten, weiter über die Weite der kahlen Bäume, ihrer Streuobstwiese hinauf zum dürren Blattwerk der ausladenden Kastanie.

Weit oben, fast schon in der Baumkrone, entdeckte er einen dunklen Umhang. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er mehr zu erspähen.

 

Oben, quer im Geäst steckte verkeilt sein Laubbesen. Die Hexenscheuche sass rittlings

auf ihm, den Raben auf der Schulter, die Katze saß am Ende des Besen.

Seine Urenkel waren in der Nacht gewiss nicht mit Hilfe der Leiter in der Kastinie herumgeklettert.... Abgesehen davon gab es auf dem Hof keine so lange Leiter!

Es war eine unwirkliche Szenerie. Fast wirkte es, als als wäre die Strohhexe mitten in der Nacht losgeflogen und in der Kastanie notgelandet, wo sie jetzt festsaß...

Verwundert schüttelte der Großvater den Kopf.

Er wusste, dass das neumodische Halloween ursprünglich ein alter keltischer Feiertag war, wie auch das Beltanefest im Frühjahr.

In seinem Leben hatte er viel gelernt, daher wusste er, es ereigneten sich unerklärliche Dinge zwischen Himmel und.Erde, wenn sich der Vorhang zwischen den Welten bewegte...

 

 

Erntedank und Gipfelstürmer

Im Herbst bündelt die Natur noch einmal all ihre Kräfte. Sie tröstet uns mit ihrer rot-goldenen Farbenvielfalt, den Früchten und all ihrer Pracht über die vergangenen Tage des Sommers hinweg.iv

Die Generationen vor uns lebten näher an der Natur, insbersondere die mit eigener Land- und Viehwirtschaft. Im Herbst wurde intensiv gearbeitet, aber auch gefeiert. Wenn die Blätter fallen, beginnen nach der Traubenernte die Winzerfeste, sowie das Erntedankfest.

Die Früchte an den Bäumen scheinen zeitgleich zu reifen. Sie müssen geerntet werden, zu Mus und Marmelade verkocht, eingeweckt oder im Steintopf eingelegt werden, wie zum Beispiel Sauerkraut, saure Gurken oder Salzbohen.

Kartoffeln wurden bis in die fünfziger Jahre noch nach Größe handverlesen und später eingekellert. Es hieß, wer die Kartoffelernte eingebracht hatte, konnte Erntedank feiern. In der bunten Jahreszeit reifen Bucheckern, Eicheln und Kastanien in den Wäldern. Wer ein Schwein im Stall hatte, konnte sich glücklich schätzen, doch nur die wenigsten Tiere wurden im Winter durchgefüttert. Spätestens nach Allerheiligen wurden sie geschlachtet. Wer allerdings einen Nachzögling im Stall hatte, fütterte ihn  im Winter durch. Die Waldfrüchte waren ein gutes Zubrot für die Tiere, insbesondere die Eichelmast. Auch Esskastanien wurden gesammelt und nach alten Rezepten in Kuchen verbacken, oder einfach im Feuer geröstet. Wir kennen sie als Maronen von den Herbst- -und Wintermärkten.

Beinahe alles, was die Natur hervorbrachte diente als Wintervorrat. Hasel- und Walnüsse, Pilze, Sanddorn und Hagebutten, Schlehen oder andere Beeren für Liköre in Alkohol eingelegt.

Frühdunst und Nebelschwaden bringen kühleres Wetter. Die Vögel ziehen fort, Fledermäuse suchen ihre Winterquartiere auf.

Sie tauchen die Welt in mystische Facetten, die sich durch schräg einfallende Sonnenstrahlen verstärken. Das unwirkliche Licht regt die Phantasie der Menschen an. Märchen über Feen und Elfen, die jeden Augenblick aus dem Schatten treten, könnten so entstanden sein. Spätestens bis zum Lichterfest an Sankt Martin sollte genügend Feuerholz gespalten und eingelagert sein.

Aufkommende Winde begünstigen das Aufsteigen der Drachen, deren bunte Bänder hin und her tanzen. Früher glaubte man es bringe Glück, wenn die Schnur des Windvogels riss, da er Sorgen, Nöte und Ängste in die Ferne tragen würde.

Der Herbst ist der furiose Abschied des Sommers.

 

 

Septemberträume

Während meiner Kinder- und Jurgenzeit verbrachte ich viele Ferienzeiten bei meiner Großmutter in Mecklenburg, so auch im Herbst. Ende September und Anfang Oktober war für mich dort die schönste Zeit. Die Tage wurden kürzer, dennoch waren sie oftmals angenehm warm. In dieser Zeit feierten wir das Erntedankfest in der prächtig geschmücken Dorfkirche und brieten Kartoffeln im abgeblühten Laub der Kartoffelpflanzen. Manchmal durften wir Kinder auch allein an den See zum Angeln oder sammelten im Wald Pilze, die der Förster für uns kontrollierte. Die Pfifferlinge brieten wir mit Speck, Zwiebeln und Rührei, ebenso aßen wir kleine panierte Fische, die wir vorab selbst entgrätet hatten. Aus den gesammelten Eicheln, Kastanien, Bucheckern oder Haselnüssen bastelten wir kleine Kunstwerke. Anschließend schimpfte Oma jedes Mal über ihren arg reduzierten Streichhölzervorrat...

Sonnenstrahlen, die am Morgen schräg auf die zarten Spinnweben zwischen die Rosen im Vorgarten fielen, wirkten wie Gespinste von Feenhand gewebt. Die Luft und die Gewässer wurden klarer, die rotgoldenen Blätter der Bäume rund um den See spiegelten sich farbenprächtig im Wasser, ebenso das Schilf.

Nebel kroch über Wiesen und Felder, wie ein Kater auf Beutezug. Ein letztes buntes Spektakel bevor das Grau des Novembers und die Tristesse von Raureif und Regen Einzug in die Natur hielten. Die Hirsche röhrten im Wald und der dichte Nebel, der über dem Wald hing, hatte etwas Eindrucksvolles. Manchmal träumte ich vor mich hin, dass Hänsel und Gretel aus dem Wald kämen, oder andere Märchengestalten.

Unsere Großmutter verwöhnte uns mit Köstlichkeiten aus ihrem Garten. Es gab Beeren aller Art zum Vanillepudding und für die Erwachsenen an den Abenden einen selbstgemachten Likör oder Fruchtwein. Von ihr haben wir Enkelkinder vieles gelernt - nicht nur Pfefferminze sammeln, sortieren und trocknen. Vielleicht kommt daher meine Liebe zum Einwecken und Konservieren. Es wurde gebacken, eingeweckte Gläser immer wieder kontrolliert und die letzten Mohrrüben sowie der Porree in einer Kiste mit Sand eingelagert. Sie kochte mit uns aus Brombeeren, Sanddorn und Hagebutten Marmelade und wir durften das Holz aufstapeln, welches sie aus dem Forstbetrieb günstig einkaufen konnte.

Ab und zu verirrte sich ein Igel in den Garten, der liebevoll von Zecken befreit wurde, um danach in die Freiheit entlassen zu werden. Im Herbst wird es stiller in der Natur und wir besinnen uns, wie die Tiere, auf den Rückzug. Ein letzter bunter Jahresreigen endet, ehe der Winter kommt.

 

Erschienen ist diese Geschichte in dem Band - Goldener Herbst  - aus dem Elbverlag im Oktober 2012

 

 

Wohnungssuche

 

Selten gab es so viele Wohnportale oder Immobilienvermittler wie in der heutigen Zeit.

Die Spezifikation startet bei Singlewohnungen oder Studentenräumlichkeiten, WG´s, über behindertengerechte oder barrierefreien Wohnraum, familienfreundliches Wohnen bis hin zum gehobenen Appartement, Loft oder der Etagerie.

Auswahl scheint laut dieser Firmen ausreichend vorhanden zu sein, die Möglichkeiten schier unerschöpflich.

Die Ernüchterung folgt auf dem Fuße, wenn es tatsächlich zu einem Besichtigungstermin kommt. Gefühlte siebzig Mitbewerber werden eingeladen und manch ein Vermieterfragebogen geht mit den Fragen nach Zusatzverträgen als Absicherung bei drohender Arbeitslosigkeit, oder Kinderwünschen, extrem in nebulös erlaubte Details. Teilweise werden die Wohnungen so geschickt fotographiert oder in Szene gesetzt, dass sie auf Fotos oder Hochglanzbroschüren erheblich geräumiger wirken, als sie sind. Der Garten, der gerne mitgenutzt werden darf, entpuppt sich als Steinwüste vor dem Haus, auf der gerade mal eine Bierzeltgarnitur Platz findet und der angepriesene Balkon in Südwestlage taugt im Winter lediglich zum Kühlen von Getränken, weil lediglich zwei Stühle darauf Platz finden.

 

Auch bei der Häusersuche stößt man nicht ausschließlich auf Perlen...Zugegeben, Haken und Ösen gibt es in jedem Vertrag – Pferdefüße sollte man jedoch im eigenen Interesse vermeiden.

Das Haus in ruhiger Lage direkt neben dem Friedhof löst bei den meisten Leuten allenfalls ein müdes Lächeln aus. Ein Reihenhaus direkt an der Rückseite eines Bahndamm gehört meines Erachtens ebenfalls nicht in diese Kategorie. Daran ändert auch der alte Baumbestand in der Nähe nichts. Unvorteilhaft ist auch die Lage an Hauptverkehrsadern, egal, wie gut die Dämmung sein soll. Machen Sie sich nichts vor, es ist und bleibt eine Übergangslösung. Täuschen kann auch das Idyll an der Rückseite des Segelsportflugplatz. Gerade an Sonn- und Feiertagen nutzen die Freizeitsegler das gute Wetter für ihre Segelflüge. Nicht selten liegen der Balkon oder die Terasse im Einflugbereich zur Start- und Landebahn.

Wer es ländlich mag, sollte ebenfalls genau hinsehen. So erging es erst kürzlich einer lieben Kollegin, die sich genervt aus dem Stadtleben zurückzog. Ihr idyllischer Wohnort, zwischen Feldern und Äckern wurde im Frühjahr wie im Herbst zur Treckerhochburg, da die Felder abgeerntet wurden. Sie war dem sonoren Geräuschen der Rasenmäher entkommen, dafür zieht jetzt regelmäßig der Duft frisch gegüllter Äcker bei entsprechender Windrichtung in jeden Winkel der Wohnung. Ihre Nachbarn gehen seit kurzer Zeit neue Wege in Sachen Natürlichkeit. Sie halten jetzt Schafe und Alpakas auf ihrer angrenzenden Wiese, so dass sie bei Schlafstörungen zum „Schäfchenzählen“ nur noch aus dem Fenster blicken muss...


 

Die folgende Geschichte fällt unter die Rubrik "moderne Märchen".

Es gab verschiedene Kriterien mit denen variiert werden durfte:

Märchen in der heutigen Zeit, oder ein oder mehrere alte Märchen, die in eine völlig neue Handlung eingebettet werden konnten.

Meine Umsetzung dazu können Sie hier lesen:

 

Die Bräute des Prinzen

Vor langer Zeit lebte ein junger Prinz, der seinem Vater schon bald auf den Thron folgen sollte. Ehe er jedoch die Geschicke des Königreichs führen und leiten konnte, sollte er sich eine standesgemäße Frau suchen, mit der er gemeinsam regieren würde.

„Du brauchst ein Ziel in deinem Leben. Du wirkst unruhig und unzufrieden. Das ist keine gute Voraussetzung für einen angehenden König!“

Also gewährte ihm sein Vater eine Frist von sechs Monaten, ehe der Prinu seine Wahl treffen musste. Dabei war es dem König egal, ob sein Sohn eine Prinzessin oder eine Bürgerliche ehelichte.

Prinz Matthias war keinesfalls begeistert. Er liebte seine Freiheiten! Die Kleinen wie die Großen, die zahlreichen Turniere, die Jagd mit dem Falken und besonders seine Pferde. Ständig war er auf der Suche nach Abenteuern oder Herausforderungen. Keinesfalls suchte er eine Ehefrau, wie sein Vater es ihm nun auferlegte. Die Welt war bunt und er konnte außerhalb des kleinen Reiches jedem Mädchen seine Gunst schennken.

Dennoch blieb ihm nichts anderes übrig, sich dem Willen des Vaters, seinem König zu beugen. Der junge Prinz ritt ohne Gefolge über die Grenzen des südlichen Königreichs, zu dem seit Jahrzehnten kein Kontakt bestand. Mit dem Überqueren der Brücke sowie dem Fluss, der als natürliche Grenze galt, betrat er unbekanntes Land. Hier regierte kein König.Man munkelte, eine Zauberin habe das schönste Mädchen des Landes in einem Turm eingesperrt.

Kurz hinter der Grenze verrichteten Holzfäller ihre Arbeiten. Verwundert blickten sie dem Prinzen nach, wagten aber nicht, das Wort an ihn zu richten, obwohl ihnen klar war, dass er über die Grenze gekommen sein musste. Auf den Kornfeldern arbeiteten die Bauern emsig, um das reife Korn zu ernten.

Prinz Matthias bemerkte, dass die Menschen selten von ihrer Arbeit aufblickten, auch nicht, als er vorbei ritt. Im Reich seines Vaters verbeugte sich das Volk, sobald sich jemand aus der königlichen Familie näherte. Hier nahm niemand Notiz von ihm.

„Sagt mir, warum grüßt Ihr nicht, wenn ein Fremder vorbei reitet?“, fragte er einen alten Bauern.

„Wir müssen die Ernte einbringen, Herr. Wenn wir nicht schnell genug sind, schickt uns die launische Zauberin Wind, Regen oder Hagel, und wir haben nichts zu Essen.“

„In meinem Land geht die Sage von einem wunderschönen Mädchen,welches eingesperrt in einem Turm lebt. Es heißt, nur die Zauberin kann sie besuchen. Wo finde ich diesen Turm?“

„Reitet weiter diesen Weg entlang. Diese Straße führt Euch in eine kleine Stadt. Reitet zum östlichen Tor hinaus bis zum Waldrand. Kurz darauf erblickt Ihr den Turm. Aber gebt Acht, sie hütet das Mädchen wie ihren Augapfel.“

„Ich danke dir mein Alter“, sagte Matthias und warf ihm eine Münze hin.

„Damit können wir hier nichts anfangen Herr. Ein Stück Käse, ein Laib Brot oder Wein sind haben für uns mehr Wert.“

Matthias staunte. Eine Silbermünze war nichts Wert? So hielt er dem Mann ein Stück gebratenes Huhn aus seiner Tasche vor die Nase.

„Danke,“ sagte dieser knapp, als er gierig danach griff und es sich sogleich schmecken ließ.

Nach einem halben Tagesritt erreichte Prinz Matthias den geheimnisvollen Turm.

„Hallo, ist hier jemand?“, rief er leise.

Nichts geschah.

Er rief noch einige weitere Male, ehe sich ein wunderschönes Mädchen mit endlos langem Haar zeigte.

„Reitet weiter, bringt Euch nicht in Gefahr“, rief sie unglücklich.

„Wenn die Zauberin Euch hier findet, ist es aus mit Euch.“

„Hier ist weit und breit niemand zu sehen. Sagt, wie kommt sie zu Euch? Hier gibt es weder Tor noch Tür.“

Plötzlich lag ein Brausen in der Luft, wie ein stürmischer Wind, der über die Bäume des Waldes fegte.

„Rasch geht, das ist sie“, rief das Mädchen entsetzt.

Der Prinz schwang sich in den Sattel und versteckte sich mit seinem Pferd hinter einer tausendjährigen Eiche. Sie war so groß und dick, dass er im Sattel sitzend Schutz dahinter fand.

Die Zauberin rauschte an ihm vorbei, dabei konnte er nicht einmal sehen, was ihr diese Schnelligkeit verlieh. Atemlos verfolgte er das Geschehen.

Die Alte rief: „Rapunzel lass dein Haar herunter.“

Woraufhin das schöne Mädchen ihr endlos langes Haar aus dem Fenster des Turms herabließ und die Alte daran hinaufkletterte. Erstaunt sah der Prinz zu und prägte sich die Zauberworte ein.

Nach einer Weile kletterte sie wieder hinunter und verschwand auf dem selben Weg.

„Matthias ritt zurück unter den Turm und rief:

„Rapunzel lass dein Haar herunter.“

Wie befohlen, ließ das Mädchen ihr Haar herab. Als der junge Prinz vor ihr stand schien sie aus einem Zauber zu erwachen.

„Was wollt Ihr hier?“, fragte sie fassungslos.

„Ich bin Prinz Matthias aus dem Mittleren Königreich“, erklärte er ihr. „Mein Vater hat mich auf Reisen geschickt, damit ich mir eine Braut suche. Dann erinnerte ich mich an die Geschichten.“

„Welche Geschichten?“

„An das Mädchen im Turm, an Euch. Ihr seid wunderschön. Doch warum hält sie Euch hier fest?“

Weinend erzählte sie ihm vom Kinderwunsch der Hexe und von ihrem Neid, niemals so schön gewesen zu sein, wie sie selbst. Jeder soll glauben, ich wäre sie!“, schluchzte Rapunzel.

„Ich werde wiederkommen und dich mitnehmen. Wenn du einwilligst, werde ich dich zu meiner Prinzessin machen.“

Glücklich fiel sie ihm um den Hals. „Ja, liebend gern will ich mit dir gehen,“ strahlte sie.

Einen Monat besuchte Prinz Matthias das schöne Mädchen. Sie hatten sich viel zu erzählen. Nach einer Weile wurde ihm wieder Langweilig. Er vermisste das Abenteuer. Eine merkwürdige Unruhe beschlich ihn wie eine Krankheit.

Er beschloss weiter zu ziehen. Halbherzig versprach er Rapunzel, nach einer Lösung zu suchen, wie er sie aus dem Turm befreien könnte.

Wieder überschritt er eine Grenze. Dieses Mal setzte er seinen Fuß in ein anderes Königreich.

Im Westreich gab es blühende Gärten und exotische Pflanzen mit betörendem Duft. Er übernachtete in Wirtshäusern und Tavernen, amüsierte sich bestens mit den Mägden die ihm gegen seine Silberlinge Bier und Wein servierten. Marie, eine Wirtstochter mit flachsblonden Haaren und dunklen Augen gefiel ihm ausnehmend gut.

„Wie wäre es, wenn du mit mir kämst, Marie?“, fragte er schmeichelnd.

Längst hatte er Rapunzel in ihrem Turm und sein gegebenes Versprechen vergessen.

„Warum nicht“, hörte er die schöne Wirtstochter sagen.

„Ja, du könntest als meine Frau mit mir kommen. Dann bist du eine Prinzessin“, versuchte er sie zu überzeugen.

„Wo ist denn dein Königreich? Ich kann meinen alten Vater nicht allein mit all der Arbeit zurücklassen “, überlegte sie weiter.

„Dein Vater kann mit uns gehen. Wir finden im Schloss gewiss eine einfache Arbeit für ihn“, prahlte Prinz Matthias. Er umgarnte das Mädchen bis sie seinem Drängen nachgab. In dieser Nacht blieb sie bei ihm.

„Warte noch eine Weile, bis ich dich holen lasse“, versprach er ihr am Morgen und verschwand in der darauf folgenden Nacht.

„Diese ganze Heiratsangelegenheit nimmt langsam überhand“, brummte er unzufrieden. Er liebte sein Leben wie es war! Die schöne Wirtstochter weinte wochenlang und trauerte um ihre verlorene Liebe. Kurz darauf wusste sie, dass sie ein Kind vom Prinzen erwartete.

Mittlerweile war Prinz Matthias beinahe fünf Monate unterwegs. Eine Braut nach seinen Vorstellungen hatte er jedoch noch nicht gefunden.

Er ritt ins vorletzte der Nachbarreiche seines Vaters. Seit hundert Jahren schief dort eine Jungfrau im von Rosen und Moos bewachsenen Turm. Viele mutige Kämpfer und Edelherren hatten versucht, in den Turm vorzudringen um sie zu erwecken. Jedoch fast alle fanden den Tod oder mussten vorzeitig aufgeben. Diese Herausforderung lockte den Prinzen. Ruhm und Ehre würden ihm zuteil. Es war eine Abenteuer ganz nach seinem Geschmack und wer wusste es, vielleicht gefiel im die Jungfrau, so dass er sie als Braut heimführen könnte.

Gerade als er ankam, waren hundert Jahre vorüber. Die Rosenhecke teilte sich. Der Prinz gelangte ungehindert in das Turmzimmer wo sie schlief. Er bückte sich zu ihr und sagte: „Wacht auf, ich bringe frohe Kunde.“ Dann küsste er sie zart.

Sie schlug die Augen auf, überrascht sah sie ihn an.

„Welche Kunde?“, fragte sie und reckte sich.

„Ihr habt die Ehre meine Frau zu werden und somit Königin in meinem Reich.“

Fassungslos sah sie ihn an. „Wir kennen uns doch gar nicht,“ schimpfte sie. Im selben Moment betraten ihre Eltern überglücklich die Kammer. Sie drückten und herzten ihre Tochter, mahnten sie leise, freundlicher zu ihrem Retter zu sein und ihren Entschluss zu überdenken.

Nach einigen Tagen Bedenkzeit begleitete die königliche Gesellschaft den Prinzen heim. Es war beschlossen, Dornröschen sollte seine Frau werden, auch wenn sie noch schmollte und nicht einverstanden schien.

 

Der alte König empfing seinen Sohn mit offenen Armen, begrüßte Dornröschens Eltern wie die Prinzessin.

Dann klatschte er in die Hände und sagte zu seinem Hofmarschall:

„Lasst unsere Ehrengäste eintreten.“

„Welche Ehrengäste, Vater?“, fragte der Prinz überrascht.

„Warte ab und lass dich überraschen. Ich denke du wirst hocherfreut sein“, antwortete sein Vater mit einem verschmitzten Lächeln.

Herein kamen zwei wunderschöne junge Frauen. Beide in Samt und Seide gekleidet. Dazu trugen sie kostbaren Juwelen. Sie nahmen zur rechten und linken Seite der Tafel neben seinem Vater Platz.

„Ich glaube, ich muss dir diese beiden Frauen nicht vorstellen“, sagte der König kühl.

Entgeistert starrte Prinz Matthias die beiden an.

Rapunzel, wie..., wie konntest du... aus dem Turm entfliehen?“, stotterte er entsetzt „....und wieso bist du auf einmal hier, Marie? Ich sagte doch, du sollst auf mich warten...“. Fassungslos sah er von einer zur anderen.

„Genug mein Sohn“, schimpfte der König.

„Dein unehrenhaftes Verhalten kann ich weder gutheißen, noch dulden! Du hast drei Bräute. Allen gabst du ein Eheversprechen. Ich habe entschieden, das Reich unter deinen Bräuten aufzuteilen. Du aber wirst das Reich verlassen! Du bist ein Hallodri und Taugenichts. Eines Königssohn unwürdig! So einen König braucht das Reich nicht. Lerne für dich selbst zu sorgen, keine Versprechungen abzugeben, die du nicht einhalten kannst, oder willst. Vielleicht wird in fünf Jahren ein Viertel des Reiches an dich fallen. Man spielt nicht mit den Gefühlen anderer Menschen und verspricht etwas, was man nicht bereit ist einzuhalten. Das habe ich dich nicht gelehrt.

Für dein Kind werde ich sorgen! Vielleicht gelingt es dir, doch noch, ein rechtschaffener Mensch zu werden “

Von den Soldaten des Königs wurde der Prinz zur Grenze des Nordreiches gebracht, wo es nur Berge, Eis und Schnee gab. Dort sollte er sein Glück suchen.

Erst nach fünf Jahren durfte er zurückkehren, um seinen Vater und seine Bräute zu besuchen.

Seine drei Bräute herrschten einträchtig, freundschaftlich und gerecht über das Königreich.

 

Die Stimme am Telefon!

Seit geraumer Zeit gab es Probleme mit dem High-Tech-Drucker in der Dienststelle. Dieser super moderne Drucker konnte fast alles, außer Post eintüten... So lange er all die Dinge erledigte, die man eingab, also drucken, faxen, kopieren, scannen, war die Geschäftswelt in Ordnung. Doch leider entwickelte dieser Wunderdrucker binnen kürzester Zeit ein Eigenleben! Er wurde mit all seinen Marotten zur Diva: Kaum wurde Papier nachgelegt, war das Fach, obwohl die Markierung noch nicht erreicht war, laut Anzeige zu voll. Papier raus, Schublade zu, drucken. Pustekuchen, jetzt fraß er das Papier. Es kam entweder zerfetzt oder als Knitterblatt aus dem Schacht. Hin und wieder fehlten auch die Ecken. Trotz der Schulung in Sachen Druckerfehler selbst beheben, rief Corinna mindestens zwei Mal täglich in der Leitstelle der EDV an. Irgendwann verwies sie der genervte EDV-Mensch an den Hersteller.

Dort half ihr der Geschäftsführer des kleinen Unternehmens mit viel Geduld und ausführlichen Erklärungen weiter. Mittlerweile kannte sie den ihn vom regelmäßigen telefonieren schon recht gut. Zwei bis drei Mal pro Woche hatte der Drucker Aussetzer! Es wurde gescherzt und durchaus auch mal ein paar persönliche Worte ausgetauscht. Corinna empfand seine ruhige, sympathische Art als sehr angenehm. Ihn schien nichts aus der Ruhe zu bringen. Wenn sie im ärgsten Trubel völlig entnervt bei "Alexander" anrief, schaffte er es, sie binnen kürzester Zeit zu beruhigen. Alles ging wieder geregelt, ohne Stresspotential von der Hand...Sie führten offenkundig eine sehr angenehme Geschäftsverbindung die in ein neues, privates Stadium überging...

Corinna war gespannt auf den Menschen, dessen beruhigende Stimme sie in nahezu jeder Situation erdete. Hoffentlich würde sie ihm bald einmal persönlich begegnen. Ihre Neugier auf den Menschen hinter der Stimme war erwacht. Langsam entstand in ihrer Phantasie ein Bild des Mannes, der ihr beim Gedanken an seine Stimme ein Lächeln ins Gesicht zauberte.

Es war unverkennbar, sie hatte sich verliebt. Corinna, die Workoholic-Kollegin hatte sich verändert. Sie war nicht mehr die Letzte im Büro, hatte plötzlich Interesse am Shoppen und probierte sogar neue Frisuren aus...
"Na, was macht die Liebe", fragte eine Kollegin lächelnd. "Kommst du mit deinem Techniker voran...?", neckte sie. "Was du gleich denkst", wehrte Corinna ab.

"Das denke nicht nur ich", lächelte ihre Kollegin. "Es ist auch schon allen anderen aufgefallen...!"

"Oh je", seufzte Corinna. "Er hat gestern übrigens angerufen, dass er ab Donnerstag in der Stadt sein wird...".

"Ach, wirklich...?", stotterte Corinna verwirrt.

"Ja, er kommt in die Firma...! Also überleg dir, was du anziehst, der erste Eindruck ist entscheidend. ...Aber da die Chemie zwischen Euch zu stimmen scheint...!", feixte sie freundschaftlich, während Corinna errötete.

Zwei Tage später, es war bereits Freitag, standen diverse Termine in Corinnas Kalender. Alexanders Erscheinen hatte sie zwischen all ihren Meetings fast vergessen...

Erst gegen Mittag kehrte Corinna völlig entnervt in ihre Abteilung zurück. Ihr Chef erwartete, dass sie bis Montag ein Konzept für einen neuen Kunden vorlegte. Ihr rauchte der Kopf und sie war froh, dass keine weiteren Termine geplant waren. Enttäuscht sah sie, das ihre Kollegen schon in der Mittagspause waren. Die Türe zur Abteilung war verschlossen. Rasch griff sie nach ihrem Schlüssel, als ihr auf dem Gang ein älterer Mann auffiel, der zu warten schien. Ehe sie fragen konnte, zu wem er wollte, stand er auf und stürzte auf sie zu.

"Sind sie Frau Brede?", fragte er aufgeregt. Dabei nahm er sie mit anerkennenden Blicken in Augenschein. Corinna zog die Augenbrauen hoch, ließ sich sonst aber nichts anmerken. "Haben Sie einen Termin?", fragte sie geschäftsmäßig.

"Nun ja, wir sind gewissermaßen verabredet...", grinste er. In Corinna schrillten die Alarmglocken. Er war etwas kleiner als sie und hatte einen Bauchansatz. Sein talgiges Gesicht sprach vom ungesunden Lebenswandel. Die Stimme hatte einen vertrauten Tenor, doch der Klang war völlig anders als "Alexanders" Stimme. NEIN, das war unmöglich....! Entgeistert starrte sie ihn an, bis ihr bewusst wurde, wie unhöflich sie sich verhielt. "Wie war noch mal ihr Name?", fragte sie mit bang klopfendem Herzen.

"Oh, ich vergaß mich vorzustellen - Alexander John, von John und John."

"Wie ich sehe, ist Frau Brede bereits fort. Ich fürchte, sie hat sich ins Wochenende verabschiedet...", parierte sie mit innerlicher Erleichterung. Sie hoffte den Mann so rasch wie möglich loszuwerden. Bedauernd sah er sie an, schüttelte seinen Kopf und verabschiedete sich höflich. Gerade als er am Ende des Flurs war, klingelte Corinnas Handy.

"Jaaa," sagte sie gedehnt und nannte sehr leise ihren Namen. "Hallo Corinna, hier ist Alex." Entsetzt starte sie dem Mann auf dem Gang hinterher - er stieg gerade in den Fahrstuhl....

"Hier ist etwas merkwürdiges passiert. Die Sekretärin hat meine Termine auf meinen Vater umgebucht, da ich heute Früh zum Flughafen nach Düsseldorf musste...! Bitte warte in der Firma auf mich. Um 15.00 Uhr bin ich da." Ermattet ließ sich Corinna auf einem Stuhl nieder, da ihr die Beine versagten. "Corinna, bist du noch da?" Seine besorgte Stimme ließ sie in die Wirklichkeit zurückkehren. "Ja", hauchte sie. "Ich warte auf dich....!"

Mit weichen Knien stand sie vor dem Bürogebäude und wartete. Ein Taxi hielt vor dem Gebäudekomplex. Ein gutaussehender, blonder Mann von Anfang dreißig stieg aus. Mit großen Schritten kam er auf sie zu. "Hallo Corinna!", sagte er und strahlte sie an. "Du siehst genauso aus, wie ich es mir vorgestellt habe. Darf ich dich in ein Cafe einladen? Ich denke, wir haben uns viel zu erzählen."

Mit einem glücklichen Lächeln sah sie ihn an und nickte. Endlich war der richtige "Alexander" aufgetaucht und sie war fast sicher, es würde nicht nur beim Kaffee bleiben...!

 

Gartenglück


Für meine Großeltern bedeutete ein eigenes Stück Land mit Obstbäumen, Beerensträuchern und selbst gezogenem Gemüse ein Stück Lebensqualität.
Sie erlebten den Weltkrieg mit all seinen Entbehrungen, der Kälte des Winters und der Flucht. Vielleicht bedeutete ihnen gerade deshalb das eigene Stück Garten so viel. Es war für sie die Unabhängigkeit der Selbstversorger.
Der Boden wurde umgegraben und belüftet, Komposterde selbst hergestellt. Setzlinge auf der Fensterbank gehegt und gepflegt, ehe sie ausgebracht wurden. Erst mussten die Eisheiligen vorüber sein, damit eventuelle Nachtfröste keinen Schaden mehr anrichten konnten.
Meine Oma sammelte in heißen Jahren Kartoffelkäfer von den Pflanzen ab, stellte Bierfallen gegen Schnecken auf, und Ameisen vertrieb sie mit Zimt. Ihr Garten wurde zu jeder Zeit biologisch bearbeitet. Pflanzenjauchen stärkten die Jungpflanzen oder halfen Rüsselkäfer und Läuse abzuwehren.
Kräuter für Salate und Gemüse waren wichtige Gewürze in der Küche. Fruchtfolgen wurden vorbestimmt: sobald das erste frühe Gemüse geerntet wurde, folgten die nächsten Sorten, die mehr Wärme und Sonne benötigten.
Einer meiner Großväter pflanzte in den fünfziger Jahren selbst gezogenen Tabak an. Eine Pflanze fand mein Vater zufällig fast drei Jahrzehnte später wieder, als er ein neues Kompostgitter anlegte. Als Raucher in jender Zei,t legte er einige Blätter zum Trocknen aus und probierte den Tabak selbstverständlich auch.
Hühner, Enten oder Kaninchen fanden oftmals ein schattiges Plätzchen im Garten. Der Kaninchen- wie Hühnermist wurde untergegraben und düngte die Erde. Starkzehrer wie Kartoffeln, Tomaten und Gurken gediehen meist prächtig.
Ende Juni, spätestens Anfang Juli wurde das Erdbeerbeet bearbeitet,Jungpflanzen ausgedünnt oder verpflanzt. Die Altpflanzen kamen in frische Erde. Auf das ursprüngliche Erdbeerbeet wurden Grünkohlpflanzen gesetzt. Otmals spielte der Stand des Mondes eine wichtige Rolle, dessen Aussathinweise schon seit Jahrtausenden ohne Veränderung Anwendung finden. Über Sommer füllte sich die Vorratskammer mit Einweckgläsern, in denen Erdbeeren, Kirschen, Äpfel, Pflaumen oder Birnen als Kompott eingekocht wurden. Im Spätsommer wurde Weißkohl mit Salz zu Sauerkraut eingestampft. Eine Kanne
aus frisch gebrühten Pfefferminztee kam allabendlich im Herbst auf den Tisch. Frische Kartoffeln, gekocht, gebacken, gestampft oder gebraten rundeten den Speiseplan ab, ebenso Gemüsesuppen.
Zu Allerheiligen war das eingelegte Sauerkraut ausgereift und wurde zum Sonntagsbraten als Schmorkraut gereicht.
Im Zweifelsfalle ernährte der Garten mit frischen Erträgen die Familie. Was fehlte, konnte zum größen Teil aus den eingeweckten Vorräten oder dem Grundnahrungsmittelbestand ergänzt werden.
Zum GLÜCK fehlt also nur der eigene Garten. ...!

 

 

"Ist doch nur ein Leckerli"

Unser jüngstes Kind war nach manch einer „kleinen Einkaufsrunde im Ort“ regelrecht beladen mit Süßwaren. Als es etwa zweieinhalb Jahre alt war, wusste es bereits genau, in welchen Geschäften es „ein Leckerchen“ gab…
Beim Metzger eine Scheibe Wurst,
beim Bäcker ein süßes Brötchen mit den ekeligen, roten Lollis. Dabei bemühte ich mich vergeblich, den Damen in der Bäckerei klar zu machen, dass unser Kind allergisch auf den roten Farbstoff reagierte…! Einmal erhielt ich die schnippische Antwort, dann werfen Sie ihn doch weg – klar, wenn die Verkäuferin dem Kind das Brötchen mit dem "klebrigen Teil" in die Hand drückt.. Dann ist es die „böse Mama“, die den Lutscher aus dem Brötchen nimmt - nicht die Verkäuferin!
Beim Fischhändler gab es eine Minitüte mit Gummibärchen und in der Apotheke eine Minitüte mit Schokolinsen und Traubenzucker dazu. Damit war beinahe der Wochenvorrat an Süßwaren in einer knappen Stunde beisammen…

Im Laufe der Zeit bemerkte ich, dass es keinen Sinn machte, mit den Leuten zu diskutieren, oder Erklärungsversuche zu starten. Also schloss ich ein Abkommen mit meinem Kind. Alles, was es unterwegs erhielt und eingepackt war – bis auf eine Scheibe Wurst – wurde in den Einkaufskorb für später gelegt. Manch einer wird nun sagen, aber das Brötchen bekommen die Kids doch direkt in die Hand gedrückt… Auch hier wandte ich eine kleine List an und erklärte, dass das Kind gerade erst gegessen hätte, man möge es bitte in eine Tüte packen... Ja, ja, ich weiß, Mamas können so gemein sein...!

Daheim teilten wir die Süßigkeiten mit dem „Geschwisterkind“, welches bereits Vorschulkind war, und beide hatten Freude an den „Leckerchen“.
Auf diese Art und Weise reduzierte sich nicht nur die Zuckerzufuhr, nein, der Lerneffekt, dass man durchaus auch etwas abgeben kann, und teilen sollte, wurde spielerisch unterstützt…!

 


Auf der Suche nach dem großen Glück

 

Wir alle sind Wanderer, Suchende und Hoffende.
Manch einer hofft auf den Lottogewinn, wieder andere auf eine Erbschaft, ein Dritter, wartet auf die Rückmeldung seiner Bewerbung im gewünschten Ausbildungsberuf. ..! Fakt ist, wir alle haben Träume und Wünsche, Ziele und Hoffnungen in vielen Belangen.
Doch vergessen wir darüber nicht die kleinen Dinge des Lebens? Dinge, die es lebenswert, angenehm und schön machen? Liebenswürdigkeiten, Freundlichkeiten, Hilfsbereitschaft und so viel mehr?
Es sind die kleinen Dinge im Leben, die sich zu „einem großen Glück zusammenfügen“ können:

  • Das erste Lächeln des eigenen Kindes/Enkelkindes
  • Ein freundlicher Zeitgenosse, der mir eine Türe aufhält, wenn ich schwer zu Tragen habe
  • Frühlings- oder Sommerblüten auf der Wiese
  • Freundschaften, die sich über Jahrzehnte bewährt haben
  • Ein gutes Gespräch mit den Kollegen beim Essen
  • Ein lang erwarteter Brief/oder eine E-Mail
  • Diese Liste lässt sich endlos fortsetzen…
Es ist das irdische Glück, welches uns glücklich macht. Nicht die Suche nach dem einen, großen Glücksmoment.
Glück setzt sich aus vielen kleinen oder einzelnen Momenten, Erlebnissen und Begebenheiten zusammen, die unser Herz tief berühren und die Seele streicheln.Glück lässt sich schwer beschreiben. Man fühlt es, und wer es erfährt, strahlt es aus. Glück ist ein Geschenk, welches wir verstehen lernen müssen, damit wir es erkennen und annehmen können.

 


Erlebnis Rehabilitation


Was mich in meiner ersten Rehabilitation erwarten würde, ahnte ich wirklich nicht. Die Ziele für meine Genesung hatte ich im Vorfeld aufgeschrieben, Stressfaktoren eingerechnet und alle nötigen Papiere wie Röntgen-CD´s besorgt.

Bei all den Hochglanzbroschüren und Internetauftritten, sowie der Werbung im Allgemeinen, ist man geneigt, zu glauben, was einem suggeriert wird:

 

- an einen "Wellnesstempel" mit natürlicher Mineralwasserquelle

- dem persönlichen Therapeutenteam für Krankengymnastik und Ergotherapie

- dem versprochenen Komfort in den Zimmern

- einer Cafeteria mit Sterneküche ...


Spätestens vor Ort erkennt man, vieles wird "schöngeredet, oder hübsch abgelichtet"...

Letztendlich liegt es an unserer Wahrnehmung - wir glauben, was wir sehen.

Der Kurort, in dem ich mich seinerzeit befand, war kein "unbekanntes Örtchen". Von je her wurde hier gekurt!

Herzöge, Adel, Prinzregenten, selbst ein Zar gab diesem Städtchen die Ehre und der Glanz vergangener Zeiten begleitete den Besucher auf Schritt und Tritt. Beinahe an jedem Haus fand sich eine Plakette oder Gedenktafel mit historischen Verweisen auf diese Persönlichkeiten. Kein Wunder also, dass der Chefarzt in seiner Begrüßungsrede ebenfalls auf die Historie verwies....

Vielleicht glaubten deshalb einige Damen, der Adel wäre noch immer präsent und unterwarfen sich einem strengen Modediktat. Da kam ich mit meiner schlicht geschnittenen, aber praktischen Sportbekleidung kaum mit! Es musste ein Top drunter, eine Tunika mit Spaghettiträgern drüber und dazu das Luis Vuitton-Täschchen zur Gymnastik für die Hallenschuhe und Wasserflasche sein....

Der Badeanzug von weiß Gott wem entworfen, dazu Bikini oder Tankini mit Rüschen und Schleifen verziert waren die Eyecatcher der Rehamode. Deren zweifelhafte Tauglichkeit sich spätestens im Wasser offenbarte. Bei der Wassergymnastik rissen Träger oder der Stoff gab so extrem nach, dass der Ausschnitt bis zum Bauchnabel rutschte. Einigen teilnehmenden Herren dürfen "diese Perspektive" durchaus gefallen haben. 

Modisch waren die Herren im Vorteil. Ihnen genügte im Regelfall ein T-Shirt mit der Aufschrift ihrer Lieblingsbiermarke.

Es gab auch modebewusstere Herren. Sie bevorzugten Shirts mit Sprüchen wie:

Bitte küssen, ich bin Italiener!

Oder: Anfassen erlaubt....

Der Kurschatten war das Unwort der Rehabilitationseinrichtung. Heute heißt es kurz

RÜP = Rehabilitations-Überbrückungs-Partner

Am Ende der ersten Woche zeichneten sich bereits die ersten RÜP-Paare ab.

Zwei Mal in der Woche war An- wie Abreisetag. Das Menschengewimmel im Eingangsbereich und rund um die Cafeteria vermittelte einem das Gefühl Teil eines Ameisenstaates zu sein.

Irgendwann tauchte dann doch noch ein prominenter Mensch auf - jedenfalls sah er einem Prominenten sehr ähnlich. Sehr zur Freude der oben beschriebenen Supermodels. Ein stattlicher Mann. Besonderes Augenmerk lag auf seinem Bart, eine Klasse für sich: Wie im Kino waren Perlen eingeflochten. Seine Haare trug er nicht offen, (denn da waren kaum welche), der Rest war zu einem schlichten Pferdeschwanz gebunden.

Lederjacke, coole Brille, die eingeflochtenen Bändchen im Bart, fuhr er mit dem Motorrad die Auffahrt hinauf.  Das Alter machte auch vor ihm nicht halt. Auch er hatte seine Probleme - Schlafstörungen auf jeden Fall, denn er knatterte  kurz vor sechs Uhr in der Frühe mit seinem Motorrad um die Klinik. Verwegener Blick und bei genauer Betrachtung hatte er durchaus Ähnlichkeit mit Gandalf dem Grauen aus Herr der Ringe - in jüngeren Jahren....

Am Ende der Kurmaßnahme erkannten die meisten Gäste, tendenziell wird auch hier mit Wasser gekocht, sowie gute Selbstdarstellung fürs Marketing betrieben.

Letztendlich sollte das persönliche Wohlbefinden und die Genesung im Fokus stehen. Keinesfalls die Belanglosigkeiten eines Essensplans, der nicht der angekündigten Vier-Sterne-Küche entspricht, oder die modischen Auftritte auf dem tristen Teppichstreifen zwischen Anmeldung und Wasserspender! Die Menschen, die uns vor Ort helfen und mit Ratschlägen, oder mit Tipps für das alltägliche Leben helfen, sind wichtig! Auch nicht nur die Umgebung oder die vermeintliche Sterneküche.

 

 

Elfenzorn:


In einer Zeit, in der Menschen und Feen zufrieden miteinander lebten, besaßen die Elfen noch ihre Zauberkräfte, und die Macht das Böse abzuwehren. Die Harmonie zwischen den Welten war somit ausgeglichen. Doch die Machtgier einiger Menschen nahm zu. Sie wollten einerseits mehr über die geheime Welt der Elfen wissen, oder sich andererseits ihre Magie zunutze machen. Manch einer glaubte, es gäbe verborgene Schätze an Berghängen, im Wiesenrain und den tiefen Wäldern, wo einige alte Feenvölker lebten.

Die älteren und weisen Feen zogen sich mehr und mehr aus der Menschenwelt zurück, wieder andere glaubten nicht mehr an ihre Werte. Sie lebten mit den Menschen und zeugten Kinder, die zu Halbelfen wurden. Viele von ihnen waren sich des alten Wissen nicht mehr bewusst, oder konnten ihre vorhandenen Kräfte nicht immer kontrollieren …

Siri war eine Halb-Elfe. Sie liebte das Ballett und die Natur, hatte eine liebe wie gute Menschenfreundin gefunden und besuchte die achte Klasse des Gymnasiums. In Biologie war sie unschlagbar. Sie ahnte nicht einmal, dass all ihr Wissen auch die uralte Elfenmagie enthielt. Marietta ihre Freundin bewunderte sie sehr und war ein wenig eifersüchtig, dass Siri all dieses Wissen scheinbar zuflog. Die beiden Mädchen hatten viele Gemeinsamkeiten und so war es nicht verwunderlich, dass sie bei all ihren gleichen Interessen irgendwann einmal für denselben Jungen schwärmten.


Konrad war bereits in der elften Klasse. Er interessierte sich sonst kaum für Mädchen, da er sich auf das Abitur vorbereitete und gerade deshalb entstand ein Wettstreit zwischen Siri und Marietta um die Aufmerksamkeit von Konrad.

Du scheinst dich für Konrad zu interessieren“, sagte Siri mit honigsüßer Stimme zu Marietta.

Ja, er gefällt mir, daher habe ich mich für den Kurs in Fotographie angemeldet. Konrad ist auch im Kurs und dort habe ich mehr Möglichkeiten mit ihm ins Gespräch zu kommen“, erzählte Marietta ihr noch ohne Argwohn.

Siri nickte und machte sich eigene Gedanken.

Ihre Eltern lebten in einem Haus in der Nähe des Waldes, mit einem großen Garten. Oftmals lag ein dichter Nebel über dem Grundstück, was ihr unwirklich wie geheimnisvoll aussehen ließ. Sie überlegte und kam zu dem Schluss, dass es Konrad gewiss interessieren würde, hier seine Schwarz-Weiß-Fotos zu machen…

Wenige Tage später lud Siri Konrad zu sich ein, damit er sich vor Ort ansehen konnte, wie traumhaft die Natur mit einem Nebelschleier aussehen konnte, die sie ihm zuvor in den glühendsten Farben geschildert hatte.

Das ist ja phantastisch“, schwärmte er.

Genauso eine Stimmung wollte ich mit meiner Kamera einfangen.“

Siri lächelte kokett und stellte sich an einen Baum, von dem sie wusste, dass er ihre elfenhafte Aura zur Geltung brachte. Prompt fotografierte er sie und zeigte seine bearbeiteten Bilder von dem bezaubernden Haus und Siri am Folgetag in der Gruppe.

Marietta platzte fast vor Wut, als sie die Bilder sah.

Was bildet Siri sich bloß ein? Sie wusste doch ganz genau, dass ich mich in Konrad verliebt habe“, dachte sie grimmig. Marietta fand es gemein von Siri, sich nun auch an Konrad heranmachen zu wollen…

Na warte“, dachte sie ärgerlich, „die nächste Mathematikarbeit kommt bestimmt, dann wirst du dich aber wundern Siri…“.

Siri kaute gelangweilt auf ihrem Füller herum und hatte noch keine Matheaufgabe zu Ende gelöst. Sie verstand Mathe einfach nicht. Jedes Mal hatte Marietta ihr bei den Lösungswegen geholfen, indem sie ihr das Löschblatt ihres Heftes zuschob, so dass sie abschreiben konnte. Doch dieses Mal tat Marietta so, als wüsste sie selbst die Lösungen nicht. Kurz bevor die Hefte abgegeben werden mussten schrieb sie rasch alle Ergebnisse hin und klappte ihr Heft zu. Ohne Siri eines Blickes zu würdigen, ging sie nach vorne ans Lehrerpult und gab die Arbeit ab.

Siri spürte wie Ärger und Wut in ihr aufwallten. Sie wurde vor Zorn dunkelrot im Gesicht, so dass kleine goldene Lichtpunkte in ihren Haaren zu glänzen begannen. Siri spürte eine Energie in sich brennen, die sie noch nie wahrgenommen hatte.

Was war denn jetzt los?“, dachte sie mit leichter Panik

In der Pause ging ihr Marietta aus dem Weg und sprach nicht einmal mit ihr.

Stattdessen stand sie in einer Ecke mit Konrad zusammen und kicherte albern, als er einen Scherz machte.

Siri drehte sich auf dem Absatz um und stürmte in die Mädchentoilette, da ihr schon wieder so heiß wurde. Als sie in den Spiegel sah, bemerkte sie, dass kleine Lichtpunkte in ihren Haaren leuchteten. Siri war sprachlos, fand aber, dass sie mit den lichtgesprenkelten Haaren noch hübscher aussah als vorher.

Vermutlich ist das die Pubertät bei uns Halb-Elfen“, überlegte sie und freute sich trotz ihres Ärgers diebisch, dass sie nun hübscher als ihre Freundin war. Sie wusste von ihrer Mutter, dass sie als Halb-Elfe mit allerlei Überraschungen zu rechnen hatte, die bei jeder Halb-Elfe anders ablaufen konnten.

Zum Ende des Unterrichts beobachtete Siri, dass Marietta auf das Moped von Konrad stieg und mit ihm davon fuhr.

Da war es um ihre Fassung geschehen. Die erneut aufwallende Wut verlieh ihr Kraft wie Schnelligkeit. Sie stieg auf ihr Fahrrad und radelte mit ungewohnt hohem Tempo hinter den beiden her. Immer darauf bedacht, den Abstand zu wahren, dass sie nicht sofort entdeckt wurde, folgte sie ihnen auf den alten Friedhof. Der Tag war regnerisch und ein leichter Schleier lag über den Grabsteinen des uralten jüdischen Friedhofs.

Siri versteckte sich hinter einem großen immergrünen Feuerdornstrauch, um das weitere Geschehen zu beobachten.

Er macht tatsächlich auch Fotos von Marietta“, folgerte sie.

Eine enorme wie, unheilvolle Kraft wuchs in Siri, denn sie befand sich an einem kraftvollen wie magischen Ort. Sie ahnte nicht, dass der Feuerdorn ihr schadete, da das Blut einer Feuerelfe durch ihre Adern floss. Binnen Sekunden entzündete sich der Busch. Alles um sie herum stand in Flammen. Der trockene Busch explodierte förmlich und das Licht war gleißend hell. Fast blind irrte Siri durch das Dickicht und stolperte langsam daraus hervor. Doch auch sie selbst hatte einiges abbekommen, ihre Jacke hatte Feuer gefangen, die Haare waren angesengt. Laut schreiend, mit dem Gefühl erblindet zu sein, tastete sie sich aus dem Inferno, welches sie selbst durch ihre Wut entfacht hatte.

Konrad und Marietta zuckten erschrocken zusammen. Fassungslos starrten sie auf Siri die aus dem Flammenbusch kam. Während Konrad fasziniert durch den Sucher seiner Kamera schaute und einiges Fotos machte, griff Marietta nach einer Gießkanne und löschte Siris Jacke. Danach zerrte sie Siri mit sich zum Brunnen und half ihr vorsichtig das Gesicht zu waschen. Siris Augenbrauen waren verbrannt, die Haare angesengt, auf ihrem Oberarm hatte sich eine Brandblase gebildet. Während Konrad hilflos zusah, wie Marietta Siri die Jacke auszog, atmete Siri völlig aufgewühlt ein und aus, als bekäme sie keine Luft.

Es ist alles in Ordnung, Siri“, redete Marietta leise auf sie ein.

Du hast glücklicherweise nur eine große Brandblase am Arm, die heilt schnell wieder ab. Mit etwas Glück, sieht man nicht einmal eine Narbe…“.

Benommen sah Siri in die Richtung aus der Mariettas Stimme kam.

Ich kann nichts sehen“, weinte sie panisch.

Konrad half Siri auf sein Moped und langsam schoben sie das hilflose Mädchen nach Hause.

Ihre Mutter stand schon am Gartentor. Sie wirkte völlig aufgeregt und sah fassungslos auf die leise weinende Siri.

Ich spürte, dass etwas geschehen sein musste“, flüsterte sie heiser vor Sorge.

Mit einem Blick erkannte sie, dass ihre Tochter nichts sehen konnte.

Kommt mit in den Garten“, sagte sie knapp und führte Siri unter eine Buche.

Über das, was ihr jetzt seht, müsst ihr Euer ganzes Leben lang Stillschweigen bewahren“, sagte sie im verschwörerischen Ton.

Marietta wie Konrad konnten nur nicken, zu bedeutungsvoll waren der Schrecken und die Angst um Siri, ob sie wieder sehen würde.

Siris Mutter wusste, dass die beiden schweigen würden und klopfte drei Mal auf den Buchenstamm. Dazu murmelte sie Worte in einer Sprache, die niemand verstand, geschweige denn nachsprechen konnte.

Langsam stiegen glitzernde Lichter aus der Baumkrone auf und schwebten hinunter auf die Erde. Sie sammelten sich und begannen, sich im Rhythmus einer nicht hörbaren Melodie um den Buchenstamm zu bewegen. Siris Augen waren weit aufgerissen, so als wolle sie etwas sehen, was in weiter Ferne lag.

Als der Elfentanz endete, schien sie aus einer anderen Welt zu ihnen zurückgekehrt zu sein.

Mutter, was ist mit mir geschehen?“, fragte sie verwirrt.

Deine kraftvolle Magie hat dich zur vollwertigen Feuerelfe gemacht. Deine Schwestern haben dir den Weg gewiesen, wie du mit deiner Gabe umgehen musst, um weder dir noch anderen Schaden zuzufügen“, antwortete ihre Mutter schlicht.

Mit großen Augen hatten ihre Freunde zugesehen und bemerkten erst jetzt, dass Siri offensichtlich wieder sehen konnte.

Erleichtert fielen Marietta und Siri sich in die Arme.

Seit dieser Zeit sind die Beiden wieder unzertrennlich.

Konrad wurde beiden Mädchen ein ehrlicher wie aufrichtiger Freund.

Nie wieder, so schwor er sich, wollte er zwischen zwei Freundinnen entscheiden - oder noch schlimmer - sich dem Zorn einer stürmischen wie eifersüchtigen Feuer-Elfe stellen müssen…

 

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